Primarschüler in Rüti lernen ihre Kinderrechte kennen
Zwischen Diskriminierung und Meinungsfreiheit
Am Internationalen Tag der Kinderrechte beschäftigen sich Primarschüler aus der Region mit ihren Rechten. Eine Schulklasse aus Rüti widmete den Themen gleich eine Doppellektion.
Für einmal herrscht eine ernste Stimmung im Schulzimmer der 6. Klasse der Primarschule Fägswil in Rüti. «Ich wurde von anderen Kindern diskriminiert, weil ich klein bin», erzählt ein Kind. Und auch die anderen Schülerinnen und Schüler beginnen, ihre negativen Erfahrungen zu teilen.
Die Gründe für die Hänseleien sind vielfältig: zu fett, zu dünn, zu klein, zu gross. «Mir hat jemand das N-Wort gesagt», erzählt ein Junge. «Mich hatte jemand diskriminiert, weil ich Ausländer bin», ergänzt ein weiteres Kind. Sei es die Herkunft, die Religionszugehörigkeit, das Aussehen oder die Sprache. Diskriminierungen haben in dieser Klasse alle erlebt.
Gegen Diskriminierung, für Meinungsäusserung
Im Rahmen des Internationalen Tages der Kinderrechte befasste sich die Schulklasse in Rüti am Montag mit den Themen Diskriminierung und Meinungsfreiheit. Initiiert hatte die Aktion das Amt für Jugend und Berufsberatung (AJB).
Was sind Kinderrechte?
In der UNO-Kinderrechtskonvention sind über 40 Kinderrechte festgehalten. Auch die Schweiz hat sich dazu verpflichtet, diese Rechte für unter 18-Jährige umzusetzen. So hat beispielsweise jedes Kind ein Recht darauf, gesund und sicher aufzuwachsen, sein Potenzial zu entfalten, angehört und ernst genommen zu werden. (jgu)
«Wir führen diese Aktion zum ersten Mal durch», so Katja Bluntschli, Geschäftsführerin der Bezirke Hinwil, Meilen, Pfäffikon und Uster des AJB. Eine Arbeitsgruppe konzipierte ein faltbares Büchlein für Kinder sowie einen Flyer für deren Eltern, um auf die Kinderrechte aufmerksam zu machen.
Rund 3500 Kinder und Erziehungsberechtigte in 42 Gemeinden der Bezirke Hinwil, Pfäffikon, Uster und Meilen erhielten die Unterlagen. «Wir wollten eine Brücke schlagen zwischen Schule und Elternhaus. Unser Anspruch war es, über die Schulen hinaus Gespräche über die Kinderrechte mit den Eltern und Erziehungsberechtigten anzustossen», sagt Bluntschli. Die Kinder sollten dabei die Kinderrechte mit Leichtigkeit und auf spielerische Weise kennenlernen.
Um sich aus der Liste der Rechte für Kinder auf zwei zu fokussieren, orientierte sich das AJB an zwei Kinderrechten, die für die Kinder in der Region an Relevanz aufweisen: «Die Meinungsfreiheit und das Recht auf Nicht-Diskriminierung stehen in einem für Kinder manchmal nicht nachvollziehbaren Spannungsfeld zueinander.»
Die Schulen konnten beim AJB die Unterlagen bestellen und den Kindern verteilen. Manche Klassen vertieften die Kinderrechte zusätzlich während der Schulzeit. So entschied sich auch Lehrerin Christa Kohler der 6. Klasse in Rüti, mit der Unterstützung des Schulsozialarbeiters, dazu, sich mit ihren Schülerinnen und Schülern mit den Themen Diskriminierung und Meinungsfreiheit auseinanderzusetzen. «Mir ist es wichtig, dass die Kinder über ihre Rechte Bescheid wissen», sagt Kohler.
Weshalb diskriminieren Kinder?
Diskriminierende Beleidigungen begleiten die Kinder täglich. «Ausgrenzung, Mobbing und andere Formen der Diskriminierung kommen im Schulalltag häufig vor und fordern Aufklärung und Intervention von Schulsozialarbeitenden, Lehrpersonen und Schulleitenden», so Bluntschli.
Auch in Rüti zeigt sich: «Du Schwuler» oder «Du bisch behindert» sind geläufige Beschimpfungen. Für Kaya Straub, Schulsozialarbeiter der Schule Fägswil, liegt der Ursprung solcher Äusserungen im Umfeld der Kinder. «Von älteren Kindern, von zu Hause und über soziale Medien übernehmen die Kinder solche Muster.»
Doch nicht in allen Fällen ist auf den ersten Blick erkennbar, ob eine Aussage diskriminierenden Charakter hat oder eben nur eine Meinung darstellt, wie die folgenden Beispiele zeigen:
- «Manuel gehört nicht zu unserer Gang. Mit ihm spielen wir nicht.»
- «Anna finde ich doof. Ich lade sie nicht zu meiner Party ein.»
- «Lina hat so gute Noten, weil sie immer abschreibt.»
Anhand solcher Beispiele setzen sich die Kinder mit dem Spannungsfeld zwischen Diskriminierung und Meinungsfreiheit auseinander.
Einstecken oder zurückgeben
Der Spagat zwischen den beiden Kinderrechten gelingt nicht immer. Zur Veranschaulichung, wie sich Diskriminierungen von Meinungen unterscheiden, führt die 6. Klasse am vergangenen Montag in Gruppen kurze Theaterszenen auf.
Die Kinder stellen diskriminierende Situationen in Bezug auf das Aussehen, Beeinträchtigungen, Herkunft, Religion oder Sprache sowie Armut selbst nach. Anfangs tun sich die Primarschüler schwer, eine passende Idee zu finden, doch schon bald blühen sie in ihrer Aufgabe auf. Die Kinder teilen ihre Rolle zu – in Provokateure und Diskriminierte.
Letztere reagieren in den Szenen beinahe identisch. Als sie selbst Opfer von Diskriminierung werden, drehen sie den Spiess einfach um und beleidigen die Provokateure zurück. Ein Karussell an Beleidigungen nimmt an Fahrt auf. Lediglich einzelne Schüler versuchen, deeskalierend entgegenzuwirken.
«Es handelt sich bei jenen Schülern um sogenannte Peacemaker – also Friedensstifter», erklärt die Klassenlehrerin. Das sind eigens von der Schule ausgebildete Schüler, die sich aktiv gegen Diskriminierung einsetzen und bei Streitigkeiten dazwischengehen. Die Schule Fägswil sammelt mit dem Einsatz der Peacemaker seit drei Jahren Erfahrungen.
Die Meinung der Kinder ist gefragt
Wie sich in der Primarschule in Rüti zeigt, ist es für die Kinder sehr wichtig, weiterhin ihre Gedanken und Gefühle teilen zu können. «Erwachsene sollten Kindern zuhören, weil wir auch eine Meinung haben», erklärt ein Mädchen. Doch manche Kinder in der Klasse fühlen sich gerade von ihren Eltern nicht wahrgenommen. Ein Kind erzählt: «Wenn mich meine Eltern ignorieren, muss ich laut werden, damit sie mir zuhören.»
Bei anderen Kindern ist die Meinung zu Hause dann gefragt, wenn es um praktische Angelegenheiten wie die Ferienplanung oder Wünsche für den wöchentlichen Einkauf geht.
Und in der Schule bringen sich die Kinder auf unterschiedlichste Art und Weise ein. Als die Schule Fägswil den Bau eines neuen Spielplatzes plante, durften die Schülerinnen und Schüler in einer Umfrage ihre Anregungen teilen.
Jede Klasse verfügt zudem über Vertreter, die sich im Schülerparlament für Anliegen der Klasse einsetzen. Wegen des Einsatzes jenes Schülerparlaments stehen heute auf dem Pausenplatz gar Basketballkörbe.