«Ich habe meine besten Jahre wie eine Nonne verbracht»
Eine Sektenaussteigerin erzählt
Wer Eva Pearlman singen hört, denkt nicht, dass sie 12 Jahre ihres Lebens in einer Atmosphäre der Angst verbracht hat. Ihre Leidenschaft für Musik ist heute ihre Existenzgrundlage.
Eva Pearlman aus Effretikon sucht Sängerinnen und Sänger für ihr Chorprojekt «Dirty Dancing». Im kommenden März will sie die Achtzigerjahre-Hits mit einem «StandUp Choir» und einer professionellen Begleitband aufführen.
Die Musikerin setzt nur sechs zweistündige Proben an, dann kommt schon das Konzert im Stadthaussaal. Tänzerinnen der Dance Gallery Effretikon sind ebenfalls dabei. «Da muss man sehr effizient sein», erklärt Pearlman, «es gibt keine Noten, sondern Texte und Aufnahmen, an denen man sich orientieren kann.»
Die Teilnahme kostet 250 Franken, das Publikum zahlt Eintritt. Auch in Winterthur veranstaltet die Vocal Coachin «Chorerlebnisse für alle, die gerne singen». Zwei Stunden «StandUp Choir» in der ESSE Musicbar kosten 40 Franken. Es ist also ein Geschäftsmodell.
Eva Pearlman selbst hat ihre Ausbildung am Winterthurer Institut für aktuelle Musik (WIAM) gemacht, relativ spät in ihrem Leben. Und Pearlman sei gar nicht ihr richtiger Name, sagt sie im Gespräch mit dieser Zeitung.
Geistlicher Missbrauch in der Freikirche
Die 53-Jährige atmet durch und fängt an zu erzählen: Mit 20 Jahren schloss sie sich, gemeinsam mit ihrem späteren Ehemann, der Gemeinschaft von KSB an. KSB steht für Kwasizabantu, eine evangelikale Mission aus Südafrika, die einen Ableger in Kaltbrunn SG gründete.
Vor gut einem Jahr holte ein SRF-Dokfilm ehemalige Schülerinnen und Anhänger der Gemeinschaft vor die Kamera. Sie berichteten von körperlicher Züchtigung, arrangierten Ehen bis hin zu einer vertuschten Vergewaltigung.
Im Mittelpunkt des Berichts stand das aktive Engagement des ehemaligen Schokoladen-Unternehmers Jürg Läderach in der heutigen Evangelischen Gemeinde Hof Oberkirch. Eine frühere Untersuchung der Staatsanwaltschaft St. Gallen ist abgeschlossen.
Sie erachtete die Missbrauchsvorwürfe als verjährt, zudem fehlte es an Strafanträgen und Ermittlungsansätzen im Verdacht auf Vergewaltigung und sexuelle Handlungen mit Kindern.
Die selbst kinderlose Eva Pearlman sagt, sie hätte damals nicht gewusst, dass in der Schule «Domino Servite» Jugendliche geschlagen worden seien. «Ausser den Boden zu schrubben, hatte ich nichts zu tun in der Schule.» Zwölf Jahre lang erduldete sie die untergeordnete Rolle, die ihr als Frau von den selbst ernannten Predigern und Seelsorgern zugeteilt wurde.
Sie trug lange Röcke, schminkte sich nicht, trug keinen Schmuck und diente der Gruppe. «Da verging kein Tag ohne schlechtes Gewissen. Sünde musste bekannt werden, damit man rein war, falls Gott mich demnächst von der Erde holen würde.»

Die Glaubensanhänger seien überzeugt gewesen, dass sie «die Botschaft der Erweckung», «das Licht», gehabt hätten. Es sei auch eine Arroganz gegenüber Andersdenkenden gewesen, sagt Eva Pearlman heute. Was mit ihr geschehen ist, nennt sie geistlichen Missbrauch.
«Man muss keine körperliche Gewalt erleben, um Opfer in so einem System zu werden.» Allerdings ist sie der Meinung, dass auch die Täter Opfer gewesen seien, da sie innerhalb der Missionskirche unter Druck standen.
Sie muss sich beim «grauen Haupt» entschuldigen
«Es braucht immer zwei», sagt sie, auch mit Blick auf die jungen Mädchen, die die Anführer angehimmelt hätten. Sie selbst stellte viele Fragen, doch es habe gegolten: Einem Mann widerspricht man nicht. Als sie als dortige Chorassistentin einen älteren Herrn, der sie «endlos provoziert» habe, bei der Probe zurechtgewiesen habe, folgte die Abkanzelung auf dem Fusse.
Ein «Ältester» machte ihr klar, es gehe nicht an, dass sie mit einem «grauen Haupt» in dieser Art und Weise spräche. Sie musste sich vor den anderen bei ihm entschuldigen.
Auch dass sich in ihrer Ehe kein Nachwuchs einstellte, sei ein ständiger Angriffspunkt gewesen. «Wenn ich Kinder gehabt hätte, wäre ich ‹versorgt› gewesen, dann hätte ich meine Aufgabe gehabt und nicht aufgemuckt.»
Doch nachdem ihr Mann schon die Flitterwochen verkürzt hatte, um einen alten VW-Bus in eine rumänische Schwestergemeinde zu fahren, erkannte sie bald, dass sein «unermüdlicher Einsatz für das Reich Gottes» von ihrer gemeinsamen Zeit abging. «Er arbeitete tagsüber in seinem gewohnten Job und nachts für die Kirche.»
Gemeinsamer Ausstieg, doch Ehe zerbricht
Doch 2003 war auch ihr Mann so weit, den Ausstieg aus der Missionsgemeinde zu vollziehen. «Ich selbst wäre schon viel früher ausgestiegen, aber er hatte die alleinige Entscheidungsmacht für uns, und ich wollte meine Ehe nicht gefährden.» Sie hätten massive psychische Probleme gehabt und machten Therapien als Einzelpersonen wie auch als Eheleute.
Dennoch zerbrach die Beziehung, und Eva Pearlman musste auf eigenen Beinen stehen. «Ich habe meine besten Jahre nonnenartig in der Gruppe verbracht», sagt sie. Alltägliches habe sie lernen müssen, zum Beispiel, wie man eine Rechnung bezahlt.
«Meine Angst vor allem war sehr prägend. Deshalb habe ich mir die Ausbildung erst nicht zugetraut.» Über eine kaufmännische Berufsmatur bildete sie sich weiter und legte anschliessend die eidgenössische Matura ab. Ein Jahr später begann sie das Musikstudium und kam im WIAM gleich in die professionelle Klasse.
Um ihre Karriere zu unterstützen, hat sie den klingenden Künstlernamen Pearlman angenommen. «Heute weiss ich, man kann es schaffen, wieder in ein sinnvolles Leben zu finden. Ich habe es auch auf die Reihe bekommen.»
24. November, 17.30 Uhr. Eva-Pearlman-Konzert in der Kirche Weisslingen, «Soul & Good Vibes» mit Special Guests «Dezibelles». Eintritt frei, Kollekte. www.eva-music.ch
