Bezirk Hinwil

Bezirk Pfäffikon

Bezirk Uster

Tösstal

Themen

Specials

Services

ZO Portale

Abo

Gesellschaft

Hans-Werner Reinfried aus Uster löst «menschliche Rätsel»

Als Gerichtsgutachter sieht Hans-Werner Reinfried düstere Lebensgeschichten. Wie er es dennoch schafft, sie zu verstehen.

«Es ist wichtig, Menschen zu erfassen und in ihrer Welt einen Schritt weiterhelfen zu können.»

Foto: Karin Sigg

Hans-Werner Reinfried aus Uster löst «menschliche Rätsel»

Psychologe und Gerichtsgutachter

Menschen und ihre Lebensgeschichten zu verstehen, ist seine Passion – Hans-Werner Reinfried erzählt, was ihn auch mit 75 Jahren noch täglich antreibt.

Die Praxisräume in Uster sind lichtdurchflutet und gemütlich, die bequemen Sessel laden zum Plaudern ein. Hier haben schon Menschen unterschiedlichster Altersgruppen und Schichten gesessen und sich ihre Not von der Seele geredet.

Die einen, um sich von Hans-Werner Reinfried in seiner Rolle als Psychologe helfen zu lassen. Die anderen, weil sie aufgrund einer gerichtlichen Anordnung von ihm in seiner Rolle als rechtspsychologischer Gutachter beurteilt werden sollen.

Wie ist es wohl, einem Gerichtsgutachter gegenüberzusitzen? Die Vorstellung, innert weniger Minuten kritisch gescannt, analysiert und in eine Schublade gesteckt zu werden, kann etwas einschüchternd wirken.

Im Gespräch mit Reinfried wird jedoch schnell klar, dass er nicht dem gängigen Klischee des knallharten Gerichtsgutachters entspricht. Der Fachpsychologe wirkt entspannt und verständnisvoll. Nur sein wacher, aufmerksamer Blick verrät, dass ihm an seinem Gegenüber nichts entgeht.

Vertrauensbasis schaffen

Vor allem bei Menschen, für die das Gericht ein Gutachten angefordert hat, sei die Kooperationsbereitschaft nicht immer gegeben. Verständlicherweise: Denn je nach Gutachten kann dies massive Auswirkungen für sie bedeuten – wie beispielsweise das Strafmass bei Delikten. «Es gibt Klienten, die zu Beginn sehr ablehnend sind», sagt Hans-Werner Reinfried.

Wie die Menschen empfangen und aufgenommen würden, sei wichtig, verrät der Ustermer mit seiner ruhigen Stimme. «Sie sollen nicht das Gefühl bekommen, dass ich die Fortsetzung des Gerichts bin.»

Ein Gutachter müsse sich dafür interessieren, welche Geschichten sich hinter den Menschen verbergen. «Und diese auf gewisse Weise würdigen, auch wenn sie teils grässlich sind.» Er will hier gar nicht ins Detail gehen.

Doch die Fälle, mit denen der 75-Jährige in seinem Leben zu tun hatte, reichen von Schlägereien und Diebstahl über Brandstiftung bis zu Mord und weiteren schwerwiegenden Delikten.

Nur einmal wurde er nach einer von ihm ausgestellten Begutachtung von der betroffenen Person bedroht. Der Mann sei mit seiner Beurteilung nicht einverstanden gewesen und hätte Reinfried am Telefon gedroht, bewaffnet bei ihm aufzukreuzen. «Er liess sich zum Glück bald beruhigen und wollte sich später dann sogar bei mir in psychotherapeutische Behandlung begeben.»

Man sieht den Psychologen, Gerichtsgutachter und Autor Hans-Werner Reinfried.
Auch der Experte hat sich schon mal getäuscht und musste seine Einschätzung später anpassen.

Um ein fundiertes Gutachten zu erstellen, ist es für Reinfried unabdingbar, eine Beziehung zum Menschen aufzubauen. Und das nehme schon mal sechs bis zehn Stunden pro Person in Anspruch. Hinzu kommt die Recherchearbeit – da würden sich ganze Bananenschachteln mit Akten stapeln.

«Geht es nur um die Frage, ob eine schwere psychische Erkrankung vorliegt, kann dies auch in kürzerer Zeit festgestellt werden», relativiert er. Dies sei unter anderem für Klinikeinweisungen notwendig.

Ginge es aber um komplexere Fälle, zum Beispiel darum, eine Erziehungsfähigkeit festzustellen, müsse viel tiefer gegraben werden. Dies erfordere auch das Einholen von Informationen bei verschiedenen Kontaktpersonen, wie etwa Lehrern, Beiständen, Grosseltern.

Vernachlässigte Kinder beschäftigen ihn

Gerade wenn es um Kinder und Jugendliche ginge, die in sehr verwahrlosten Familien lebten, seien das nicht immer schöne Geschichten. «Ich musste lernen zu akzeptieren, dass nicht alle Kinder glücklich aufwachsen können.»

In solchen Fällen gelte es abzuschätzen, ob die Kinder damit zurechtkommen und bei der Familie bleiben können. Oder ob sie daran zerbrechen könnten und ein Eingriff notwendig werde. «Leider gibt es nicht immer optimale Lösungen», sagt er bedauernd, «oft müssen Kompromisse eingegangen werden.»

Allerdings seien diese nicht in Stein gemeisselt. «Betroffene Familien werden eng begleitet und bei Veränderungen wieder neu beurteilt.» Zwangsmassnahmen seien glücklicherweise nur selten nötig. «Aus der Not heraus sind die meisten Klienten einsichtig, dass sie Unterstützung brauchen.»

Seine Miene hellt sich auf, als er von der Begegnung mit einem seiner Klienten auf der Strasse erzählt, der quer über den Platz rief: «Das ist mein Psychologe.» Worauf ihn der junge Mann dann all seinen Kumpels vorgestellt hätte. «Er attestierte mir, voll in Ordnung zu sein, worauf seine Kollegen auch Termine mit mir vereinbaren wollten», erzählt er schmunzelnd.

Rätsel hinter den Menschen lassen ihn nicht los

Einen Menschen dazu zu bringen, von sich und seinen Umständen zu erzählen, sei der Schlüssel zum Erfolg. Und das zu schaffen, treibt ihn auch weit über das Pensionsalter hinaus täglich an. «Jeder Mensch, der in meine Praxis kommt, gibt mir ein neues Rätsel auf.»

Das mag der Grund sein, weshalb der Psychologe und Gerichtsgutachter auch mit 75 Jahren noch nicht ans Aufhören denkt. «Ich nehme aber nur noch so viele Fälle an, wie ich sie in realistischer Zeit bearbeiten kann», wendet er ein.

Denn dass ein Fall trotz sorgfältiger Abklärungen zeitnah abgeschlossen werden kann, sei vor allem für die betroffenen Personen sehr wichtig. «Sie sollten nicht zu lange im Ungewissen gelassen werden.»

An Arbeit fehlt es den wenigen anerkannten Gutachtern in der Region nicht. Tendenziell würden eher viele Gutachten gemacht. Das hänge mit den gesetzlichen Vorgaben zusammen: «Viele Entscheidungen dürfen die Gerichte nicht fällen, ohne dass eine Fachperson ihre Meinung dazu gegeben hat.»

In den zwanzig Jahren seiner Tätigkeit als Gutachter hätten die Gerichte seine Schlussfolgerungen fast immer nachvollziehen können und die Vorschläge entsprechend umgesetzt. Allerdings hätte er auch schon Fälle gehabt, da er sich in den ersten Gesprächen in einem Menschen getäuscht habe. «Ich merkte im Verlauf des Falls, dass ich meine Erstmeinung anpassen musste.»

Der Weg zum Gerichtsgutachter

«Der Beruf des Gerichtsgutachters kann teilweise in der Theorie erlernt werden», sagt der Experte, der Lehraufträge in ganz Europa hatte.

Allerdings sei das Wichtigste in diesem Beruf ein sehr grosser persönlicher Erfahrungsschatz. «Darauf muss man zurückgreifen können, wenn es einzuschätzen gilt, was in der Gesellschaft geht und was nicht.»

Ein Einblick in seinen Werdegang zeigt, dass sich der Erfahrungshorizont von Hans-Werner Reinfried sehr weit erstreckt. Nach einigen Berufsjahren als Lehrer in Kleinklassen und Spezialschulen, arbeitete er nach dem Psychologiestudium mit Drogenabhängigen vom Platzspitz und hatte in einer Unfallklinik mit Patienten in der Neurorehabilitation zu tun.

Mehrere Jahre betreute er in Strafvollzugsanstalten sowohl jugendliche, als auch erwachsene Delinquenten. Und dazwischen auch immer wieder Erwachsene und Familien mit ganz alltäglichen Sorgen, beispielsweise um ihre (pubertierenden) Kinder.

Ein Spektrum, das es seiner Meinung nach braucht, um Menschen realistisch einschätzen zu können. «Auch Menschen aus geordneten Verhältnissen können sich delinquent benehmen, lügen und hintergehen.» Er plädiert dafür, nicht ins «Gut-Böse-Schema» zu verfallen. «Es gibt keine perfekte Art, zu leben», sinniert er. «Wir brauchen die Vielfalt in unserer Gesellschaft.»

Faszination für die Menschen

«Es fasziniert mich, wie unterschiedlich Menschen mit Herausforderungen im Leben umgehen», resümiert Reinfried. «Diese Faszination begleitet mich auch im Alltag und im Freundeskreis.»

Als er das sagt, umspielt ein schelmisches Lächeln seine Mundwinkel. Vermutlich hat er auch in diesem Gespräch eine Beurteilung seines Gegenübers durchgeführt. Es wirkt dennoch nicht einschüchternd.

Buch «Veränderlich – oder des Lebens lauter Frühling»

In seinem Roman erzählt Hans-Werner Reinfried die fiktive Geschichte von Robin Hauser, der auf der Schwelle zum Erwachsenenleben steht. Nach einer abgebrochenen Lehre scheint er mal mehr, mal weniger vom Weg abzukommen, was nicht nur ihn selbst, sondern auch seine Eltern ratlos und unsicher macht.

Bildhaft beschreibt der Autor die Charaktere und ihre Art, mit Herausforderungen umzugehen. Seine Anekdoten regen mal zum Nachdenken, mal zum Schmunzeln an.

Nach vielen Fachbüchern hat der Gutachter, der auch Literatur studierte, erstmals einen Roman herausgegeben. Er sieht das Schreiben als vergnüglichen Ausgleich zu seiner Arbeit.

Er erklärt zudem, dass psychologische Abläufe in guten Romanen viel anschaulicher beschrieben würden als in Fachliteratur. Und damit auch den Grund, weshalb er gerne Belletristik liest und dies auch Psychologen und Juristen empfiehlt.

Hans-Werner Reinfrieds Buch «Veränderlich oder des Lebens lauter Frühling» umfasst 200 Seiten, gebunden, Edition Königstuhl 2024, ist im Buchhandel erhältlich.

Man sieht das Buch «Veränderlich» von Hans-Werner Reinfried.
Nach zahlreichen Fachbüchern hat Hans-Werner Reinfried erstmals einen Roman herausgegeben.

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.

Kontakt

Inserieren

Abo

Services

Über uns