Oh du leidige Vorweihnachtszeit
Tösswegs
Ich mag den Herbst. Wenn sich die Blätter verfärben, der Nebel für mystische Stimmung sorgt und sich das Licht von hartweiss zu weichgelb wandelt.
Dieses Jahr habe ich fast vier Wochen dieser Zeit verpasst. Bewusst tauschte ich Laubhaufen gegen Sandstrand, Nebelmeer gegen Pazifik und farbige Bäume gegen immergrüne Palmen. Ein Traum.
Was ich während meiner Entschleunigungsphase aber vergessen – oder vielleicht auch verdrängt – habe: Die Zeit läuft heimlich weiter. Während am Äquator Dauersommer herrscht, hat in unseren Breitengraden der Herbst ein Ende.
Ein Ende, das mich dieses Mal besonders hart getroffen hat. Zurück in der Heimat, wartete diese mit einem brutalen Akklimatisationsprogramm auf. Als wäre es nicht schon schwer genug gewesen, Temperaturen von 10 Grad auszuhalten und den baumreifen Papayas nachzutrauern – so war auch der geliebte Herbst auf einen Schlag weg.
Allem voran in den Läden. Wo am einen Tag noch Kürbisse und Pilze die Auslagen prägten, türmten sich am nächsten Tag bereits die Praliné-Schachteln und Christbaumkugeln.
Dem nicht genug, leuchten einem abends schon die ersten Weihnachtsbeleuchtungen den Weg. Glitzer und Girlanden haben die erdigen Farben abgelöst, Weihnachten hat den Herbst verdrängt.
Dabei wäre seine Zeit noch lange nicht vorbei. Würde er doch noch bis am 30. November oder gar 20. Dezember dauern. Aber wir haben schon lange damit aufgehört, unsere Uhr nach den kalendarischen oder meteorologischen Jahreszeiten zu richten.
Wir stürzen uns mit voller Kraft in den Vorweihnachtsrummel. Christbaumschmuck kaufen, Geschenke organisieren, Guetsli backen, die Festtage verplanen – die Agenda ist proppenvoll.
Jeder spricht von Vorfreude, aber alle sind im Stress. Niemand entschleunigt. Niemand nimmt sich Zeit, um den Herbst zu verabschieden. Er verlässt die Bühne so leise, wie er sie jedes Jahr betritt, und überlässt sie der lauten Weihnachtszeit.
Mir graut schon davor, wenn das erste Mal «Last Christmas» aus den Lautsprechern hallt. Ich bin noch nicht bereit dafür. Ich will zurück unter meine Palme.

