Friedhof Wetzikon beerdigt ohne Wissen der Trauernden leere Urne
Weil sie die Urne nicht fanden
Als die Beerdigung eines verstorbenen Wetzikers anstand, fehlte die Urne. Also begrub man eine leere. Ein Skandal? Nein, sagt die Stadt, das sei «ein bedauerlicher Einzelfall».
Dies ist eine Geschichte über mangelnde Pietät, aber es ist auch eine Geschichte über das Vertuschen eines Skandals, über die Täuschung einer Trauerfamilie und darüber, wie man mit Fehlern auf keinen Fall umgehen sollte.
Beginnen wir von vorn: Im Mai fand auf dem Friedhof Wetzikon die Urnenbestattung von Erwin G.* statt. Eine Trauerfeier im engsten Familienkreis: Der Pfarrer, einige Familienangehörige und Freunde waren vor Ort. Nur einer fehlte: Erwin G.
Wo war die Urne?
Wenige Stunden vor der Beerdigung hatte man festgestellt, dass sich die Graburne nicht im verschliessbaren Urnenschrank des Friedhofs befand.
Zur Erklärung: Das kann vorkommen, wie verschiedene Quellen bestätigen, und lässt sich in der Regel mit einem Anruf und einer kurzen Autofahrt zum Krematorium oder zum Bestattungsunternehmen korrigieren.
Da jeder Urne eine individuelle Nummer beigegeben wird, lässt sich ihr Standort einfach nach- und zurückverfolgen. Am fraglichen Tag fehlte also die Urne. Und hier kommt der Leiter des Friedhofs ins Spiel.
Dieser führt den Friedhof der Stadt Wetzikon just seit Mai 2024. In seiner Funktion ist er der Nachfolger seiner Mutter, die weiter in einem Teilpensum auf dem Friedhof nach dem Rechten schaut.
In einem Fall wie jenem im Mai könnte der Friedhofsleiter die Angehörigen ins Bild setzen und die Beisetzung verschieben – auch das kommt vor. Stattdessen liess er eine Ersatzurne auftreiben und diese beerdigen – ohne Wissen und Einwilligung der trauernden Angehörigen.
«Ohne Rücksprache mit den Angehörigen»
«Nach erfolgloser Suche wurde entschieden, symbolisch für den Verstorbenen eine leere Urne zu bestatten. Der Entscheid erfolgte ohne Rücksprache mit den Angehörigen», schreibt die Stadt Wetzikon auf Anfrage.
Die Mitarbeitenden des Friedhofs hätten «die Trauerfamilie in dieser schwierigen Situation nicht mit dem Problem der fehlenden Urne konfrontieren» wollen.
Da in Wetzikon Einheitsurnen begraben werden, fiel das mehr als fragwürdige Vorgehen des Friedhofsteams nicht auf. Die Trauerfeier fand also statt. Und da weder die kleine Trauergemeinde noch der Pfarrer wussten, dass in der beerdigten Urne nicht die Asche von Erwin G. war, könnte die Geschichte hier enden.
Plötzlich taucht die Urne auf
Doch das tut sie nicht. Denn drei Monate später, am 22. August, taucht die Urne mit der Asche von Erwin G. unvermittelt auf. Anscheinend war sie von Mai bis August im Krematorium Rüti, einem von drei Krematorien im Kanton.
Wie konnte das passieren? Bei der Recherche für diesen Skandal stiess diese Zeitung auf eine Mauer des Schweigens. Vom Friedhofsteam war nichts zu erfahren. «Ich finde im System keinen Auftrag, am 22. August eine Urne nach Wetzikon zu bringen», so die Auskunft des Bestatters. «Alle Prozesse im Krematorium sind korrekt abgelaufen», sagt der Stiftungsratspräsident des Krematoriums.
Auf den konkreten Fall angesprochen, argumentiert er mit dem Persönlichkeitsschutz und damit, dass er keine Lust habe, seine «wertvolle Zeit» mit Medienanfragen zu verschwenden.
Angehörige erneut nicht informiert
Die Urne sei Ende August schliesslich im richtigen Grab beigesetzt worden, schreibt die Stadt Wetzikon. Und: «Die Angehörigen wurden über den Vorgang nicht informiert.» Wieder nicht.
Die zuständige Geschäftsbereichsleitung und die Abteilungsleitung Bevölkerung und Sicherheit seien erst am 24. Oktober – aufgrund unserer Recherche – ins Bild gesetzt worden, so die Stadt Wetzikon weiter.
> > Lesen Sie hier unseren Kommentar zu den Vorkommnissen.
Man habe umgehend Abklärungen vorgenommen: «Der Entscheid zur Bestattung einer leeren Urne fiel in bester Absicht. Trotzdem muss im Nachhinein festgestellt werden, dass dieses Vorgehen falsch war. Den Angehörigen wurde die Möglichkeit genommen, selbst über einen zentralen Punkt ihres Abschiedsrituals zu befinden. Sie hätten von Anfang an involviert werden müssen.»
Immerhin ist das mittlerweile geschehen, ebenfalls aufgrund unserer Recherche. Die Stadt Wetzikon spricht von einem «bedauerlichen Einzelfall» und hat eine Administrativuntersuchung in Auftrag gegeben. Erwin G. hat jetzt seine letzte Ruhe gefunden - für die Verantwortlichen kehrt noch keine Ruhe ein.
* Name der Redaktion bekannt.
