Bezirk Hinwil

Bezirk Pfäffikon

Bezirk Uster

Tösstal

Themen

Specials

Services

ZO Portale

Abo

Gesellschaft

In Nänikon erfunden, in Bubikon produziert

Während Corona kam Jacqueline und Cengiz Müller eine Idee – jetzt haben sie eine GmbH und expandieren nach Deutschland.

Patrizio, Alexandra, Jacqueline und Francesco (von links): Sie alle sind in einer Weise am Jamu-Bilderrahmen beteiligt.

Foto: Marie Fredericq

In Nänikon erfunden, in Bubikon produziert

Der Bilderrahmen für Zeichnungen

Mitten in der Pandemie kamen Jacqueline und Cengiz Müller auf eine Idee – jetzt sind sie Inhaber einer GmbH. Doch dem Ehepaar aus Nänikon geht es um mehr als nur Profit.

Wer sich noch an die Zeit während der Pandemie erinnern kann, der weiss: Die Not machte erfinderisch.

Und so suchten Jacqueline und Cengiz Müller aus Nänikon im Jahr 2021 nicht nur neue Beschäftigungen für ihre zwei Kinder, sondern auch ein Produkt, damit sie nicht in den künstlerischen Ergüssen ihrer Sprösslinge versanken.

Denn mit all den Bildern und Malereien ihrer Kinder war bald die ganze Wohnung gefüllt. «Das eine oder andere Bild landete dann mal aus Versehen im Altpapier. Weil wir aber an den Erinnerungen hängen, musste eine Lösung her», so Jacqueline Müller.

Und so kamen die beiden auf den Bilderrahmen, dessen Bilder schnell austauschbar sind und der auch gleich als Ablage für weitere Zeichnungen dient. «Damit konnten unsere Kinder malen, bis ihre Finger wund wurden – und wir hatten die perfekte Lösung für all die Kunstwerke.»

Jamu – der Bilderrahmen für 100 Zeichnungen

Mit einem leicht abnehmbaren oberen Rahmenteil lassen sich die Bilder im Jamu-Rahmen im Nu wechseln. Ausserdem bietet der Wechselrahmen hinter dem ausgestellten Bild ein Lager für rund 100 Bilder. Damit können die Kinderzeichnungen nicht nur schnell ausgetauscht, sondern auch gut gelagert werden.

Mit einem von Jacqueline und Cengiz Müller selbst ertüftelten Aufhängesystem lässt sich der Rahmen ohne zusätzlichen Aufwand vom Quer- zum Hochformat wechseln.

Die Jamu-Rahmen gibt es in den Grössen A3, A4 und A6 (im Duo). Erhältlich sind sie in den drei Standardhölzern Tanne, Ahorn und Eiche. Die Rahmen kann man unter jamu-products.ch erwerben.

Es ist fast ausschliesslich eine Oberländer Innovation: Denn nicht nur das Erfinderpaar stammt aus der Region. Die Bilderrahmen werden seit der ersten Produktion in der Stiftung Züriwerk in Bubikon hergestellt.

Ein Oberländer Bilderrahmen

Doch es war ein langer Weg bis hierhin: Angefangen mit einer Idee, folgte bald ein Crowdfunding für die erste Produktionswelle. Denn die Rahmen machten nicht nur der Familie Freude, sondern fanden bald auch bei Freunden und Bekannten Anklang.

Die gewünschten 40’000 Franken kamen rasch zusammen – und so machte sich das Näniker Ehepaar auf die Suche nach einem passenden Produktionspartner. «Mit dem Züriwerk hatten wir eine Offerte auf dem Tisch, die für uns nicht nur wirtschaftlich attraktiv, sondern vor allem auch ethisch vertretbar war», sagt Jacqueline Müller.

Damit war klar: Ab Sommer 2021 wurde der Jamu-Wechselrahmen in der Stiftung Züriwerk hergestellt. Von und mit Menschen mit Beeinträchtigung.

«Jeder, wie er kann»

Alexandra aus Wald, Fachperson in der Abteilung Montage beim Züriwerk, erklärt, wie die Produktion funktioniert: Die gefrästen Rahmenteile kommen auf Bestellung vom Schreiner aus Bauma, und im Züriwerk werden sie in verschiedenen Arbeitsschritten von den Mitarbeitenden verarbeitet.

«Diese Arbeit erfordert sowohl Fingerspitzengefühl als auch Effizienz», sagt sie. Nicht alle Mitarbeitenden der Stiftung sind dieser Aufgabe gewachsen, die die Produktion der Rahmen erfordert. Deshalb werden sie alle nach ihren individuellen Möglichkeiten im Betrieb eingesetzt. «Hier arbeitet jeder, wie er kann.»

Rund 150 Menschen mit Beeinträchtigung arbeiten in der Stiftung in verschiedenen Funktionen und sind für verschiedene Auftraggeber tätig: in der Naturwerkstatt, der Landwirtschaft, dem Gartenbau, der Hauswirtschaft, dem technischen Dienst, dem Werkatelier, der Mechanik, der Montage, der Verpackung oder dem Mailing.

Letzteres wird mittlerweile auch von Jacqueline und Cengiz Müller genutzt: Während sie anfänglich noch Verpackung und Versand aus dem Wohnzimmer machten, haben sie auch diese Schritte an die Stiftung abgegeben.

Kinder zwischen Verpackungskartons
Ein Wohnzimmer voller Kartons: Am Anfang wurden die Rahmen noch aus der Näniker Stube versandt.

Damit stellen die Mitarbeitenden des Züriwerks die Bilderrahmen nicht nur her, sondern verpacken und versenden sie auch in die ganze Schweiz.

Ein gemeinsames Produkt

Ein Mitarbeiter der Montageabteilung, Francesco aus Schmerikon, zeigt uns an diesem Vormittag, wie die Arbeitsschritte ablaufen: Zuerst werden die Holzelemente zu Paaren sortiert, dann geschliffen, geölt und anschliessend verleimt und montiert.

Arbeitet er gerade für den Kunden Jamu, bearbeitet Francesco die Teile meistens – denn nicht alle Mitarbeiter bringen die nötige Präzision mit.

Der 28-Jährige ist seit acht Jahren beim Züriwerk tätig. Ihm macht vor allem die Arbeit mit Trafospulen Spass – dafür nämlich sitzt er an einer Prüfmaschine und testet die Funktion.

Aber auch die handwerkliche Tätigkeit für die Bilderrahmen des Näniker Ehepaars bereitet ihm Freude. Auch Patrizio aus Hinwil arbeitet gerne am Produkt für das Näniker Unternehmen. «Das habe ich zwar länger nicht mehr gemacht, aber das macht immer Spass», sagt der 29-Jährige.

Ist der Jamu-Rahmen fertig, wird er genau überprüft und geht anschliessend in die Verpackung. Dort wird im Stil der Fliessbandarbeit verpackt. Fachperson Alexandra erklärt: «Jeder hat da seine Aufgabe, ergänzt beispielsweise das Montage-Päckli mit einer Schraube, bevor der Nächste dann ein Holzplättli zufügt.»

So arbeiten die Mitarbeitenden mit Beeinträchtigung gemeinsam am Produkt, bis es schliesslich fertig in der Versandabteilung auf seine neuen Besitzer wartet.

Ein Herzensprojekt

Die Produktion in der Schweiz hat natürlich ihren Preis – inklusive Material zahlen die Müllers rund 40 bis 50 Franken pro Rahmen.

Würden die beiden das Produkt im Ausland herstellen lassen, kämen sie wesentlich günstiger weg – doch sparen will das Ehepaar nicht. Weder die Produktion noch die hochwertigen Hölzer wollen sie günstiger beziehen.

«Der Rahmen ist ein Herzensprojekt, das wir wegen unserer Kinder gestartet haben. Dass wir damit einen Beitrag für eine Stiftung wie das Züriwerk leisten können, ist uns ein grosses Anliegen.»

Mit Charme und Werten

Seit der Gründung im Jahr 2021 ist einiges passiert – seit Anfang des Jahrs konnte Jacqueline Müller deshalb auch ihr Pensum als Grafikerin runterschrauben. «Die Firma braucht schon viel Aufmerksamkeit – aber es macht natürlich auch Spass, an der eigenen Sache zu arbeiten, Neues auszuprobieren, weiterzukommen.»

Erst im September war das Ehepaar mit seinem Produkt in der Sendung «Höhle der Löwen» zu Besuch. Geklappt hat es zwar mit dem gewünschten Betrag von 100’000 Franken für 10 Prozent Firmenanteile nicht.

Doch das stellt dem Paar kein Bein: «Wir haben für den Versand innerhalb Deutschlands seit Kurzem eine deutsche Produktion.» Für den deutschen Markt werden die Rahmen nun auch in Deutschland hergestellt – ebenfalls von einem Unternehmen, das Mitarbeitende mit Beeinträchtigung beschäftigt.

Doch ganz hoch hinaus wollen die beiden mit den Jamu-Rahmen nicht. «Ein weltweiter Versand macht für uns keinen Sinn. Uns sind die Qualität und die persönliche Note wichtig», so Jacqueline Müller.

Denn die Firma und das Produkt sollen ihren Charme und die Werte beibehalten. Und – zumindest für die Schweiz – auch weiterhin im Oberland produziert werden.

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.

Kontakt

Inserieren

Abo

Services

Über uns