Warum Neuzuzüger in Turbenthal hoch hinaus dürfen
Carfahrt für neue Einwohner
Die rund 50 Menschen, die sich im Armbrustschützenhaus versammelten, haben eines gemeinsam: Sie sind vor Kurzem nach Turbenthal gezügelt. Traditionell wurden sie deshalb zum Neuzuzügertag eingeladen.
«Si händ e gueti Wahl troffe, dass Si da anezoge sind», begrüsste Gemeindepräsident René Gubler (FDP) die neuen Turbenthaler. Am Samstag lernten sie am Neuzuzügertag im Armbrustschützenhaus den Gemeinderat und die verschiedenen Behörden kennen – und erhielten damit gleich eine Übersicht der wichtigsten Anlaufstellen in ihrer neuen Heimat.
Daraufhin setzten sich die rund 80 Anwesenden in Bewegung, um die zwei grossen Cars zu besteigen. Behördenmitglieder und Mitarbeiter der Gemeinde begleiteten die Neuzuzüger auf der rund zweistündigen Fahrt.


«Wir wollen nicht nur von Turbenthal erzählen, sondern auch vor Ort zeigen, was unsere Gemeinde ausmacht», erklärte der Gemeindepräsident die Idee hinter der Carfahrt. Dazu gehören auch die Aussenwachten und etwas verstecktere Orte wie zum Beispiel Sitzberg.
Dies war denn auch das erste Ziel, das angepeilt wurde. Auf dem Weg über Wila durchs Steinenbachtal machte Gubler als Reiseleiter auf Dinge aufmerksam, die nicht auf den ersten Blick sichtbar sind. Wie etwa die Behausung Schochen, in der nur ein einziges Gebäude steht, oder die ehemalige geheime militärische Station, in der seit 2020 ein Radar stationiert ist.
Auch das einzige Restaurant in Schmidrüti, das leider bald schliesst, gehörte zu seinen Geheimtipps. «Ich empfehle Ihnen unbedingt, möglichst noch eine Metzgete in diesem Lokal zu besuchen.»
Von der Kirchenbank …
Die Kirche Sitzberg war in dicke Nebelschwaden gehüllt, was ihr einen mystischen Anstrich verlieh. In ihrem Innern waren die Neuzuzüger nicht minder beeindruckt, vor allem von der denkmalgeschützten Barockorgel.
Pfarrer Volker Schnitzler machte auf die aussergewöhnlichen goldenen Zimbelsterne aufmerksam. «Wenn der Organist diese sogenannten Effektregister einstellt, drehen sie sich und beginnen zu klingen.»
Nach den Kurzvorstellungen der Kirchgemeinden begeisterte Organistin Ursula Jaggi mit einem musikalischen Potpourri – selbstverständlich, nicht ohne dabei die Zimbelsterne erklingen zu lassen.


Auf der Weiterfahrt über Bichelsee nach Neubrunn wurde deutlich, wie weitläufig die Gemeinde Turbenthal ist und wie häufig sie direkt an den Thurgau grenzt. Zwischen den Nebelschwaden konnten zur allgemeinen Verzückung sogar noch Rehe und Gämsen ausgemacht werden.
… zur Schulbank
Im 100-Seelen-Dorf Neubrunn erfolgte der nächste Halt. Nach einem kurzen Fussmarsch erreichte die Karawane das Schulhaus der Aussenwacht.
Hier stellten sich die verschiedenen Schulgemeinden kurz vor, und wer wollte, konnte die geräumigen Schulzimmer inspizieren. Neuzuzügerin Séline Wildi zeigte sich begeistert von den liebevoll eingerichteten Räumlichkeiten und von der Philosophie der Schule: «Dass die Kinder hier so individuell gefördert werden, ist für uns wichtig, weil unsere künftigen Kinder hier zur Schule gehen sollen.»


Der letzte «Posten» der Entdeckungsfahrt war der Werkhof. Beeindruckt lauschten die Neuzuzüger den Ausführungen über die Räumlichkeiten. «Ich finde es super, welche Infos wir heute bekommen», sagte eine der Teilnehmerinnen. «Es ist auch schön, dass wir jetzt die Ansprechpersonen von der Gemeinde kennenlernen.»
Wer sich traute, konnte sich mit der Drehleiter in luftige Höhen begeben und das neue Zuhause aus der Vogelperspektive betrachten. «Mega cool!», lautete das Urteil einer von vielen Neu-Turbenthalerinnen.
Zurück im Armbrustschützenhaus, erwartete die Teilnehmer ein reichhaltiger Apéro. Und mit einer warmen Suppe konnten gar jene besänftigt werden, die sich zuvor über das schlechte Wetter oder das fehlende Getränk während der Fahrt beklagt hatten.
Ingrid Wieland, seit Oktober Turbenthalerin, fand nur lobende Worte für die Organisatoren des Neuzuzügertags: «Bei jeder Station dachte ich, dass diese nicht mehr zu toppen ist», erzählte sie. «Und doch gab es immer noch etwas obendrauf.» Sogar gegen das schlechte Wetter hatte sie nichts einzuwenden. «Ich liebe Herbstwetter, und der Nebel verlieh dem Anlass eine besondere Atmosphäre.»
Neuzuzüger und Einheimische
Alexandra Fellner lebt bereits seit 30 Jahren in Turbenthal, allerdings ist ihr Partner Michael Oettli gerade erst zugezogen. «Für mich war es trotzdem spannend, mein Zuhause mal von einer anderen Seite kennenzulernen», erzählte Fellner. Beide zeigten sich begeistert vom Anlass, «besonders die barocke Orgel mit den Zimbelsternen hat uns überrascht, das haben wir so noch nie gesehen». Aber auch die Drehleiter fanden sie lässig – und dass man Gämse und Rehe sehen konnte.

Künftiges «Familiennest»
Séline Wildi und Mario Brnada sind im Juni aus Brüttisellen nach Turbenthal gezügelt. Weil sie eine Familie gründen möchten, haben sie sich ihr neues Zuhause sorgfältig ausgewählt: «Nahe bei der Natur und trotzdem gut erschlossen zu sein, hat uns besonders überzeugt», erklärte Wildi. «Brüttisellen wurde uns zu städtisch», ergänzte ihr Verlobter. «In Turbenthal hat man ein grosses Angebot von Einkaufen über Sport bis Schule, trotzdem sind die Mieten noch zahlbar.» Der Ausflug mit der Drehleiter war für beide das i-Tüpfelchen, «es war ein megaschöner Tag».

Näher bei den Kindern
Brigitte Hasler hat 30 Jahre im Aargau gelebt, bevor sie im Juni nach Turbenthal zügelte. «Nachdem mein Mann vor fünf Jahren gestorben war, wollte ich näher zu meinen Kindern ziehen, die alle in dieser Gegend leben», erzählte sie. Am Neuzuzügertag wurde sie von ihrer Nachbarin begleitet, die ebenfalls vor Kurzem ins gleiche Mehrfamilienhaus eingezogen ist. «Ich habe mich für diesen Ausflug angemeldet, um die Gegend und andere Leute kennenzulernen.» Hasler fand den Anlass schön und informativ, «nur schade, hat das Wetter nicht besser mitgespielt».

