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Dieser anonyme Putzheld aus Uster übermalt nachts Graffitis

Wer übermalt nachts Graffitis in Uster? Es ist ein ehemaliger Gemeinderat, der mit Aceton und Rasierklinge die Stadt sauber hält.

Der Bänkliputzer aus Uster entfernt alle Kleber und Sprayereien von Parkbänken und Containern.

Foto: Eleanor Rutman

Dieser anonyme Putzheld aus Uster übermalt nachts Graffitis

Schmierereien auf die Pelle gerückt

Ein ehemaliger Gemeinderat hält Uster sauber. Dies ohne Lohn und ohne Auftrag. Warum der Rentner sich dieser Aufgabe verschrieben hat.

Ist Ihnen auch schon einmal aufgefallen, dass es in Uster fast keine wild aufgeklebten Sticker gibt? Das hat einen Grund: Ein ehemaliger Ustermer Gemeinderat putzt die Stadt freiwillig – ohne Auftrag – und gründlich. Manchmal spätabends oder sogar mitten in der Nacht.

Er befreit Usters Strassentafeln von Aufklebern und übermalt sogar Wände, wenn sie mit «fürcherlichen Sprayereien» bekleckert sind. Und möchte seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen.

«Ich mache das gerne anonym, sonst bin ich nachher der Geprellte.» Er will es sich mit niemandem verscherzen, vor allem nicht mit jenen, welche die Stadt beschmieren. Ihm sind vor allem die FCZ- und ZSC-Fans und ihre Tags ein Dorn im Auge. «Ich verstehe nicht, wie man willkürlich Eigentum von Fremden verschmutzen kann.»

Ein Held ohne Umhang

Der Mann ist – trotz gewünschter Anonymität – kein Unbekannter in der Stadt: Er war früher Gemeinderat der EVP und der EDU. In seiner Funktion hat er viele Familiengärten der Stadt mit geplant. Der 82-Jährige wohnt seit seiner Heirat 1968 in Uster.

Erst kürzlich hat er die Wände an der Ustermer Bahnhofsunterführung gesäubert. Eine Passantin schoss ein Foto und schickte es ihm danach zu. Auf Facebook wird er in einem Kommentar als «Held ohne Cape» gefeiert. Ein Superheld, der nachts ganze Wände übermalt und Sprayereien wegputzt.

Ein Mann putzt ZSC-Schriftzug in einer Bahnhofsunterführung weg.
Er befreit Uster von Schmierereien.

Manchmal komme er von einem verlängerten Wochenende nach Hause und sehe sofort, wenn Strassenschilder verklebt sind oder es neue Schriftzüge gibt.

Zum Termin mit dieser Zeitung weiss er auch schon spontan am Telefon, wo Arbeit auf ihn wartet. Er will bei den Containern an der Brunnenhofstrasse abmachen. «Diese Schmierereien sind ungefähr drei Wochen alt», sagt er und zeigt auf die blaue Schrift. Er wollte die ZSC-Tags schon lange entfernen.

Eifrig nimmt er die Flasche mit Aceton aus seinem Velokörbchen, einen Lappen und Handschuhe. Er schmunzelt: «Unter uns, die Handschuhe trage ich nur, weil meine Tochter mich dazu verdonnert hat.» Er leidet etwas an Gicht, aber das habe nichts mit dem scharfen Putzmittel zu tun.

In seiner Toolbox hat er immer dabei: Ein Rasiermesser und Kleberentferner, um gegen Aufkleber vorzugehen, Sprit und Aceton, um die Parkbänke zu putzen, und sogar Farbe, um Schmierereien zu übermalen. «Man nennt mich auch den Bänkliputzer», sagt er stolz, und es funkelt aus seinen blauen, wachen Augen.

Der Rentner scheint eine klare Strategie zu verfolgen. Die FCZ-Sprayerei am Container eliminiert er mit Aceton und einem Lappen. «Neue Schmierereien will ich jeweils relativ rasch entfernen.» Das nehme den Vandalen den Wind aus den Segeln.

An dem Nachmittag bleiben viele Passanten stehen für eine Plauderminute. Sie klopfen dem 82-Jährigen auf die Schulter.

Eine Bekannte sitzt neben ihrem Rollator auf einem Stein und betont, wie toll sie die selbst gewählte Arbeit findet. Die beiden kennen sich vom Rheumaschwimmen. Ein Postbote fährt mit seinem Elektroroller vorbei und grüsst: «Wir wissen alle, dass Du süchtig nach Putzen bist.»

Es brennt ihm einfach unter den Nägeln

Der Mann mit den grauen Haaren schmunzelt, «ich weiss, ich bin etwas verrückt», gibt er zu. Wenn er in den Ferien Aufkleber sehe, müsse ihn seine Frau manchmal ermahnen: «Gell, wir sind hier im Engadin und nicht in Uster.» Es jucke ihm einfach unter den Nägeln, sobald er verklebte Strassenschilder sehe – oder Schmierereien.

Kürzlich begleitete er seine Frau nach Zürich, sie ging zu einem Parkinsontreffen. Er hatte zwei Stunden Zeit für sich und schlenderte am Utoquai entlang. «Da musste ich mich ganz schön zusammenreissen.» Er habe so viele Aufkleber gesehen, dass er gar nicht gewusst hätte, wo beginnen.

Er pflegt seine Frau

Auch zu Hause hält er die Wohnung sauber. Seine Frau leidet seit 30 Jahren an Parkinson. «Saubermachen gefällt mir. Wir werden aber auch von einer Person unterstützt, die alle 14 Tage von der Spitex zum Putzen vorbeikommt.»

In Uster ist er oft mit dem Fahrrad unterwegs. «Tagsüber pflege ich meine kranke Frau, koche, hänge die Wäsche auf, und zwischendurch gehe ich raus an die frische Luft.» So ist der ehemalige Politiker mindestens vier Tage die Woche für zwei Stunden zwischen Riedikon, Werrikon und Wermatswil auf Achse.

Sein Elektrovelo der ersten Generation dient ihm dabei nicht nur als Fortbewegungsmittel. Wenn es nötig ist, benutzt der 82-Jährige sein Fahrrad auch als Leiter.

Ein Rentner steht auf einem Velo, um Kleber zu entfernen.
Der Mann steht sogar auf sein Velo, um Kleber zu entfernen.

Er durfte aber auch schon auf andere Mittel zurückgreifen. Er zeigt auf ein Strassenschild in rund drei Metern Höhe. «Um dort einen Kleber zu entfernen, hat mir einmal ein Gärtner eine Leiter gebracht.» Es sei kurz vor Feierabend gewesen, aber der Gartenpfleger habe geduldig neben ihm gewartet.

Ein Mann zeigt auf eine Signalisationstafel in drei Meter Höhe.
Um einen Kleber auf der Höhe wegzumachen, brauchte der frühere Politiker eine Leiter.

Er freut sich über schöne Begegnungen mit den Ustermern. Er treffe oft auf Helfer und nette Menschen. «Einer hat mir sogar schon einmal ein Glas Wasser gebracht.» Beim Porter House wurde er auf einen Kaffee eingeladen. Ein anderer habe ihm ein Zwanzigernötli in die Hosentasche gesteckt.

Aufkleber an Barriere störte

Sein etwas spezielles Hobby betreibt der Rentner nun schon seit rund sechs Jahren. Alles habe angefangen mit Aufklebern an einer Barriere. «Ich entsorge alles», habe draufgestanden. «An sich kein schlechter Ort für Werbung», sagt der 82-Jährige. Dennoch fand er es sehr unpassend, und irgendetwas in ihm zwang ihn zu handeln.

Die Ausgaben für sein Arsenal berappt er selber. «Dieses Jahr habe ich sicher schon 1200 Franken ausgegeben.» Im letzten Jahr habe er 800 Franken aus dem eigenen Sack bezahlt. Dies für Farbe, Aceton und dergleichen. «Für den perfekten Teint der Farbe habe ich eine Farbpalette dabei, wo ich die Farben abgleichen kann.» Zahlen tut ihm das keiner.

Uster-Batzen als Dankeschön

Die Stadt lässt ihn gewähren. «Die Stadt hat mir sogar schon einmal ein Dankesbriefli geschickt und mir zwei Uster-Batzen geschenkt», sagt der Rentner. Das habe ihn gefreut.

Nur am Anfang seiner Putzkarriere stand nachts plötzlich die Polizei neben ihm und habe ihn gefragt, was er da mache, als er eine Parkbank säuberte. Die Polizei habe ihm gesagt, er solle das lassen, weil er mit dem Putzen auch die Spuren der Schmierfinken wegwische.

Die Stadt engagiert selber ein Team, das sich um Graffitis und Aufkleber kümmert. Es heisst Spray-Ex. Konkurrenz für den Ustermer Putz-Engel? «Im Gegenteil, ich habe richtig Freude, dass sich auch ein professionelles Team dafür einsetzt.» Es gebe ohnehin genug zu tun.

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