Das Dorf, das brannte, baut wieder auf
Elgg nach der Brandstiftungsserie
Philipp von Ah gehören Gebäude, die in Elgg angezündet wurden. Der Architekt erklärt, wie komplex der Wiederaufbau im historischen Dorfkern ist und welche psychologischen Aspekte mitspielen.
In Elgg klafft eine Lücke zwischen den Altstadthäusern. Die Stelle, flankiert von zwei Baustellen, erinnert mit dem Bauschutt und den grünen Pflanzenbüscheln an einen ungepflegten Parkplatz. Was sich nicht mehr erkennen lässt: dass die Gebäude, die hier standen, vorsätzlich in Brand gesetzt wurden.
Elgg und das Feuer sind keine Fremden. Wieder und wieder brannte es im Zürcher Landstädtchen. Die Gemeindechronik hält 13 grössere Brände zwischen 1407 und 1983 fest.
Vergangenen Frühling mussten die Einwohnerinnen und Einwohner die zweite Brandstiftungsserie nach 2011 aushalten. Erst Anfang Juli konnten sie aufatmen, als die Verursacherin verhaftet worden war. Seither heilt das Dorf.
«Psychologisch ist es wichtig, dass die Brandplätze so schnell wie möglich geräumt werden können. Der Geruch nach Verbranntem weckt Ängste bei den Betroffenen», sagt Philipp von Ah. Er ist als Architekt an mehreren Wiederaufbauprojekten beteiligt. Und er ist als Eigentümer selbst betroffen.
Das erste Feuer im Dorfkern, das Mitte März gelegt wurde, zerstörte zwei unbewohnte Scheunen und griff auf die jeweils angrenzenden Wohnhäuser an der Hintergasse und der Kirchgasse über.
Von Ah und seiner Frau gehören die Scheune an der Kirchgasse und das Gebäude daneben, in dem sich die Büros der Von Ah Imfeld Architekten AG befinden. In den Wohnungen darüber schliefen seine Mieterinnen und Mieter.

Vom Brand habe er in den Skiferien in Österreich erfahren, erzählt von Ah. Eine Bekannte habe ihm um halb ein Uhr morgens Fotos geschickt. «Ich wollte sofort zurück nach Elgg, aber meine Frau hielt mich auf und meinte, ich könne ja doch nichts ausrichten.» Er fuhr früh am nächsten Morgen zurück und konnte bloss noch einige Velos und einen Töff aus der Scheune retten.
Es blieb ein Schaden von 880’000 Franken. «Das Wichtigste ist, dass keinem Menschen etwas passiert ist. Mir als Architekt tut auch weh, dass wir so viel historische Bausubstanz verloren haben», sagt von Ah.
Das betroffene Wohnhaus an der Hintergasse gehört Frieda Spiller. In den sieben Wohnungen schliefen die Bewohnerinnen und Bewohner, als das Feuer ausbrach. Bemerkt wurde es von Spillers Sohn, der mit seiner Familie ebenfalls dort lebt. Er klingelte seine Mutter und alle Nachbarn rechtzeitig aus dem Bett.
Frieda Spiller erzählt, wie sich anschliessend alle Evakuierten im Restaurant Obertor versammelten. Darunter sei auch die später überführte Täterin gewesen, eine Elggerin, die unweit der Tatorte gewohnt habe. «Wenn ich daran denke, löst das seltsame Gefühle in mir aus», sagt die 81-Jährige. Es sei zwar körperlich niemand verletzt worden, aber: «Ich kann es trotzdem nicht verzeihen.»
Zwei Parteien konnten mittlerweile in das Haus an der Hintergasse zurückkehren. Vier weitere und Frieda Spiller selbst müssen in anderen Wohnungen bleiben, bis die Renovation abgeschlossen ist. Laut Spiller ist das frühestens im Frühling 2026 der Fall.

Im Inneren des Gebäudes sind die Brandspuren noch sichtbar. Es riecht nach Rauch, und verkohlte Balken zeigen, wo die Flammen Löcher ins Dach gefressen haben. Der Boden der obersten Wohnung ist mit gelben Schaltafeln ausgekleidet, die unversehrte Küche steht verloren im leeren Raum.
Dass sie nicht abgerissen wurde, hat finanzielle Gründe. Denn Möbel, die keinen Schaden erlitten haben, müssten die Besitzer auf eigene Kosten ersetzen. Die Gebäudeversicherung bezahlt nur den Wert der Dinge, die sich vor dem Brand im Haus befunden haben. Besitzer sollen sich nicht an der Versicherungssumme bereichern können.
«‹Heisssanieren› ist eine Mär»
In der Realität ist laut von Ah meistens das Gegenteil der Fall: «Ein Feuer lohnt sich finanziell nie. Versicherungsbetrug oder sogenanntes ‹Heisssanieren› ist eine Mär.» Den Hausbesitzerinnen und -besitzern bleibt in den meisten Brandfällen ein finanzieller Schaden. Nur schon, wenn sich in der Zwischenzeit Vorschriften geändert haben und etwa nach neuer Methode gedämmt werden muss, die Versicherung aber nur die alte Methode bezahlt.
Im historischen Dorfkern will zudem der Heimatschutz mitreden. Nachdem die Polizei die Spuren gesichert und die Häuser wieder freigegeben hatte, mussten Gutachten zur historischen Substanz erstellt werden. Erst danach wurde der Abriss bewilligt.
Von Ah zeigt auf eine hölzerne Riegelwand, die knapp stehen geblieben ist: «Die Balken abzuschleifen und wiederherzustellen, kostet fünfmal so viel, wie wenn die Wand neu gebaut würde.» Ob es sich um das Original handle, sehe man ihr sowieso nicht mehr an: «Da geht es nur noch um den ideellen Wert.»

Um solche Diskussionen möglichst kurz zu halten, hat er den Heimatschutz von Anfang an in den Wiederaufbau einbezogen. Von Ah schlägt Kompromisse vor, zum Beispiel die Wand mit neuem altem Holz nachzubauen. Das kostet nur noch das Doppelte. «Ich versuche, viel zu erklären und alle mit ins Boot zu holen, um Zeit zu sparen.»
Bis jetzt laufe die Zusammenarbeit mit allen involvierten Parteien sehr gut, alle wirkten unterstützend und seien bemüht, schnell vorwärtszumachen. Von Ah lobt die Gemeinde und den Kanton, aber auch die Versicherungen hätten unbürokratisch reagiert.
Bauen in der Kernzone ist nie simpel. Hier gelten die strengsten Vorschriften, und weil die Häuser sehr nahe beieinanderstehen, kommt es nicht selten zu Einsprachen von Nachbarn. Er wisse von Hausbesitzern, die auf Ausbauten verzichtet hätten, weil ihnen das Prozedere zu anstrengend und zu teuer sei, erzählt von Ah: «Bei den jetzigen Projekten liegt uns das auch auf dem Magen.»
Mehrere Baugesuche sind derzeit bei der Gemeinde eingereicht. Einsprachen könnten den Wiederaufbau und die Rückkehr der Bewohnerinnen und Bewohner verzögern. Es pressiert, auch weil die Gebäudeversicherung eine Zeitlimite vorgibt. Innert zweier Jahre müsste der Rohbau stehen. Zwar könne noch einmal um zwei Jahre verlängert werden, aber ab dann sinke die Versicherungssumme, sagt von Ah, der selbst auch als Gebäudeschätzer arbeitet.
Er hofft auf die Unterstützung der Nachbarn in Elgg: «Wir wohnen alle nahe aufeinander, durch das Geschehene sind wir noch näher zusammengerückt.»
