Wie ein Schreiner aus Esslingen die Grenzen der Natur auslotet
Gross, grösser, Riesenkürbis
Florian Isler aus Esslingen hat den schwersten Kürbis der Schweiz gezüchtet. Dabei isst er lieber Fleisch als Gemüse. Die etwas andere Halloween-Story.
Man sagt gerne, in den USA sei alles grösser. Das stimmt natürlich nicht – oder zumindest nur bedingt. Doch das Klischee ist so oft wiederholt worden, dass es sich tief in der Kultur ihrer Bürgerinnen und Bürger eingebrannt hat.
Das lässt sich natürlich auch an Halloween ablesen. Nicht nur haben die Amerikaner aus dem keltischen Brauch einen ihrer kulturell und kommerziell wichtigsten Feiertage gemacht. Sie haben auch das zugehörige Symbol ausgetauscht.
Der Jack O’Lantern, die Laterne mit der Fratze, war in Irland ursprünglich aus einer Rübe hergestellt worden, in Amerika stieg man auf den Kürbis um. Der ist einfacher zu schnitzen. Und er lässt – size matters! – grössere Kunstwerke zu.
In diesem Sinne würde das Hobby von Florian Isler eigentlich bestens ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten passen. Der Schreiner aus Esslingen züchtet in seiner Freizeit nämlich: Riesenkürbisse.
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Obschon Isler mit dem Feiertag selbst wenig anfangen kann, schnitzt er sich jeweils einen Jack O’Lantern, um ihn vor seine Tür zu stellen. Während er im Vorjahr dafür einen 371-Kilo-Brocken präpariert hatte, ist es nun ein kleineres Exemplar aus einem übrig gebliebenen Feldkürbis.
Zwei Kürbisse, zwei Titel
Seine wirklich grossen Stücke liegen derweil im Bächlihof in Jona. Dort hatte er Anfang Oktober bei der offiziellen Schweizer Meisterschaft im Kürbiswiegen die Titel für den schwersten und den schönsten Kürbis gewonnen.
Der grüne Kürbis, ein sogenannter Squash, brachte 727,5 Kilogramm auf die Waage. Der orange, ein Atlantic Giant wog mit 470 Kilogramm beträchtlich weniger, stach die Konkurrenz aber in Sachen Form, Farbe und Oberfläche aus.

Statt sie Halloween zu opfern, werden diese beiden Siegerexemplare am Samstag in Jona geschlachtet. Besucherinnen und Besucher können sich Stücke zum Verzehr mitnehmen. «Auch ich werde mir 10 bis 20 Kilogramm für einen befreundeten Gastronomen sichern, vielleicht macht er eine Suppe daraus», sagt Isler.
Viel wichtiger sind für ihn aber die Samen, die dabei gewonnen werden. Isler wird einen Teil behalten und den anderen seinen Konkurrentinnen und Konkurrenten im In- und Ausland zur Verfügung stellen. Das Saatgut ist die Grundlage alles Schaffens, das Lebenselixier dieser kleinen und solidarischen Gemeinschaft von Riesengemüsezüchtern.
Auf rund 20 schätzt Florian Isler ihre Zahl in der Schweiz, es sind überwiegend Männer. Sie kommen aus der Genfersee-Region, dem Berner Oberland, dem Engadin und – vor allem – aus dem Thurgau. Praktisch alle sind sie Mitglied beim EGVGA (European Giant Vegetable Frowers Association), dem europäischen Verband dieser Disziplin.
Der Samen macht den Unterschied
Jedes Jahr schicken sie die Samen ihrer besten Erzeugnisse an dessen Zentrale in Deutschland ein – samt genauen Angaben zum Stammbaum, den Züchtungsbedingungen und dem konkreten Ergebnis. Dort werden sie aufgeteilt, in Pakete gepackt und an alle Mitglieder versandt.
Dabei geht es freilich nicht nur um die prestigeträchtigen Kürbisse. Auch die Samen für überdimensionierte Zucchetti, Sonnenblumen, Zwiebeln, Knoblauch, Melonen oder Bohnen werden so in Umlauf gebracht.
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Aus solchem Saatgut hat Florian Isler seine prämierten Stücke herbeigezüchtet. Neben den Titeln bei den Kürbissen hat es ihm in diesem Jahr auch zur schwersten Wassermelone (81 Kilogramm) und dem schwersten Knoblauch (215 Gramm) gereicht – beides Schweizer Rekorde. Vor zwei Jahren hatte er sich mit dem grössten Sonnenblumenkopf (mit einem Durchmesser von 73,3 Zentimeter) einen Europarekord gesichert.
Der 30-Jährige gehört hierzulande denn auch zu den grossen Figuren in der Szene. Was insofern bemerkenswert ist, als dass er seine Faszination für sein Hobby gar nicht so recht erklären kann. «Vielleicht mag ich es einfach, mich selbst herauszufordern», sagt er.
Wie also wird man zu einem Riesengemüsezüchter? In seinem Fall, so viel wird schnell klar, ist es weniger die Liebe zum Gemüse – «schliesslich esse ich lieber Fleisch» – als vielmehr die Liebe zur Zucht. Getreu dem Motto: Der Weg ist das Ziel.
Alles beginnt im Baumarkt
Isler wächst auf dem Hof seiner Eltern in Esslingen auf, der sich auf den Anbau von Gemüse und Blumen spezialisiert. Er selbst hilft zwar von klein auf mit, entscheidet sich aber für den Schreinerberuf. Bis heute lebt er hier. Im Wohnhaus, das auf dem Areal liegt, hat er den Dachstock für sich ausgebaut.
2018 wird er über einen TV-Beitrag erstmals auf die Disziplin des Riesengemüsezüchtens aufmerksam. Aus einer Laune heraus kauft er sich Samen für die Riesenkürbissorte Atlantic Giant in einem Baumarkt und pflanzt ihn auf gut Glück. Das erste Exemplar wird knapp 40 Kilogramm schwer.
«Ich dachte mir, dass da doch mehr drinliegen muss. Also probierte ich es nochmals», erzählt Isler. Dieses Mal sucht er sich Tipps aus dem Internet. Er legt sich ein Feld an und achtet sich auf das Auslegen der Ranken, über die der Kürbis die Nährstoffe aus dem Boden und über deren Blätter er die Sonnenenergie bezieht.

Das Resultat kann sich mit 120 Kilogramm sehen lassen. Vor allem aber begeistert ihn die Gewichtsexplosion. Das Feuer ist entfacht.
Mit seinem nächsten Exemplar reist er zum ersten Mal an die Meisterschaft im Kürbiswiegen auf den Juckerhof. Dort sieht er, was eigentlich möglich ist. Und er lernt die Schwergewichte der Szene kennen.
Der Thurgauer Jürg Wiesli, seines Zeichens mehrfacher Schweizer Meister und Weltrekordhalter für die längste Chili (50,5 Zentimeter), schenkt ihm einen «professionellen Samen». Eine nette Geste, die rückblickend der Aufnahme in den erlauchten Kreis gleichkommen wird.
2022 wird er zum ersten Mal Meister
Von nun an ist Florian Isler nämlich voll dabei. Weil das Jahr 2021 für ihn klimatisch im wahrsten Sinn des Worts ins Wasser fällt, kultiviert er den Boden seines inzwischen 400 Quadratmeter grossen Felds und schafft ideale Bedingungen. 2022 folgt dann die Belohnung: Mit 499 Kilogramm gewinnt er erstmals den Schweizer-Meister-Titel.







Allmählich wird das Hobby zur Berufung. Er schöpft aus dem Samenfundus, der ihm vom internationalen Verband jährlich zugestellt wird, und pflanzt weitere Gemüsesorten an. Hohe Sonnenblumen, Sonnenblumen mit grossen Köpfen, Zucchetti, Melonen, Feuerbohnen, Tomaten. Die Liste liesse sich noch beliebig erweitern.
«Letztlich ist das alles sehr cool, aber eigentlich doch nur Beigemüse», ordnet Florian Isler ein. «Die Königsdisziplin ist und bleibt der Riesenkürbis.»
Jeder Kratzer kann zur Gefahr werden
Dementsprechend nimmt die Arbeit am Feld immer mehr Zeit ein. Während der Aussaat im Mai bis zur Ernte Anfang Oktober ist er bis zu zwei Stunden täglich bei seinem Gemüse. Es gilt, die richtige Bewässerung, den richtigen Schnitt, die richtige Position oder den passenden Schutz zu finden.
Sorgfalt ist dabei das oberste Gebot. Die Gefahr von Schädlingen und Fäule ist latent, darauf gilt es sofort zu reagieren. Schon kleine Verletzungen können fatale Folgen nach sich ziehen.
Isler illustriert das am Kürbis: «Er wächst so schnell, dass sich ein kleiner Kratzer zu einem riesigen Riss ausweiten kann. Und da ich ihn wegen seines Gewichts von unten nicht kontrollieren kann, lege ich ihn auf eine Styroporplatte.»
In nicht einmal dreieinhalb Monaten: Das Wachstum von Islers Atlantic Giant im Zeitraffer.
So gilt es, die Entwicklung immer genau im Auge zu behalten. Die Züchter führen hierfür genau Buch, notieren sich Umfänge und ermitteln mittels einer Formel jeweils das Gewicht.
Ein Blick auf die Zahlen seines diesjährigen Squash-Meisterkürbis offenbart dabei, welch irrwitzige Dimension der Begriff «schnell» in diesem Zusammenhang hat:
Am 24. Juli, 10 Tage nach der Bestäubung der Pflanze, wiegt der Kürbis 11 Kilogramm. Nach 20 Tagen sind es 110 Kilogramm. Nach 30 Tagen 282 Kilogramm. Nach 40 Tagen 436 Kilogramm. Und zum Schluss, am 3. Oktober und nach einer 82-tägigen Wachstumsphase, 727 Kilogramm.
«Zwischen Tag 25 und Tag 30 gewinnt der Kürbis etwa 17,8 Kilogramm täglich. Das sind also fast 750 Gramm pro Stunde», rechnet Florian Isler vor.
Diese Simulation drängt zwangsläufig die Frage auf, was denn eigentlich alles möglich ist. Sind die 727,5 Kilogramm das Ende der Fahnenstange?

«Wohl eher nicht», sagt Florian Isler schmunzelnd – und verweist auf die Rekordliste: Mit seinem aktuellen Squash-Kürbis hält er zwar den Schweizer Rekord, der Weltrekord liegt indessen bei 981 Kilogramm. Bei der Sorte Atlantic Giant liegt der Weltrekord gar bei 1246 Kilogramm.
Liegt also auch für ihn ein Weltrekord drin? «Das dürfte schwierig werden, da ich mir im Gegensatz zu meinen Konkurrenten aktuell kein Treibhaus leisten kann», erwidert der Esslinger.
Er versuche einfach, so viel wie nur möglich herauszuholen. «Und wenn ich mal Glück mit dem Wetter habe. Wer weiss?»
