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«Aktuell müssen wir jeden zweiten Tag Personen im Spital behandeln»

Für Pilzfreunde aus dem Zürcher Oberland: Cornelia Reichert von Tox Info Suisse über die grössten Risiken beim «Pilzlen»

Pilzesammler und -sammlerinnen sollen mit ihrer Beute zur Kontrollstelle, rät Tox Info Suisse.

Foto: Moritz Hager

«Aktuell müssen wir jeden zweiten Tag Personen im Spital behandeln»

Fachärztin zu Pilzvergiftungen

Pilzsammler aus dem Oberland aufgepasst: Das Gegenmittel von Knollenblätterpilz ist knapp. Wird es jetzt kritisch? Cornelia Reichert von Tox Info Suisse gibt Auskunft.

Felix Straumann

Seit einigen Wochen spriessen die Pilze und Sammler sind überall im Wald unterwegs (hier finden Sie die wichtigsten Sammeltipps). Tox Info Suisse erinnerte vor kurzem daran, die Pilze vor dem Verzehr bei einer Kontrollstelle prüfen zu lassen, um Vergiftungen zu vermeiden. Hintergrund sind Engpässe beim Gegenmittel (Antidot) für Vergiftungen durch Knollenblätterpilze. Es wird bis mindestens Mitte November in der Schweiz wie auch im Ausland nicht geliefert werden können.

Frau Reichert, wie problematisch ist zurzeit die Situation bei den Gegenmitteln?

Cornelia Reichert: Wir haben zurzeit zwar teilweise noch Vorräte. Mit unserem Aufruf, dass die Menschen gesammelte Pilze kontrollieren lassen sollen, wollen wir verhindern, dass uns das Antidot ausgeht. Denn dann hätten wir wirklich ein Problem.

Sind denn Vergiftungen durch Knollenblätterpilz häufig?

Tatsächliche schwere Vergiftungen haben wir pro Jahr höchstens eine Handvoll. Das Problem ist jedoch, dass wir auch Verdachtsfälle behandeln müssen, bevor wir wirklich wissen, ob tatsächlich ein Knollenblätterpilz gegessen wurde. Von diesen Fällen haben wir pro Jahr 30 bis 50.

Warum müssen auch Verdachtsfälle behandelt werden?

Knollenblätterpilze schädigen die Leber stark. Unbehandelt kommt es zu Leberversagen und schliesslich zum Tod. Das Gegengift verhindert die Aufnahme der Pilzgifte in die Leber. Es sollte so früh wie möglich gegeben werden, damit die Schäden gering bleiben. Bis Laboranalysen von Urinproben eine Vergiftung nachweisen, dauert es bis zu einem Tag. Solange können wir nicht warten. Anhand der ersten Magen-Darm-Symptome lässt sich nicht sagen, ob eine Vergiftung gefährlich ist oder nicht. Sie gleichen sich bei vielen Pilzvergiftungen.

Zur Person

Fachfrau für Vergiftungen

Eine Frau mit kurzen Haaren und Brille lächelt in die Kamera.
Cornelia Reichert ist leitende Ärztin von Tox Info Suisse.

Cornelia Reichert ist leitende Ärztin von Tox Info Suisse. Die offizielle Schweizer Informationsstelle für Fragen rund um Vergiftungen hat jährlich gut 40'000 Anfragen, etwa 40 Prozent davon betreffen Kinder unter fünf Jahren.

Was geschieht, wenn das Gegengift nicht mehr verfügbar sein sollte?

Es gäbe Alternativen. Die sind jedoch nicht so wirksam und haben teilweise starke Nebenwirkungen.

Nicht nur Knollenblätterpilze können Vergiftungen verursachen. Wie ist die Situation bei anderen Pilzen?

Die anderen giftigen Pilze bei uns sorgen meist vor allem für mehr oder weniger starke Magen-Darm-Symptome. Dagegen gibt es keine Gegengifte. Das ist auch gar nicht nötig, die meisten Leute erholen sich, wenn wir nur die Symptome behandeln.

Ist der Knollenblätterpilz der einzige tödliche Pilz bei uns?

Er ist mit Abstand der wichtigste. Es gibt noch andere, ganz seltene. Diese sorgen für Nierenversagen. Dagegen gibt es kein Gegenmittel. Die Betroffenen können im schlimmsten Fall die Akutphase mit einer Dialyse überstehen und erholen sich dann oft. Eine solche Möglichkeit gibt es bei einer kaputten Leber nicht. Es bleibt dann nur eine Transplantation – vorausgesetzt, ein passendes Organ ist vorhanden.

Was führt denn am häufigsten zu Beschwerden?

Die häufigste Ursache für Magen-Darm-Symptome sind Pilze, die schlecht geworden sind. Je nach Temperatur geht das schnell. Bakterien vermehren sich und sorgen dafür, dass es einem schlecht geht. Gekühlt würde ich selbst gesammelte Pilze höchstens bis zum nächsten Tag aufbewahren. Bei Raumtemperatur sollten sie deutlich schneller zubereitet werden. Weil Pilze grundsätzlich schlecht verdaulich sind, können aber auch frische Exemplare Beschwerden verursachen. Manche Menschen vertragen Pilze einfach schlechter als andere.

Die aktuelle Pilzsaison läuft seit einigen Wochen. Ich nehme an, das merken Sie auch bei Tox Info.

Seit ein bis zwei Wochen haben wir täglich fünf bis zehn Anrufe von Personen, die sich nicht sicher sind, ob die Pilze, die sie gegessen haben, gut waren. Wir fragen dann, ob sie die Pilze selbst gesammelt haben und bei einer Kontrollstelle waren. Wenn die Pilze geprüft wurden, geben wir Entwarnung. Sonst klären wir als Nächstes ab, ob noch Reste vorhanden sind. Dann kann die Notfall-Pilzkontrolle diese nachträglich bestimmen. Wir müssen einzig ausschliessen, dass ein Knollenblätterpilz gegessen wurde. Wenn das nicht möglich ist, müssen alle betroffenen Personen im Spital mit dem Gegenmittel behandelt werden. Zurzeit ist das im Durchschnitt an jedem zweiten Tag nötig.

Das klingt sehr aufwendig.

Der Aufwand kann tatsächlich gross sein. Oft sind bei Pilzvergiftungen ganze Familien oder Personengruppen, die zusammen gegessen haben, gleichzeitig betroffen. Die ganzen Abklärungen und die Koordination mit den Pilzkontrollstellen und den Spitälern macht es für uns arbeitsintensiver als andere Vergiftungen. Während der Saison betrifft etwa ein Zehntel der Anfragen mögliche Pilzvergiftungen.

>> Merkblatt Pilze und Pilzkontrolle des Kantons Zürich

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