Hilfe für Häftlinge durch Schweizer Sport
Verrückte Geschichte eines Netflix-Stars
Raphael Rowe sass 12 Jahre unschuldig. Nun filmt er in den härtesten Gefängnissen und kämpft für bessere Haftbedingungen. Dabei spannt er jetzt mit dem Bäretswiler Marcel Straub und dessen Street Racket zusammen.
Raphael Rowe hat wenig übrig für Serien wie «Prison Break», wo der Gefängnisalltag romantisch verklärt dargestellt werde. Er verbrachte zwölf Jahre in Hochsicherheitsgefängnissen in England und erfuhr am eigenen Leib, wie hart das Leben dort ist.
Er wurde von Wärtern verprügelt, erlebte, wie sich ein Mithäftling das Leben nahm, nachdem dessen Gesuch auf Freilassung abermals abgelehnt worden war, rettete einem anderen das Leben und dachte ab und zu selbst: Der einfachste Ausweg wäre es zu sterben. Doch er liess sich nicht brechen.
Zu lebenslanger Haft verurteilt für ein Verbrechen, das er nicht begangen hatte, kämpfte er erfolgreich für seine Freilassung und machte danach eine Karriere als Fernsehjournalist. Heute 56-jährig, ist Rowe eine internationale Berühmtheit. Seine Netflix-Dokuserie «Die härtesten Gefängnisse der Welt» erreicht ein Millionenpublikum und umfasst schon sieben Staffeln.

Darin berichtet er über die erschreckenden Zustände hinter Gittern – in Moldau, Papua-Neuguinea, Costa Rica, Rumänien, Paraguay, der Ukraine und vielen anderen Ländern. 23 Gefängnisse hat er schon für Netflix porträtiert.
Er hat genauso Angst wie alle anderen
Rowe hat selber viel erlebt und ist doch immer wieder schockiert. Im Zoom-Interview sagt er: «Ich habe genauso Angst wie alle anderen, wenn ich diese Gefängnisse besuche. Auch mit meiner Erfahrung. Zumal ich mir noch mehr bewusst bin als andere, wie unberechenbar und explosiv diese Orte sind.
Ich unterschätze keine Minute, wie gefährlich und herausfordernd es für mich und mein Team ist, diese Dokus zu drehen.» Ein paarmal überlegte er sich auch abzureisen.

Sein Antrieb ist nicht die Sensationslust, sondern aufzuzeigen, wie unmenschlich die Häftlinge vielerorts behandelt werden. Was die Aufgabe erschwert, sie dereinst wieder in die Gesellschaft zu integrieren.
Rowe hat eine Stiftung gegründet, um die Haftbedingungen zu verbessern. Und auf Instagram informiert er über seine neusten Aktivitäten.
Er sagt: «Mir ist klar, dass die Menschen, die von den Verbrechen betroffen sind, die Straftäter leiden sehen wollen. Aber im Gefängnis zu sein, ist allein schon eine Bestrafung und lässt sie leiden. Und wir müssen uns bewusst sein: 99,9 Prozent kehren irgendwann in die Gesellschaft zurück. Wie wollen wir erwarten, dass sie sich zum Guten verändern, wenn wir sie so unmenschlich behandeln?»
Und hier kommt der Schweizer Sportpionier Marcel Straub aus Bäretswil ins Spiel. Dieser schaute sich eines Abends zwei Folgen der Netflix-Serie von Rowe an – jene in Belize und Moldau –, war betroffen von den Zuständen in den Gefängnissen und hatte eine Idee.
Der frühere Schweizer Meister im Squash hat sich 2017 der Verbreitung des von ihm erfundenen Street Racket verschrieben. Schon damals sprach er in einem Interview davon, die Sportart auch in Gefängnissen zu etablieren. Nun dachte er, vielleicht könnte er Rowe für eine Partnerschaft begeistern, um den Racketsport in Gefängnissen zu verbreiten.
«Rowe sprach in der Serie mehrmals davon, dass den Häftlingen die Ventile, die Bewegungsmöglichkeiten, fehlen», erzählt Straub. «Und ich fand: Mit Street Racket habe ich ein Instrument, um Abhilfe zu schaffen. Zumal es in Gefängnissen viele ungenutzte Flächen gibt.» Also schrieb er den Netflix-Star spontan auf Instagram an.
Das reizte Rowe an Street Racket
Am nächsten Morgen hatte ihm Rowe schon geantwortet und sein Interesse bekundet. Er bekomme oft Vorschläge, wie man die Bedingungen in den Gefängnissen verbessern könne, sagt der Engländer.
«Aber viele sind einfach fasziniert von der Gefängniswelt und haben nicht wirklich vor, etwas zu bewegen. Bei Marcel merkte ich sogleich: Er meint es ernst. Und was mich bei Street Racket anzog: Es ist anders als die anderen Ballspiele, zu denen Gefangene schon Zugang haben, wie Tischtennis, Badminton, Volleyball oder Fussball. Weil es recht simpel ist und die Interaktion in den Vordergrund stellt.»
Kurz erklärt: Street Racket wird mit kleinen Holzrackets und einem weichen Ball gespielt – auf verschiedenen Spielfeldern mit drei, fünf oder neun Quadraten. Ein Netz gibt es nicht, weshalb der Ball von unten nach oben geschlagen wird und Smash und Volley verboten sind. Es kann auch gegen die Wand gespielt werden. Punkto Spielvarianten und Zählweise gibt es kaum Grenzen.
Straub hat Street Racket mit Erfolg in Schweizer Schulen verbreitet, war auch schon in Flüchtlingsheimen unterwegs und sogar als Instruktor in einem Gefängnis in Südafrika. Aber durch Rowe lernte er nochmals eine ganz andere Welt kennen.

Die beiden kamen per Videocall schnell überein, den Effekt dieses Racketsports im Gefängnis in einem Pilotversuch zu testen. Rowe wählte das Hochsicherheitsgefängnis Swinfen Hall ausserhalb von Birmingham für männliche Straftäter zwischen 18 und 25.
«In diesem Alter können sie ziemlich unberechenbar sein», sagt der Brite. «Viele verbüssen sehr lange Haftstrafen, auch lebenslange für Mord und andere Gewaltdelikte sowie Sexualdelikte und Raubüberfälle.» Rowe hatte in Swinfen Hall einst einen Vortrag gehalten und dachte sich wohl: Wenn es hier funktioniert, funktioniert es auch anderswo.
Straub traf den Netflix-Star erstmals am Abend vor dem Gang ins Gefängnis in einem schmucklosen Ibis-Hotel irgendwo in der Provinz Englands. «Als ich ihn plötzlich live vor mir sah, war ich beeindruckt. Aber er nahm mir sogleich die Nervosität, war sehr umgänglich und empathisch.»
Am nächsten Morgen früh durchschritten sie die Tore zu Swinfen Hall. Straub hatte ein mulmiges Gefühl im Magen, als er durchsucht wurde und alle seine Sachen abgeben musste. «Ich war mir bewusst: Die Jungs, die im Flügel für lebenslange Haftstrafen sitzen, haben schlimme Dinge getan. Als ich dann vor ihnen stand, versuchte ich aber, alles auszublenden.»
Plötzlich hellten sich die Gesichter auf
In verschiedenen Gruppen vermittelte der 50-Jährige sein Street Racket, so, wie er das immer tut. Er bezog die Wärterinnen und Wärter ins Spiel ein und bildete einige Häftlinge zu seinen Assistenzcoachs aus, die ihm in den nächsten Sessions assistierten. Alle seien engagiert dabei gewesen.
«Als ich zuerst zu ihnen sprach, vermieden fast alle den Blickkontakt und schauten zum Boden. Aber als sie spielten, hellten sich ihre Gesichter auf. Ich sah, wie einige plötzlich lachten. Und was mich extrem überraschte: Es wurde munter diskutiert und experimentiert.»
Sie habe das Gefühl gehabt, die Häftlinge hätten während des Spiels die Mauern um sie herum vergessen, sagte die Gefängnisdirektorin danach zu Straub. Sie hätten sich für einen Moment frei gefühlt.
Der Schweizer weckte in den Schwerverbrechern den Spieltrieb. Er sagt: «Dieser Spieltrieb schlummert in allen, egal welchen Alters. Du brauchst einfach einen Trigger, um ihn herauszukitzeln.»

Seine Erwartungen seien übertroffen worden, resümiert Rowe: «Ich hatte gedacht, dass es eine lustige Aktivität sein würde, bei der sich die Häftlinge und das Personal entspannen. Aber es war viel mehr. Es brachte Gespräche in Gang zwischen Häftlingen und Wärterinnen und Wärtern, die zuvor nie miteinander geredet und gedacht hatten, der oder die andere sei ihnen feindlich gesinnt. Als sie miteinander spielten, lernten sie sich kennen und merkten, dass das alles nur im Kopf war. Wenn man Barrieren abbaut, hilft dies, die Atmosphäre der Feindseligkeit, das Konfliktpotenzial und die Gewalt zu verringern.»
Viele würden Gefängnisse so wahrnehmen, dass diese voller Drogen und Gewalt seien, sagt Rowe. Und natürlich würden diese Elemente mitspielen.
Was jedoch oft vergessen werde: «Viele dieser Menschen sind durch ihre Lebenserfahrungen in Schwierigkeiten geraten. Das kann durch einen Mangel an Bildung sein, wegen Missbrauchs, Drogen- oder Alkoholabhängigkeit, psychischer oder körperlicher Probleme.» Und im Gefängnis würden dann viele keine Hilfe bekommen oder annehmen.
Den Zugang zu den Häftlingen erleichtern
Eine gemeinsame Aktivität wie Street Racket könne eine Chance sein für die Wärterinnen und Wärter, für Psychologinnen und Pädagogen, um mit einigen dieser problembelasteten jungen Männer oder Frauen auf eine Art und Weise zu kommunizieren, die bisher nicht möglich gewesen sei, glaubt Rowe.
Und es habe sich gezeigt, dass Street Racket, weil es so einfach zugänglich sei, auch Häftlingen mit sozialen Ängsten den Zugang zu anderen Insassen erleichtert habe. «Während sie beim Fussball, Rugby, Cricket oder anderen Aktivitäten nicht mitmachen wollten.»
Wenn er in Gefängnisse gehe, versuche er, den Insassen unvoreingenommen zu begegnen, sagt Rowe. «Ich lerne sie in erster Linie so kennen, wie sie dort sind. Dann erfahre ich, welche Straftaten sie begangen haben. Wenn es Verbrechen an Kindern sind, beispielsweise, bin ich genauso angewidert und wütend darüber wie alle anderen.
Wir relativieren ihre Taten nicht, wenn wir Häftlingen mit Tools wie Street Racket die Möglichkeit geben, ihre Einstellung und ihr Verhalten zu ändern. Wir versuchen lediglich sicherzustellen, dass sie mit Menschlichkeit behandelt werden, unabhängig davon, wer sie sind und was sie getan haben.»

Natürlich habe er sich Gedanken über die Taten der Gefängnisinsassen gemacht, sagt Straub. «Da sind Leute dabei, die etwas ganz Schlimmes getan haben. Ich fragte mich: Möchte ich sie mit Street Racket unterstützen? Aber ich identifiziere mich mit dem Zweck der Stiftung von Raphael Rowe. Wenn man etwas dazu beiträgt, dass die Häftlinge nicht mehr so aggressiv und frustriert sind und mit neuen Skills und Perspektiven das Gefängnis verlassen, hilft das allen. Darum geht es: dass sie motiviert werden, an sich zu arbeiten. Wenn du den ganzen Tag nur eingesperrt bist und alles negativ ist, baust du keine intrinsische Motivation auf.»
So kämpfte Rowe für seine Freilassung
Rowe ist ein Paradebeispiel dafür, wie man sich im Gefängnis weiterbilden kann. Er studierte Journalismus per Fernstudium, um zu verstehen, wie die Medien funktionieren, die ihn fälschlicherweise als Monster dargestellt hatten.
Er und zwei weitere Angeklagte schwarzer Hautfarbe waren 1990 zu Unrecht für einen Mord und eine Serie schwerer Raubüberfälle schuldig gesprochen worden. Der öffentliche Druck, Täter zu präsentieren, war gross.
Die Boulevardzeitung «The Daily Mail» setzte eine hohe Summe aus für sachdienliche Hinweise. So wurden falsche Beweise und Aussagen fabriziert.

Rowe verfasste hinter Gittern per Schreibmaschine einen Antrag an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg, kam schliesslich zusammen mit den beiden Mitangeklagten nach zwölf Jahren Haft frei und heuerte bei der BBC als Moderator und Dokumentarfilmer an.
Sein Weg ist für ihn eine Genugtuung. Aber die Lebenszeit, die er unschuldig im Gefängnis verbracht habe, ersetze ihm niemand, sagt er.
Street Racket wurde nach dem Pilotversuch im Sommer 2023 in Swinfen Hall weiter gespielt. Rowe wertete die Resultate mit seiner Stiftung aufgrund von Interviews mit Beteiligten aus und kam zum Schluss, dass man es weiter verbreiten möchte.
Im Bericht werden drei Haupteffekte aufgeführt: die Stärkung des Gemeinschaftsgefühls, der Abbau von Stigmata und die Steigerung des körperlichen und mentalen Wohlbefindens.
Der Bericht enthält auch Fotos von den Aktivitäten, die dieser Redaktion zur Verfügung gestellt wurden. Wobei die Gesichter der Häftlinge unkenntlich gemacht wurden. Zu ihrem Schutz, aber auch zum Schutz der Familien von Opfern, für welche Fotos der Täter, wie sie freudig Racketsport betreiben, verstörend wirken könnten.

Als Nächstes besuchen Rowe und Straub im Dezember Gefängnisse in Moldau. «Die Idee ist, dass wir Marcel an so viele Orte bringen, wie wir nur können», sagt Rowe.
«Während wir in der Zwischenzeit andere zu Instruktoren ausbilden. Aber niemand ist im Moment besser darin als er, Street Racket und dessen Möglichkeiten zu vermitteln.»
Angedacht ist auch, dass die Holzrackets in Werkstätten in Gefängnissen hergestellt werden.
Straub verschafft die Zusammenarbeit mit Rowe weitere Publizität für Street Racket, das er inzwischen als sein Lebenswerk bezeichnet.
Und es würde ihn nicht stören, würde sein Spiel auch einmal auf Netflix auftauchen, für Millionen sichtbar. «Wer weiss», sagt Rowe. Die siebte Staffel seiner Dokuserie über die härtesten Gefängnisse der Welt erschien im September 2023. Eine achte ist noch nicht geplant.
