Er musste Eier stehlen, um nicht an Hunger zu leiden
Saisonniers in der Schweiz
Giuseppe Lucino aus Illnau ist einer der Protagonisten von Samirs Film über die Gastarbeiter. Der Kalabrier sagt: «Solange wir gekrampft haben, hat man uns toleriert.»
In Kürze:
Um der Armut in Süditalien zu entkommen, verpflichtete sich Giuseppe Lucino 1958 als Saisonnier in der Schweiz.
In Samirs Dok-Film «Die wundersame Verwandlung der Arbeiterklasse in Ausländer» erzählt er seine Lebensgeschichte.
Die Fremdarbeiter wurden teils «wie Vieh» gehalten. Die Situation sei dermassen prekär gewesen, dass sich das italienische Konsulat eingeschaltet habe.
Zwei Monate lang habe er es auf dem Bauernhof im Luzernischen ausgehalten, bis er mit Unterstützung der Fremdenpolizei schliesslich aus seinem Arbeitsvertrag entlassen worden sei. «Sieben Tage die Woche schaffen, von früh bis tief in die Nacht, und viel zu wenig zu essen!»
Nicht einmal richtig waschen habe er sich nach der Stallarbeit jeweils können. Giuseppe Lucino verwirft die Hände. «Und in die Sonntagsmesse durfte ich auch nicht.»
Der Bauernsohn aus Kalabrien war 23, als er sich 1958 als Saisonnier in der Schweiz verpflichtete. Hier gebe es für fleissige Leute gutes Geld zu verdienen, habe es in seinem Dorf geheissen, erzählt er im Wintergarten seiner Eigentumswohnung in Illnau. «Stattdessen stahl ich, um meinen Hunger zu stillen, den Hühnern die Eier aus den Nestern.»
Was lavoro – Arbeit – und fame – Hunger – bedeuten, hat er von Kindesbeinen an gelernt. Seine Familie sei «unter null» arm gewesen, der Bauernhof in San Marco Argentano habe viel zu wenig abgeworfen. «Erstmals richtig satt im Leben wurde ich bei meinem 18-monatigen Militärdienst in Udine.»
Der 89-Jährige zeigt auf ein Schwarz-Weiss-Foto, das ihn als Sprenzel in kurzen Militärhosen und mit Schiffchenmütze zeigt. «Lueg, da auf dem Föteli bin ich schon richtig dick.»

Giuseppe Lucino ist einer der Protagonisten in Samirs neustem Dok-Film. In seinem Werk «Die wundersame Verwandlung der Arbeiterklasse in Ausländer» erzählt der Zürcher Filmemacher die Geschichte der Arbeitsmigration in der Schweiz.
Aufruf in den sozialen Medien
Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte die hiesige Textilindustrie einen Boom. Anfangs wurden aus den südlichen Nachbarländern vor allem Frauen rekrutiert. Aufgrund des Migrationsabkommens zwischen der Schweiz und Italien von 1964 und des Baubooms der 1970er Jahre kamen dann vermehrt auch Männer als Saisonniers. Diese arbeiteten meist im Häuser- und Strassenbau.
Eine Nichte habe den Aufruf von Samirs Filmproduktion Dschoint ventschr in den sozialen Medien gesehen und ihn ohne sein Wissen zum Casting angemeldet, erzählt Giuseppe Lucino. Weil er sich nicht fit gefühlt habe, sei Samirs Assistentin für ein Vorgespräch zu ihm nach Hause gekommen.
Der eigentliche Dreh dauerte drei Stunden: «Samir, ein Kameramann, ein Beleuchter, die Assistentin, der Übersetzer – es waren sicherlich sechs, sieben Leute, die sich alle hier in meinen Wintergarten gequetscht haben.» Er lacht schelmisch: «Und zack, c’era un star del cinema.»
Der junge Giuseppe landete nach einer Saison bei einem weiteren Bauern im Kanton Luzern im zürcherischen Lindau bei einem Gärtner, bevor er schliesslich in der Gärtnerei Schudel in Effretikon eine Stelle als Friedhofsgärtner fand. Untergebracht war er im Hakab, einem Weiler zwischen Nürensdorf und Lindau. Dort vermietete ein Bauer zwei alte Häuser an bis zu 100 Saisonniers gleichzeitig, der Grossteil Italiener.
Eine Kochplatte pro Zimmer, ein WC pro Etage und das für 120 Franken, ein Drittel des Monatslohns. «Anfangs stopfte er drei, später dann bis zu sechs Männer in ein Zimmer.» Giuseppe Lucino schüttelt den Kopf. «Er hat uns wie Vieh gehalten.» Die Situation war dermassen prekär, dass sich irgendwann das italienische Konsulat einschaltete.
Als Saisonnier hätte Giuseppe Lucino die Schweiz während der Wintermonate jeweils verlassen müssen. «Mein Chef hat dann aber irgendwas gemischelt.» Sowieso sei es mit seiner neuen Arbeitsstelle in Effretikon nur noch bergauf gegangen.
1961 konnten er und Carmelina, eine junge Frau aus seinem Dorf in Kalabrien, heiraten. Und im Haus seines Arbeitgebers in Effretikon bekam das junge Paar schliesslich eine 2½-Zimmer-Wohnung. «Dort sind dann unsere drei Kinder Vincenzo, Wilma und Irene auf die Welt gekommen.»

Anfangs arbeitete Carmelina noch in Bassersdorf in einer Spinnerei. Später betreute sie neben den eigenen fünf weitere Kinder, damit deren Eltern beide Geld verdienen konnten. «Abends hat sie dann jeweils im Restaurant Haldengut, der heutigen ‹Casa Rustica›, in der Küche mitgeholfen und später nochmals 18 Jahre lang im ‹Hirschen› in Tagelswangen die Zimmer geputzt.»
Auch er habe jede Extraarbeit angenommen und regelmässig Überzeit gemacht. «Das war unter den anderen Italienern nicht immer gern gesehen. Dabei wollten wir uns einfach nur etwas aufbauen und unseren Kindern eine bessere Zukunft ermöglichen.» 1971 wechselte er dann zum Textilmaschinenhersteller Rieter, erst als Magaziner in Effretikon, später als Gruppenführer in Winterthur, bevor er im Jahr 2000 pensioniert wurde.
Kein Platz am Stammtisch für Gastarbeiter
«Solange wir gekrampft haben, hat man uns Fremdarbeiter in der Schweiz toleriert. Aber als Menschen wurden wir lange nicht wirklich akzeptiert», sagt Giuseppe Lucino. «So hätte ich mich noch in den Siebzigerjahren im Restaurant Bahnhof in Effretikon niemals an den Stammtisch setzen dürfen, sondern immer nur hinten, an einen separaten Tisch.»
Auch seine Kinder seien immer wieder ausgegrenzt worden. «Spielt nicht mit den Tschinggen-Kindern», habe es im Quartier geheissen. «Und der Lehrer sagte meinem Sohn, dass er auf den Bau gehöre, und war total überrascht, als er eine Lehrstelle als Maschinenmechaniker fand.»
Am schwierigsten sei es aber gewesen, als Italiener eine Wohnung zu bekommen. Meist habe es geheissen «keine Ausländer, nur Schweizer». «Dass ich bei der Gärtnerei Schudel gearbeitet habe, war ein grosser Vorteil. Zum einen war die Familie in Effretikon eine sehr gute Referenz. Zum anderen kam ich als Friedhofsgärtner mit vielen Schweizern in Kontakt.»
Sobald er gehört habe, dass irgendwo eine Wohnung frei werde, habe er subito einen Cousin, eine Cousine ins Gespräch gebracht. Er lacht: «Dass wir gar nicht verwandt waren, sondern nur aus dem gleichen Dorf, mussten die Vermieter ja nicht wissen.»
Wie viele seiner Landsleute hat auch das Ehepaar Lucino einen Grossteil seiner Ersparnisse in ein Haus in seinem Heimatdorf gesteckt. «Wenn wir aber gewusst hätten, dass wir sicher bleiben dürfen, hätten wir von Anfang an hier in Immobilien investiert.»
Giuseppe Lucino spielt damit auf die Schwarzenbach-Initiative an, mit deren Annahme am 7. Juni 1970 rund 350’000 Gastarbeiterinnen und -arbeiter ihre Koffer hätten packen und heimfahren müssen. «Zum Glück ist es ja dann anders gekommen.»
Kinoausflug mit «tutta la famiglia» im Oktober
Obwohl er und seine im letzten Jahr verstorbene Frau jeden Sommer in Kalabrien verbracht hätten, sei eine Rückkehr nie ein Thema gewesen. «Die Kinder, die Enkel, alle leben hier in der Schweiz», sagt er. «Und alle haben sie sich eingebürgert, und das für nicht wenig Geld, obwohl sie hier geboren sind.»
Ihm selbst habe der Ausländerausweis immer gereicht. «Ich spüre eine grosse Dankbarkeit dafür, dass die Schweiz mir und meiner Familie durch harte Arbeit eine Zukunft ermöglicht hat. Aber ich habe Italien nun mal in meiner DNA.»

Heute Abend wird sich Giuseppe Lucino mit «tutta la famiglia» – rund 20 Leuten – im Winterthurer Kino Cameo «seinen» Film anschauen. Er erhalte laufend Anrufe von Leuten, die ihn bereits gesehen hätten. «Und immer muss ich sagen: ‹Nessuna idea, wie der Film usecho isch.›» Auf jeden Fall habe ihm Samir damit einen Traum erfüllt. «Und dass ich diesen zu Lebzeiten mit meiner Familie teilen kann, ist meraviglioso.»

