Forensische Psychologin erklärt, warum wir einen «Sündenbock» brauchen
Nach Tod von Muriel Furrer
Der Unfalltod der Egger Radjuniorin Muriel Furrer hat in der Bevölkerung viele Spekulationen ausgelöst. Das sei zutiefst menschlich und eine Art Selbstschutz, sagt Psychologin Henriette Haas.
Ein schwerer Unfall in einer kurvenreichen Abfahrt nach Küsnacht hat die Radjuniorin Muriel Furrer während der Weltmeisterschaften in Zürich das Leben gekostet. Nach wie vor ist kaum etwas über die genauen Hintergründe bekannt.
Für viele Menschen ist das nicht nachvollziehbar. Sie äussern ihre Empörung und ihr Unverständnis – und stellen zahlreiche Vermutungen darüber an, warum die junge Sportlerin hat sterben müssen. Auch die Kantonspolizei Zürich bestätigt auf Anfrage der Redaktion, solche Meldungen erhalten zu haben.
Henriette Haas ist pensionierte Professorin für forensische Psychologie an der Universität Zürich, leitete einst eine Analyseabteilung beim Fedpol und betreibt heute eine Praxis in Zürich und Montreux. Die 66-Jährige erklärt im Gespräch, warum der Tod von Muriel Furrer die Menschen so bewegt, warum wir süchtig nach Drama und gleichzeitig unfähig sind, Wissenslücken zu ertragen.
Frau Haas, der Unfalltod der 18-jährigen Muriel Furrer bewegt die Menschen mehr als der Tod einer 29-jährigen Frau, die kürzlich in Bülach von ihrem Mann umgebracht wurde. Warum ist das so?
Henriette Haas: Muriel Furrer hat einen Namen, ein Gesicht. Bei der jungen Frau, die einem Femizid zum Opfer fiel, ist das anders. Ein Tod trifft die Menschen immer anders, wenn sie das Opfer kennen. So sind wir gestrickt.

Die meisten Menschen kannten Muriel Furrer aber nicht. Sie dürften in der Todesmeldung zum ersten Mal von der Frau gehört haben.
Ja, aber Muriel Furrer war Sportlerin und starb bei der Ausübung dieser «öffentlichen Rolle». Unzählige Menschen haben mit den Athletinnen und Athleten mitgefiebert, sich mit ihnen identifiziert. Und dann passiert das Undenkbare: Eine Athletin stirbt. Dass die Menschen schockiert sind und mitfühlen, ist ein zutiefst natürlicher Impuls.
Im Moment deutet nichts auf ein Dritteinwirken hin. Die Ermittlungen sind noch im Gang. Für viele aber scheint klar: Es soll etwas unter dem Deckel gehalten werden. Einige betätigen sich daher selber als Detektiv. Warum ist das so?
In erster Linie wollen diese Leute helfen. Wenn niemand einen solchen Impuls hätte, würden wir sehr wenig erreichen und erfahren als Gesellschaft. Der Mensch wird heute auch darauf sensibilisiert, nachzuhaken, zu hinterfragen und nicht alles hinzunehmen. Diese Entwicklung ist auch von den Informationsmedien beeinflusst.
Wie das?
Viele Medienhäuser fordern ihre Leserinnen und Leser aktiv auf, mitzuarbeiten, Ungereimtheiten und Missstände zu melden. Aber auch die Ermittlungsbehörden selbst setzen immer wieder auf die Mitarbeit beziehungsweise auf Hinweise aus der Bevölkerung.
Vom Juniorenrennen an der WM existieren TV-Bilder, die den Sturz einer Fahrerin in einer Waldpassage zeigen. Allerdings handelt es sich um keine Schweizer Athletin und auch nicht um die Abfahrt in Küsnacht. Trotzdem sind viele Menschen überzeugt, das Video widerspreche den Aussagen der Ermittlungsbehörden. Warum ist das so?
Dahinter stecken viel guter Wille und der Versuch, etwas gegen die eigene Hilflosigkeit zu tun.
Können Sie das ausführen?
Bei einem unvorhersehbaren Ereignis wie etwa einem Unfall werden im Hirn autonome Programme aktiviert, die meistens einen Energieschub auslösen, um zu handeln. Das kann alles von Flucht bis Kampf sein. Beim Unfall von Muriel Furrer, von dem viele durch Presseberichte vernommen haben, fällt diese unmittelbare Handlungsmöglichkeit weg. Das ist schwer zu ertragen. Deshalb stürzen sich manche auf noch so kleine Ansätze oder scheinbare Indizien. Es geht darum, etwas getan zu haben.
Kommt hinzu: Heute lässt sich mit ein, zwei Klicks im Internet scheinbar jede Frage beantworten. Sind wir unfähig geworden, mit der Ungewissheit umzugehen?
Das ist ein wichtiges kulturelles Phänomen unserer Zeit. Wir können Wissenslücken nicht mehr ertragen. In der Wissenschaft ist es das oberste Gebot, zu sagen, was man nicht weiss. Im gesellschaftlichen Diskurs jedoch ist das verpönt.
Wie ist das zu verstehen?
Die Menschen sind süchtig nach Drama. Wir sind es gewohnt, in Rollen und einer festen Dramaturgie zu denken. Hier tragen die Narrative aus Unterhaltungsmedien nicht unwesentlich dazu bei. Einem designierten Opfer muss immer auch ein Täter gegenübergestellt werden.
Die Fortsetzung eines Ereignisses kann nicht in dessen Auflösung bestehen, das ist nicht vorgesehen, weil zu langweilig. Konkret: Es darf nicht sein, dass der Tod eines jungen Radtalents die Folge von kumulierten Zufällen ist. Es braucht einen Sündenbock.
Unfälle gehören aber seit je zum Radsport. Auch die erfahrensten Profis sind davor nicht gefeit.
Natürlich. Der Mensch ist auch nicht dafür gemacht, lediglich mit einem leichten Styroporhelm ausgerüstet mit 60, 70, 80 Stundenkilometern über die Strassen zu donnern. Das ist unnatürlich und lebensgefährlich. Doch darüber wird nicht laut gesprochen.
Weil es ein lukratives Geschäft ist?
Nicht nur darum. Der Hochleistungssport von heute lässt sich durchaus mit den Gladiatorenspielen vergleichen. Es gibt das Publikum, das sich nach Unterhaltung sehnt. Dann gibt es die Veranstalter, für die das ein Geschäft ist. Und schliesslich gibt es die Sportler, die sich darauf einlassen, weil nichts weniger als Heldenstatus winkt. So gesehen ist jeder Teil dieses Systems, das zum Tod von Muriel Furrer geführt hat. Indem wir also Schuldige suchen und benennen, sprechen wir uns selbst frei.
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