Durchzogene Bilanz nach der Rad-WM
Fazit von Gewerbetreibenden und Anwohnern
Im Oberland herrschte Ausnahmezustand – die Rad-Weltmeisterschaften hielten nicht nur Sportler und Fans, sondern auch Anwohner und Gewerbetreibende auf Trab.
Herrschten gerade noch Trubel und Hochbetrieb, sind die Rad-Weltmeisterschaften schon wieder Geschichte. Überschattet wurde der sportliche Grossevent vom tragischen Unfalltod der jungen Eggerin Muriel Furrer.
In vielen Köpfen hinterlässt auch die Erinnerung an den zurückliegenden Anlass einen entsprechend negativen Beigeschmack. Ein Fazit zur Rad-WM zu ziehen, gestaltet sich entsprechend schwierig.
Die Rad-WM bewegte auf vielen Ebenen. Bereits im Vorfeld beschäftigte das Thema Strassensperrungen die Gewerbetreibenden und Anwohner der Region. Waren die Auswirkungen der Verkehrsbehinderungen so schlimm wie erwartet? Oder gab es gar positive Überraschungen?
Einmal Pferdestall – ohne «retour»
Astrid Tepper und Andrea Brändli wohnen in Binz. Die beiden Pferdefreundinnen sahen sich vor der Rad-WM mit der Herausforderung konfrontiert, wie sie trotz Strassensperrungen zwei- oder dreimal täglich zum Pferdestall in Oetwil gelangen würden, um ihre Vierbeiner zu versorgen.
Sie können der WM auch im Nachhinein nicht viel Positives abgewinnen: «Wir waren Samstag und Sonntag jeweils von 6 bis 18 Uhr im Stall – wir konnten gar nicht mehr wegfahren», erzählt Tepper. Die Hauptstrasse in Oetwil, an der ihr Pferdestall liegt, war den ganzen Tag gesperrt.
«Am darauffolgenden Dienstag und Mittwoch mussten wir dann im Gegenzug den ganzen Tag im Stall sein, weil die Strasse in unserer Wohngemeinde Binz gesperrt war.»
Zur Arbeit konnte Astrid Tepper nur, weil sie bereits morgens um 3 Uhr losging. Brändli, die fixe Arbeitsschichten einzuhalten hat, musste an diesen Tagen Urlaub beziehen – auf eigene Rechnung.
Nicht bestätigt haben sich indes die Befürchtungen, dass sich durch die Besuchermengen viele Unbefugte auf ihrem Hof aufhalten würden. «Entsprechend hielt sich auch der Müll auf unseren Weiden in Grenzen.»
Schwierige Tage für Gewerbe
In der kurzen Zeit sei noch keine umfassende Analyse möglich, jedoch könne eine erste Bilanz gezogen werden: «Für das Gewerbe in Uster war die Rad-WM nicht vorteilhaft», fasst Anita Borer, Präsidentin des Gewerbeverbands Uster, zusammen.
«Auswärtige haben in den Tagen der WM die Stadt Uster nach Möglichkeit gemieden», weiss sie aus ersten Rückmeldungen der Geschäfte vor Ort. «Die Einheimischen kamen kurz an die Rennen, um die Sportler anzufeuern, und gingen danach wieder nach Hause.» Konsumiert oder eingekauft worden sei hingegen wenig.
Der Gewerbeverband kritisiert vor allem, dass die Gewerbetreibenden in Uster vor vollendete Tatsachen gestellt worden seien. «Drei Tage sind für die Ustermer Gewerbler viel, wenn sie auf gewisse Tagesumsätze angewiesen sind», sagt Borer, «vor allem, weil sie eine Woche zuvor schon mit dem Umsatzausfall aufgrund des Greifenseelaufs zu kämpfen hatten.»
Gesellschaftlich top, geschäftlich ein Flop
Beim Friseurgeschäft Silfrido in Uster ist die Grundstimmung sehr positiv. «Es war ein toller, gut organisierter Event – weit weniger mühsam, als wir ursprünglich angenommen hatten», sagt Silfrido. «Es war für alle ein Erlebnis.»
Auf den Geschäftsgang jedoch habe der Event einen weitaus weniger erfreulichen Effekt gehabt. «Wir hatten so gut wie keine Laufkunden, an allen drei Tagen. Wir mussten gar früher schliessen.»
Ärger in Uster wegen verschobener Papiersammlung
Die Stadt Uster musste die Papiersammlung aufgrund der Rad-WM um eine Woche verschieben, vom 28. September auf den 5. Oktober. Dies sorgte bei einigen Ustermern für Missmut. Sie warfen der Stadtverwaltung vor, ungenügend kommuniziert zu haben.
Sarina Laustela, Leiterin Abfallbewirtschaftung und Umwelt der Stadt Uster, teilte auf Anfrage mit: «Wir haben in der Woche vom 16. September Plakate im Weltformat in der Stadt platziert, die auf die Verschiebung aufmerksam machten.» Ausserdem sei auf der Website und über die Abfallerinnerungs-E-Mails kommuniziert worden.
Aus Kosten-Nutzen-Gründen sei auf einen Versand in alle Haushaltungen verzichtet worden. Man sei sich bewusst gewesen, auf diese Weise nicht jeden einzelnen Haushalt erreichen zu können. «Allerdings sind es nur vereinzelte Papierbündel, die lediglich eine Woche herumstehen.» Die Stadt Uster habe auf Anfrage älteren Leuten gar angeboten, die Bündel eigenhändig abzuholen.
Gemäss Laustela spielen bei den Rückmeldungen von verärgerten Personen auch die Kommunikationsprobleme betreffend Trinkwasserverunreinigung eine Rolle: «Viele sind schon deshalb etwas genervt. Dabei handelt es sich hier um ein viel kleineres Thema, das in kürzester Zeit wieder gelöst sein wird.»
Freud und Leid in Gossau
Auch die Gemeinde Gossau war während zweier Tage Teil der Rad-WM. Und zwar gleich zu Beginn. Die Nachbetrachtung des Events ist von gemischten Gefühlen geprägt.
Freude herrschte am Montag, dem zweiten Tag des Rennens, vor allem bei den jungen Schülerinnen und Schülern. Die 12- bis 14-Jährigen mussten nämlich nicht zur Schule. Der Betrieb wurde eingestellt.
Auch bei zwei Hittnauern, die einen Kaffeewagen betrieben, war die Stimmung gut. Bei ihnen sind am Sonntag rund 250 Kaffees über die Theke gegangen.
Auf der anderen Seite der damaligen Rennstrecke in Gossau betreibt Skelkim Budzaku das Ristorante Pizzeria Amare. Er sagte, dass er von der Laufkundschaft profitieren konnte. «Wir haben ungefähr einen Viertel mehr Gäste als sonst bedient.»
Anders klang es seitens der angrenzenden Bäckerei-Konditorei Peter. Sie musste auf Kunden verzichten, da ihre Kundschaft vorzugsweise mit dem Auto anreist. Doch während der Rad-WM konnte diese nicht in der Umgebung parkieren.
Arbeiten: Ja oder nein?
«Es war etwas nervig, aber insgesamt nicht gravierend», sagt Diana Feuscher von der Feuscher GmbH in Maur, was die Strassensperrungen betraf. Die Firma ist auf Maler- und Tapezierarbeiten sowie Raumgestaltungen spezialisiert.
Feuscher führt das Unternehmen gemeinsam mit ihrem Ehemann. Beide wohnen etwas ausserhalb der Gemeinde Maur, wo ihr Geschäft ansässig ist. «Das Hauptproblem war die Sperrung der Strasse, die zu unserer Firma führt.»
Vor allem sei lange Zeit nicht klar gewesen, welche Routen wann gesperrt sein würden. «Anfangs dachten wir, dass wir eine Woche schliessen müssen, doch dann kamen nach und nach mehr Informationen.» Schliesslich sei das Geschäft «nur» am Donnerstag und Freitag geschlossen geblieben. «Hätte mein Mann doch auf einer Baustelle gearbeitet und Material aus der Firma gebraucht, wäre er gar nicht dazu gekommen.» Dies hätte nur zu Missverständnissen mit der Bauherrschaft geführt, betont Feuscher.
Insgesamt sei die Planung für lange Zeit schwierig gewesen. «Zum Zeitpunkt, wo wir dachten, wir schliessen, war klar, dass doch einiges möglich ist.» Wirklich verlässlich sei nur der GIS-Browser gewesen, wo alle Sperrungen genau vermerkt gewesen seien.
