Warum man auf keinen Fall eine Katze wie die von Taylor Swift kaufen soll
Tierschützerin aus Esslingen
Die Esslinger Tierschützerin Esther Geisser sagt, welches Tier unsere Hilfe besonders nötig hat – und warum sie sich mehr Unterstützung von der Politik wünscht.
Seit zehn Jahren ist sie rund um die Uhr für Tiere im Einsatz, doch jetzt ist selbst sie am Anschlag: «Das Katzenelend treibt mich um», sagt Esther Geisser (56), Gründerin und Präsidentin der Tierschutzorganisation Netap. So viele Notfallsituationen wie in den vergangenen Wochen habe sie noch nie erlebt, oft sei sie an der Front tätig.
Etwas Ruhe findet sie bei den eigenen vier Büsi, «alles Tierschutzkatzen, alle wurden vor dem sicheren Tod gerettet». Durchs offene Fenster sieht man Kater Rambolino auf der Weide mausen, Katze Sima macht es sich lieber im Büro in Esslingen bequem, gerne auf der Tastatur, wenn ihre Halterin am Computer arbeiten sollte.
Frau Geisser, weshalb müssen Sie zurzeit so oft notfallmässig wegen Katzen ausrücken?
Im Moment werden vor allem Katzenmütter mit Babys oder verlassene Katzenkinder gemeldet, die umgehend verschwinden sollen. Ein grosser Fall von Tierhortung kam auch noch dazu, 50 Tiere, vor allem Katzen, die wir unterbringen mussten. Die Frau drohte uns: «Entweder ihr holt sie, oder ich setze sie aus.» Täglich erreichen uns bis zu 40 Meldungen, meist wegen Katzen, und immer pressierts.
Und dann?
Dann rücken wir aus. Netap ist in 17 Kantonen im Einsatz, rund ein Dutzend sehr engagierter Frauen, die ohne Bezahlung jede freie Minute den Tieren in Not widmen. Für jede einzelne Katze müssen wir x Anrufe tätigen, Tierheime in der ganzen Schweiz kontaktieren, wir fahren sehr viele Kilometer, um tiergerechte Lösungen zu finden. Das Katzenelend ist so gross wie nie zuvor.
Das sagen Sie leider jedes Jahr. Was ist dieses Jahr besonders?
Diesen Sommer hatten wir erstmals mehrere Anrufe von entsetzten Touristen, die auf halb tote Büsi gestossen sind. Zum Beispiel eine italienische Familie, die auf einem Ausflug im Entlebuch drei völlig unterernährte Katzenwelpen gefunden hatte. Wir haben die Kätzchen abgeholt und zum Tierarzt gebracht, leider hat nur eines überlebt. Solche Meldungen kannten wir bisher nur aus dem Ausland. Es ist alarmierend, wir wollen doch keine Verhältnisse wie in südlichen und östlichen Ländern.
In welchen Regionen ist die Situation am gravierendsten?
Das Elend ist überall gross. Allerdings beschäftigt uns der Kanton Luzern am meisten. Von den 250 Einsätzen in diesem Jahr entfallen 70 auf diesen Kanton.

Die Katzenpopulation wächst ständig. Etwa 1,9 Millionen Katzen leben in der Schweiz, dazu kommen schätzungsweise 300’000 verwilderte und verwahrloste Tiere. Die naheliegendste Lösung wäre eine Kastrationspflicht für Freigängerkatzen. Seit Jahren kämpfen Sie an vorderster Front dafür – warum ohne Erfolg?
Es ist mir ein Rätsel, warum eine so praktische Massnahme verweigert wird. 2018 überreichten wir dem Bund eine Petition für eine Kastrationspflicht, unterschrieben von über 115’000 Personen, unterstützt von 150 Tierschutzorganisationen. Sie wurde 2019 diskussionslos abgeschmettert. Einzig die GLP hat sich dafür ausgesprochen. Auch die Motion von Doris Fiala wurde 2020 vom Nationalrat abgelehnt – leider war sie selbst bei der Abstimmung nicht dabei.
Warum sträuben sich die Politikerinnen und Politiker dagegen?
Das Tier und der Tierschutz rangieren in ihrer Agenda ganz unten. Mit Tierschutz lässt sich leider keine Wahl gewinnen. Sie bestreiten das Katzenleid nicht, sie wollen sich einfach nicht näher damit auseinandersetzen. Wie der Luzerner FDP-Nationalrat Peter Schilliger sagte: «In Polen sind streunende Katzen ein weitaus grösseres Problem als hier.» Das ist doch zum Verzweifeln! Niemand in Bundesbern will sich mit dem Katzenelend im eigenen Land ernsthaft befassen, obwohl das Büsi angeblich des Schweizers liebstes Haustier ist.
Nicht zuletzt die Landwirte wehren sich gegen eine Kastrationspflicht, dabei könnten sie ihre Katzen stark vergünstigt operieren lassen.
Und wir fangen die Katzen sogar noch selber ein – eine enorm aufwendige Arbeit bei schweizweit 1500 Kastrationen pro Jahr. Und doch ziehen es manche Landwirte vor, die jungen Katzen zu töten oder sterben zu lassen. Ein Bauer sagte mir tatsächlich, dass seine Populationskontrolle durch den Hammer erfolge. Ich verstehe es nicht.

Können Sie sich auf den Höfen überhaupt noch zeigen?
Selbstverständlich! Wir wollen ihnen ja nicht die Katzen verbieten, aber die Anzahl auf so viele beschränken, wie man anständig halten kann. Die meisten Landwirte sind froh um unsere Hilfe, insbesondere, wenn es verwilderte und zugelaufene Katzen auf dem Hof hat. Oft ist es die Schwiegertochter, die die Überpopulation tiergerecht beheben will. Missstände sind jedoch bei weitem nicht nur auf den Höfen zu finden.
Wo denn noch?
Dieses Jahr wurden wir zu mehreren Katzenzüchtern gerufen, bei denen alles aus dem Ruder gelaufen ist. Und leider sorgen auch Privatleute laufend für Katzennachwuchs: Manche sind der Ansicht, jede Katze müsse einmal Junge haben dürfen. Oder Eltern, die finden, ihre Kinder müssten das Wunder der Geburt erleben. Sie tragen damit aktiv zur Überpopulation bei.
Die Tierheime sind voller Katzen, die ein gutes Plätzli suchen. Manche Interessenten verstehen nicht, dass auch eine Heimkatze 200 bis 450 Franken kostet. Warum ist das so?
Diese Katzen sind kastriert, geimpft, getestet, gegen Parasiten behandelt, gechipt – das alles kostet über 500 Franken. Wer nicht bereit ist, diese Kosten zu übernehmen, wird auch später nicht bereit sein, Geld für den Tierarzt auszugeben. Wer diese Schutzgebühr nicht zahlen will, soll sich besser ein Plüschtier kaufen.
Sie warnen also davor, die Kosten für ein Haustier zu unterschätzen.
Ja, wir haben jede Woche Anträge von Leuten, die ihre Tierarztkosten nicht bezahlen wollen oder können. Regelmässig wenden sich auch Tierärzte wegen Verzichtstieren an uns, weil die Halter das Tier sogar lieber einschläfern lassen wollten, statt eine nötige Behandlung zu bezahlen. Kürzlich haben wir eine Katze übernommen, die zum Einschläfern abgegeben wurde, weil sie eine Ohrenentzündung hatte, die leicht zu behandeln war.
Handkehrum floriert der Handel mit teuren Rassekatzen. Vor allem die Scottish Fold, die Katze mit den geknickten Öhrchen, die auch Prominente wie Taylor Swift mit sich rumschleppen, ist gerade im Trend.

Ihre Meinung dazu?
Die Faltohrkatze ist eine Qualzucht, sie leidet unter einer Knorpelfehlbildung. Sie wird als sehr ruhig und menschenbezogen angepriesen, dabei ist sie permanent von Schmerzen geplagt. Man bestellt im Internet, was gerade chic ist. Und wenn das Tier dann nicht mehr passt, will man es möglichst rasch weghaben und gibt dafür die verrücktesten Gründe an. Einmal wollte jemand seine Katze loswerden, «weil sie farblich nicht mehr zur Einrichtung passt».
Politiker sagen gern, die Schweiz habe eines der besten Tierschutzgesetze überhaupt. Stimmt das wirklich?
Nur bedingt. Viele Länder sind in einigen Bereichen des Tierschutzes weiter als wir. Die Schweiz sieht zum Beispiel keinen allgemeinen Lebensschutz für Tiere vor. Tiere dürfen hier ohne eigentlichen Grund getötet werden, solange das fachgerecht, also angst- und schmerzfrei geschieht. Theoretisch dürfte man sein Meerschweinchen vor den Ferien vom Tierarzt euthanasieren lassen und sich danach ein neues holen. Zudem ist jedes Gesetz nur so gut wie sein Vollzug, und da haperts enorm.
Woran denken Sie?
Es gibt viel zu wenige Kontrollen. Wird ein Missstand doch aufgedeckt, werden die Täter allzu häufig mit Samthandschuhen angefasst. Die Konsequenzen für Tierquälerei sind lächerlich und haben absolut keine abschreckende Wirkung.

Die Schweiz ist das einzige europäische Land, in dem das Essen der eigenen Katze, des eigenen Hundes nicht verboten ist. Gibt es tatsächlich Schweizer, die das tun?
Man hört das ab und zu. Aber natürlich würde niemand darüber reden, aus berechtigter Angst vor Konsequenzen. Hund und Katzen zu essen, ist in unseren Breitengraden mehr als verpönt. Es herrscht eine allgemeine Übereinstimmung darüber, welche Tiere man streichelt und welche man isst.
Vor einem Jahr kursierte ein Video in den sozialen Medien, in dem zu sehen ist, wie ein Zürcher Jugendlicher ein Kätzchen zu Tode quält. Das Verfahren wurde eingestellt, weil sich die Tat in Serbien ereignete. Haben Tierquälereien generell zugenommen?
Tendenziell auf jeden Fall, wobei glücklicherweise auch die Medien häufiger solche Themen aufgreifen und als relevant einstufen. Wir stellen mehr Schussverletzungen bei Katzen und generell eine erhöhte Aggression gegen sie fest. Vor allem aber werden Tiere massiv vernachlässigt. Was hinter verschlossenen Türen passiert, weiss man nicht.
Geht es wenigstens dem Vieh im Stall, den sogenannten Nutztieren, hierzulande besser als im Ausland?
Wir haben zwar einige Tierschutznormen, die etwas weiter gehen als im Ausland, aber als gut würde ich sie dennoch nicht bezeichnen. Es ist wichtig, zu wissen, dass das Gesetz nur aufzeigt, wo die Grenze zur Tierquälerei liegt. Gerade das Nutztier wird oft nicht als fühlendes Individuum wahrgenommen.

Welches Tier hat unsere Hilfe am nötigsten?
Alle Tiere brauchen unsere Hilfe, sie können sich vor uns Menschen nicht selbst schützen. Die Bedürfnisse von Hühnern, diesen schlauen, lernfähigen Wesen, werden beispielsweise komplett ausgeblendet. Um die 80 Millionen Hühner werden allein in der Schweiz pro Jahr geschlachtet. Fast alle Legehennen haben bereits mehrere Knochenbrüche, bevor sie getötet werden. Ein Huhn hat im Ofen mehr Platz als zu Lebzeiten – das klingt lustig, ist aber bittere Wahrheit.
Jede Tierschutzorganisation buhlt um Spendengelder. Wäre es nicht sinnvoller, sich zusammenzuschliessen?
Viele wollen einen eigenen Verein gründen, weil sie zum Beispiel eine Lücke im Tierschutz sehen. Und das ist gut so, weil es überall Handlungsbedarf gibt. Als Konkurrenzkampf empfinde ich das nicht, wir pflegen mit den meisten Vereinen und Stiftungen einen guten Austausch und helfen einander.
Wie viel Geld kommt bei Netap jährlich an Spenden zusammen?
Genug, um die jährlich gegen 40’000 Kastrationen in der Schweiz und im Ausland, die schnell einige Hunderttausend Franken verschlingen, sowie unzählige Tierrettungen zu finanzieren. Da wir auf rund 27’000 Stunden ehrenamtliche Arbeit und Sachspenden zählen dürfen, können wir die Kosten zum Glück relativ tief halten. Lohn erhalten nur ich und neuerdings eine Mitarbeiterin, die zwei Tage die Woche hier arbeitet.
Gerade wurde publik, dass Lolita Morena, Miss Schweiz 1982, dem Schweizer Tierschutz für Videobeiträge und Spesen jährlich 200’000 Franken verrechnete. Solche Vorkommnisse schaden wohl dem Tierschutz allgemein.
Ja, leider. Viele Leute gehen davon aus, dass es einfach den Tierschutz gibt. Generell wünschte ich mir, dass die Leistung der einzelnen Organisationen im Fokus stünde. Deshalb veröffentlichen wir unsere Leistungen auf der Website: Wie viele Kastrationen und Rettungen erfolgten, welche Schulungen und Aufklärungsarbeiten wurden erbracht, was haben wir juristisch erreicht.

Warum sind es vorwiegend Frauen, die sich um Tiere kümmern?
Tatsächlich sind 80 Prozent unserer Freiwilligen weiblich. Ich glaube schon, dass Frauen sensibler und eher bereit sind, sich für Tiere zu engagieren. Das hat nichts mit Hausfrauen-Tierschutz zu tun, denn die Arbeit ist sehr belastend, es gibt nur wenige, die diesen Einsatz ein Leben lang durchziehen.
Die typische Tierschützerin gilt als militant, lieber ist sie in Gesellschaft von Tieren als von Menschen – treffen diese Vorurteile auf Sie zu?
Wenn es um den Schutz der Tiere geht, bin ich sehr konsequent, zeige Biss und Durchhaltewillen, schon seit Kindertagen. Ich habe mit sechs aufgehört, Fleisch zu essen, und lebe seit vielen Jahren vegan. Und ich habe einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und setze mich für die Schwächeren ein – egal ob Mensch oder Tier. Aber ich geniesse das Zusammensein mit Menschen ebenso wie mit Tieren.
Ist Ihr Lebenspartner ebenfalls im Tierschutz aktiv?
Ja. Er ist Anwalt und Professor, arbeitet an der Uni St. Gallen und übernimmt bei Netap vor allem die Buchhaltung und das Rechtliche. Er lebt wie ich vegan und hilft auch bei Einsätzen an der Front.
Ihr Engagement geht so weit, dass Sie sogar auf Kinder verzichteten, weil entweder die Kinder oder die Tiere zu kurz gekommen wären, wie Sie einmal sagten.
Ich bin dankbar, dass ich eine Arbeit machen darf, die ich für sehr sinnvoll erachte. Und wenn ich etwas mache, hänge ich mich gern voll rein. Dass ich meine Zeit vollumfänglich dazu nutzen kann, bestehendes Leid zu lindern und neues Elend zu verhindern, ist leider mehr als nötig. Aber ich wünschte mir, irgendwann die Zeit und Ruhe zu finden, um mal wieder zwei, drei Wochen Ferien zu machen.
Wann gönnten Sie sich zuletzt eine Pause?
Die letzten Ferien liegen über zehn Jahre zurück, 2011 war ich auf den Bahamas auf Cat Island und habe mir damit einen Lebenstraum erfüllt. Sehr gern würde ich eines Tages wieder zurück auf Sanibel Island in Florida reisen. Dort am Strand entstand einst das Logo von Netap, der startende Pelikan. Es dauerte Stunden, bis ich dieses Foto im Kasten hatte.
Wären Sie ein Tier, Sie wären ein Pelikan auf Sanibel Island?
(lacht) Na ja, der Pelikan ist kein Veganer… Aber er ist ein Teamplayer. Und unglaublich ausdauernd.
