Gesellschaft

Rad-WM sorgt für Ausnahmezustand in Uster

Nach Gossau starten die Radprofis nun in Uster. Der grosse Radsportevent bringt diverse Einschränkungen für die Einwohnenden mit sich. Nicht alle freuen sich gleichermassen darüber.

Rad-WM sorgt für Ausnahmezustand in Uster

Zwischen Euphorie und Frustration

Uster ist ein Schauplatz der Rad-Weltmeisterschaften 2024. Das bringt diverse Einschränkungen für die Einwohnenden mit sich. Nicht alle freuen sich gleichermassen darüber.

Uster ist im Ausnahmezustand. Wo sonst der Berufsverkehr fährt, hupt, parkt und zu Stosszeiten nur zäh fliesst, rasen am Donnerstagmorgen plötzlich aerodynamisch verpackte Radlerinnen auf ihren Rennbikes vorbei: Das Strassenrennen der Juniorinnen hat gerade eben begonnen.

Das Zürcher Oberland ist einer der Austragungsorte der aktuell stattfindenden Rad-WM. Einer der Starts befindet sich mitten im Ustermer Stadtpark. Am letzten Wochenende wurde bereits in Gossau gestartet.

Von Uster aus führt die 73,6 Kilometer lange Strecke in Richtung Stadthaus, dann nach Riedikon, eineinhalbmal um den Greifensee und dann von Maur in Richtung Zürich. Zielort ist der Sechseläutenplatz in Zürich.

Aber zurück zum Ausgangspunkt. Das Ustermer Zentrum ist voller Gitter, Absperrbänder, Fahrverbotstafeln und Polizisten. Fussgängerstreifen und sonstige Orte, wo die Rennstrecke überquert werden kann, werden von Verkehrskadetten bewacht: Erst wenn sie grünes Licht geben, darf sich die wartende Masse in Bewegung setzen.

Eine von ihnen ist Anik Bachmann. Eingepackt in blaue Regenschutzkleidung und eine gelbe Warnweste, regelt sie den Fussgängerverkehr an der Zürichstrasse. «Wir müssen die Strecke immer sehr aufmerksam im Auge behalten», erzählt sie.

Es sind nämlich längst nicht nur die Rennradfahrerinnen, die auf dieser unterwegs sind. Mehrere Polizisten auf Motorrädern, einige Ambulanzfahrzeuge und Dutzende Autos der verschiedenen Nationen mit Ersatzvelos fahren der Renntruppe voraus oder hinterher. Und sie alle haben stets Vortritt, Passanten, Velofahrende und Schulklassen müssen warten.

Ein Umstand, der unterschiedlich aufgefasst wird. Bachmann: «Viele freuen sich über das Rennen, bleiben stehen und feuern die Fahrerinnen an. Andere sind in ihrem Alltag nicht so flexibel und wirken gestresst.»

«Hopp, hopp, hopp!»

Entlang der Rennstrecke bis zum Nashornkreisel herrscht feierliche Stimmung. Kinder stehen auf Zehenspitzen und machen sich gross, um über die Absperrgitter sehen zu können. Ungefähr eine halbe Stunde nach dem Start haben die ersten Fahrerinnen den Greifensee zum ersten Mal umrundet und fahren nochmals durch das Stadtzentrum.

Kaum tauchen sie im Blickfeld auf, ertönen Jubelgeschrei und «Hopp, hopp, hopp!»-Rufe, unabhängig von der Nation der Fahrenden. «E super Sach, gäll», sagt ein Senior zu seiner Begleiterin. Sie nickt mit leuchtenden Augen.

Geduldsprobe für Autofahrende und Anwohnende

Während das Stadtzentrum lebt und die Rad-WM gefeiert wird, braucht man rund um den Stadtkern viel Geduld. Aufgrund der Sperrungen für die Rennstrecke sind einige Ustermer Strassen und Quartiere während bestimmter Zeiten von den Hauptverkehrsachsen abgeschnitten.

Busse fahren ebenfalls nur eingeschränkt oder gar nicht, die Anwohnenden müssen teilweise grössere Umwege in Kauf nehmen, um von A nach B zu gelangen. Die Feuerwehr Uster hat sogar einen provisorischen Stützpunkt in der Weiherallee in Betrieb genommen, um mit «doppelter Power für maximale Sicherheit» bereitzustehen.

Eine leere Strasse, davor zwei Absperrgitter.
Leere Strassen, gesperrte Ein- und Ausfahrten: Das Ustermer Zentrum ist während der drei Renntage mit dem Auto nur schwer bis gar nicht zu erreichen. Im Hintergrund sieht man den Teambus der Fahrenden aus den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Es sind Umstände, die im Voraus der Veranstaltung für Verunsicherung und Kritik gesorgt haben. Als die Stadtpolizei Uster auf Facebook die Informationen zu den Sperrungen geteilt hat, gab es einige negative Kommentare. «Das ist richtig blöd», «Ich bin auf 180!!!» sind zwei davon.

Andere Userinnen und User zeigten sich eher besorgt als verärgert und stellten der Stadtpolizei in der Kommentarspalte massenhaft Fragen zu Ausnahmebewilligungen, genauen Sperrzeiten und -zonen.

So ein Scheiss!

Anwohnerin in Niederuster über die Rad-WM

Und obwohl die Stadtpolizei sich alle Mühe gibt, auf die Fragen zu antworten, und das Verkehrskonzept zur Rad-WM schon seit über einem Jahr bekannt ist, fühlen sich nach wie vor nicht alle Einwohnenden gut abgeholt. So auch eine Frau, die am Donnerstag zu Fuss durch Niederuster in Richtung Stadtzentrum hetzt. «So ein Scheiss!», ist ihr Kommentar zur Rad-WM. Sie habe einen wichtigen Termin und könne nicht den Bus nehmen. «Ich wurde nicht gut informiert», wettert sie weiter.

Einige Meter weiter informiert ein Verkehrsregler zwei Seniorinnen im Auto, dass ihr Ziel vorläufig nicht mit dem Fahrzeug erreichbar ist. Unverständnis macht sich breit. «Und jetzt, soll ich einfach parkieren und abwarten?», fragt die Fahrerin sarkastisch. Es sei nicht die erste negative Reaktion, die er heute erhalten habe, erzählt der Verkehrskadett. «Es waren viele Leute genervt, die nicht wie geplant zur Arbeit fahren konnten.»

Ein Kreisel, im Hintergrund ein Auto und ein Mann in gelben Leuchtkleidern.
Niederuster ist fast schon gespenstisch leer. Ein Verkehrskadett klärt Unwissende darüber auf, wo sie mit dem Auto hinkommen und wo nicht.

Auch auf der Autobahn um Uster zeigten sich die Folgen der Verkehrseinschränkungen. Die Fahrzeuge stauten sich seit dem frühen Morgen, auch in Wetzikon kam es gemäss Augenzeugen zu Verkehrsüberlastungen.

Zwei Extreme, die bald Geschichte sind

Es sind wohl zwei Extreme, die während der Tage der Rad-WM in Uster aufeinandertreffen. Zum einen die «normalen» Bürger, die nichts mit diesem Event am Hut haben und sich über dessen Organisation ärgern. Autofahrer und ÖV-Benutzer, die lange Umwege, nervenaufreibende Staus und eine Parkplatzeinbusse in Kauf nehmen müssen.

Und zum anderen die autofreie Stadt, die leeren Quartierstrassen und die damit verbundene Ruhe. Eine Rennstrecke, installiert für die besten und schnellsten Radfahrenden der ganzen Welt. Jubelnde Fans entlang dieser Strecke und natürlich die Fahrenden selbst.

Bald sind beide Szenarien Geschichte. Uster ist noch bis und mit Samstag ein Schauplatz der Rad-WM. Noch zwei Tage Ausnahmezustand, ehe die Spuren von diesem sportlichen Grossereignis weggeräumt werden und die Stadt wieder für alle wie gewohnt zugänglich ist.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.