Für Hinwiler Senioren ist Wohnraum grösstes Problem
Gemeinde erarbeitet Altersstrategie
Wo drückt der Schuh? An einem Workshop hat die Gemeinde Hinwil mit Blick auf die neue Altersstrategie die Bedürfnisse erhoben.
«Ich komme mit meinem Rollator seit der Neugestaltung im Zentrum kaum mehr über die Strasse.» Eine Frau, die schon in den höheren Neunzigern ist, beklagt sich am Tisch über fehlende Trottoirabschrägungen bei Fussgängerübergängen. Ihre Kollegin, nur etwas jünger und auch mit dem Rollator unterwegs, pflichtet ihr bei.
Die beiden gehören zu rund 60 Hinwilerinnen und Hinwilern, die zum Mitwirkungsanlass «Altersstrategie Hinwil» am letzten Freitagabend in den «Hirschen»-Saal gekommen sind. In thematisch aufgeteilten Gruppen können sie ihre Anliegen anbringen, die sie als ältere Einwohner im täglichen Leben beschäftigen.
Kritik an hohen Trottoirs
Gemeinderätin Christina Haffter (FDP), zuständig für Bau und Planung, hat für die beiden Frauen – und viele andere Senioren, die sich ebenfalls über diese neuen Hürden aufregen – eine Antwort: Die Trottoirhöhe sei Vorschrift, die Gemeinde habe da keine Gestaltungsfreiheit. Blinde seien auf die Kanten als Orientierungshilfe angewiesen.
Die Gestaltung des öffentlichen Raums ist der Themenbereich, in dem die älteren Hinwiler am zweitmeisten Mankos ausmachen. Den Leuten fehlen genügend hindernisfreie WCs und Sitzgelegenheiten. Auch die Aufenthaltsqualität an manchen Orten lässt zu wünschen übrig. Dies hat eine Umfrage gezeigt, die die Gemeinde Hinwil im Mai durchgeführt hat. Rund 2500 Fragebogen wurden an alle Personen über 60 Jahre versendet. An der Umfrage konnte aber die gesamte Bevölkerung teilnehmen. 226 Rückmeldungen gab es.
Bezahlbare Wohnungen fehlen
Über alles gesehen taxieren die Antwortenden die Altersfreundlichkeit ihrer Wohngemeinde als «eher» gegeben. Die grössten Defizite gibt es bei den Wohnangeboten für Ältere. Diese fehlten oder seien nicht bezahlbar. Auch die Auswahl der Wohnformen sei sehr beschränkt.
Gesundheitsvorsteherin Herta Huber (FDP) hält dazu am Mitwirkungsanlass fest, dass die Gemeinde nur bedingt Einfluss auf den Bau von altersgerechtem Wohnraum habe. Beim Gestaltungsplan Fadwis sei das aber möglich gewesen. Dort ist auch definiert worden, was als preisgünstig gilt.



Die öffentliche Hand verfügt über die Stiftung Wohnen im Alter Hinwil über 29 Wohnungen. Hinzu kämen im Zentrum von Hinwil rund 50 altersgerechte Wohnungen, die von Privaten vermietet würden. Nicht im Zentrum, sondern im Sack bei Wernetshausen könnte weiterer Wohnraum für Leute über 65 Jahre entstehen. Esther Burkhard, die schon lange in der Liegenschaft wohnt, konnte an der Veranstaltung die Vision der «Webschifflerei» vorstellen. In der ehemaligen Webschützenfabrik soll in sieben bis neun Wohneinheiten Platz für bis zu 15 Personen entstehen.
Unsicher beim Bahnhof
Am dreistündigen Mitwirkungsanlass werden die meisten Resultate der Mai-Umfrage bestätigt. Lob gibt es für das neu gestaltete Postpärkli. Beim Bahnhof wird aber ein Sicherheitsproblem ausgemacht, auch hinsichtlich des Verkehrs. Besorgte Stimmen möchten wissen, ob dort tatsächlich noch «Bsetzistei» eingesetzt werden. Diese seien für Rollstuhl- und Rollatorfahrer nicht geeignet.
Gewünscht werden Begegnungsorte, an denen zum Beispiel Schach oder Boccia gespielt werden könnte. Dabei dürften auch die Aussenwachten nicht vergessen werden, die ohnehin besser mit dem Bus erschlossen werden sollten.
Alle Anwesenden stufen genügend altersgerechten Wohnraum als sehr wichtig ein. Geschätzt wird die zentrale Lage des Pflegeheims – doch Kritik gibt es bei der Essensqualität. Vermisst wird dagegen ein Altersheim. «Besser ist es allerdings, dass die Senioren nicht nur von der übrigen Bevölkerung separiert werden. Wir müssen die Generationen zusammenbringen», lautet das Credo aus der Diskussionsrunde.
Grosses Informationsbedürfnis
Einen grossen Aufholbedarf sieht Herta Huber nach den Diskussionen besonders im Informationsbereich. «Die Leute wissen nicht, was Hinwil alles schon hat.» So sei etwa die Seniorenbroschüre «Wegweiser 60 Plus» nicht bekannt. Zudem wird eine zentrale Anlaufstelle für Altersfragen gewünscht, «am liebsten auf neutralem Boden».

Geschätzt wird von der Runde das Freiwilligenangebot «zäme go laufe». Allerdings wünschen sich einige Senioren, dass für sie eine noch langsamere Gruppe geschaffen wird.
Strategie liegt im Frühling 2025 vor
«Wir nehmen gerne die wichtigen Inputs mit», betont die Gesundheitsvorsteherin nach den Diskussionsrunden. Im nächsten Frühling wird die Altersstrategie dann vorgestellt. Dazu gehört auch ein Massnahmenplan. «Damit halten wir den Zeitrahmen von einem Jahr ein, den wir uns gesetzt haben», erklärt Seraina Brogli, die Leiterin der Abteilung Gesundheit und Umwelt.
Am abschliessenden Imbiss können sich die Teilnehmer des Workshops dann davon überzeugen, dass nicht jede Kritik berechtigt sein muss – zumindest wenn es um die Qualität des Essens aus dem Pflegeheim geht. Die Häppchen aus der Heimküche schmecken den Leuten, und alle kriegen genug.
