Er steht auch mit über 80 noch voll im Saft
Besuch beim Lohnmoster
Als Lohnmoster verarbeitet Willi Altorfer nicht nur Früchte vom Hof seiner Familie, sondern auch von anderen Landwirten. Ein Handwerk, das dem Gossauer auch nach 60 Jahren nicht verleidet ist.
Das Rattern und Dröhnen von Willi Altorfers Mostpresse ist schon von Weitem zu hören. Trotz kühlen Herbsttemperaturen arbeitet der 84-Jährige mit offener Tür und in kurzärmligem Shirt. Ohne mit der Wimper zu zucken, steckt er seine Hände in die grosse Badewanne, in der die Äpfel gewaschen werden.
An diesem Morgen hätte eigentlich sein Sohn Urs Altorfer, der den Hof im Müselacher in Bertschikon mittlerweile in fünfter Generation führt, hier mosten sollen. Doch dieser musste überstürzt eine Kuh auf der Alp abholen. «Den Hof habe ich übergeben, die Arbeit ist aber dieselbe geblieben», sagt Willi Altorfer schmunzelnd und wendet sich wieder seiner Arbeit zu.
Ertragreiches Jahr
Seit über 60 Jahren mostet er. Den Luxus einer vollautomatischen Presse gab es zu seinen Anfangszeiten noch nicht. Die geraffelten Äpfel wurden in Tücher eingepackt und dann in einer Packpresse aufeinandergeschichtet und ausgedrückt.
Seit rund zehn Jahren steht nun eine neue Maschine in der Mosterei. Da im Rahmen des Projekts «Schule auf dem Bauernhof» regelmässig Schülerinnen und Schüler zu Besuch auf dem Hof sind, steht aber ganz am Rand des Raums nach wie vor eine kleine Handpresse. Mit ihr produzieren die Kinder jeweils noch ihren eigenen Most.
Zwar geht auch heute ohne Handarbeit nichts, doch gerade in diesem Jahr ist Willi Altorfer froh, auf Technik zurückgreifen zu können. «Die Ernten variieren zwar immer, aber im Moment ist der Überfluss unglaublich, und die Früchte sind zudem sehr früh reif.»
Das schlechte Wetter im Frühling habe primär dem Gemüse geschadet, das am Boden wachse. Die Hochstammbäume seien von den Schäden weniger betroffen gewesen. «Sie konnten rechtzeitig gut blühen.»
8000 Liter im Jahr
In seiner Mosterei verarbeitet er nicht nur die Früchte vom Hof im Müselacher. Schon seit je ist er Lohnmoster, presst also auch die Äpfel und Birnen von anderen Landwirten. Im Kanton gibt es knapp über 30 Landwirte, die dieses Handwerk anbieten.
Die Altorfers betreiben dabei eine von zwei Lohnmostereien in Bertschikon – die kleinere. Es seien neben ein paar Landwirten mit Hofläden vor allem Privatpersonen, die ihre Früchte hier pressen liessen. Dies ergibt rund 8000 Liter Most pro Jahr. «Damit haben wir Arbeit genug.»
Willi Altorfer schwenkt seine Hände noch ein paar Mal durch die im Wasser schwimmenden Äpfel und Birnen, dann schöpft er einige Körbe heraus. Von Rüsten keine Spur. Mit Stiel, Blättern – und allenfalls Würmern – landen sie nach kurzem Abtropfen in der Maschine. Sieht man einer Frucht an, dass sie schon zu angefault ist, wird sie allerdings frühzeitig aussortiert.
Auf einem Förderband werden die Äpfel zur Mühle transportiert, danach wird der Fruchtbrei zweimal mit einer Walze gegen ein Band gepresst, wobei das «flüssige Gold» extrahiert wird. Was übrig bleibt, ist der sogenannte Apfeltrester. Über ihn dürfen sich die Kühe des Nachbarn freuen.
Saison von August bis November
Der Most, den er für andere presst, wird per Liter verrechnet. Je grösser die Menge, desto günstiger der Literpreis. Zusätzliche Kosten generiert das Pasteurisieren – der Preis für einen Lister Most bewegt sich so zwischen Fr. 1.20 und Fr. 2.50.
Willi Altorfer ist die Arbeit nach all der Zeit noch nicht verleidet. «Ich finde es einfach gut und sinnvoll, wenn das Obst verwertet wird», betont er. Gerade bei Birnen sehe er immer wieder, dass die Früchte auf den Boden fielen und dort verfaulten. «Alle haben Freude an den schönen Blüten im Frühling, aber im Herbst will sich niemand die Mühe machen, die Birnen auch aufzulesen.»
Die Mostsaison begann in diesem Jahr schon Ende August und wird noch bis November andauern. Dabei variiert der Geschmack je nach Zeitpunkt der Apfelernte. Seinen eigenen Most füllt er in grosse 25-Liter-Flaschen, worin er auch für eine lange Haltbarkeit pasteurisiert wird.
Für den Verkauf im Hofladen müssen diese Mengen aber auf kleinere Flaschen umgefüllt werden. Damit sein Most immer ähnlich schmeckt, mischt Altorfer bei diesen Abfüllaktionen jeweils den Inhalt der Flaschen von frühen und späten Produktionen.
Das Wichtigste für guten Most: «Die Früchte müssen reif sein, aber auch etwas Säure enthalten.» Bei Prämierungen habe er auch schon erfolgreich teilgenommen. «Aber solange die Leute sagen, unser Most sei gut, bin ich eigentlich schon zufrieden.»