Sie weckt in Rüti mit ihrer Drehorgel alte Kindheitserinnerungen
Jeden zweiten Dienstag vor der Migros
Eveline Weggler hat aus Geldnot mit ihrem aussergewöhnlichen Instrument begonnen. Ihre Leidenschaft für die Drehorgel hat sie sogar schon ins Gefängnis gebracht.
Die Orgelmusik ist schon von weitem zu hören, wenn man in die Bandwiesstrasse in Rüti einbiegt. Direkt vor der Migros sitzt Eveline Weggler und entlockt ihrer Drehorgel eingängige Melodien. Wieder tritt ein Passant zu ihr und wirft Kleingeld in den Becher vor ihr.
Mit wenigen Unterbrüchen ist die 74-Jährige jeden zweiten Dienstag von 10.30 bis 19.30 Uhr hier vor Ort– und das schon seit Jahren. «Der Platz hier ist sehr gut. Ich werde geduldet und kann hier über Stunden bleiben», erklärt sie, während ein kleines Kind mit einem Lächeln wieder ein paar Münzen in die Sammeldose schmeisst.
Immer wieder Ärger in Zürich
Seit 13 Jahren sei sie als Drehorgelspielerin, was ein anerkannter Beruf sei, in der ganzen Schweiz unterwegs. Im Zürcher Oberland spielt sie regelmässig noch in Wetzikon vor dem Coop in der Kirchgasse. «Nicht alle Standorte sind optimal», erzählt sie. Vor allem über die Stadt Zürich ist sie verärgert. «Dort erhält man nur menschenleere, abgelegene Spielorte von der Polizei zugewiesen. Bei diesen Plätzen verdiene ich nichts.»
Weiche sie von den Spielorten – an einem dürfe sie sich nur jeweils eine halbe Stunde aufhalten – ab, werde sie gebüsst. Bis zu 200 Franken habe sie schon öfters bezahlen müssen. «Ein Polizist in Zürich hat mir schon gedroht, die gesamten Tageseinnahmen einzuziehen und mir auch die Drehorgel wegzunehmen. Das ist skandalös und nur in Zürich so der Fall», ärgert sie sich.
In gewissen Städten muss sie zuerst bei den Behörden vorspielen. So beispielsweise in Biel, wo die Gewerbepolizei entscheidet, wer eine Bewilligung zum Strassenmusik machen erhält.
Als Drehorgelfrau hat sie schon so manche aussergewöhnliche Geschichte erlebt. Sie war sogar schon zweimal im Gefängnis: vier Tage in Biel und zwei Tage in Zürich. «Das, weil ich, für die Polizei nicht erreichbar war und Bussen, die ich wegen Aufenthalt an nicht zugewiesenen Standorten erhielt, nicht bezahlt habe.»
Denn Eveline Weggler lebt nicht in der Schweiz, sondern in der Niederlande. Dorthin ist sie mit ihrem Freund ausgewandert – in die Kleinstadt Franeker. «Wenn ich hier in der Schweiz mit der Orgel spiele, wohne ich jeweils bei einer Bekannten im Gästezimmer», sagt die Drehorgelspielerin.
Angefangen mit der Orgel habe sie, weil sie Opfer eines Geldbetruges wurde. «Ich habe nur eine kleine AHV-Rente und war in Geldnot.» Wie viel sie mit ihrer Drehorgel einspielt, die von der bekannten Firma Raffin aus dem deutschen Überlingen stammt, will sie nicht verraten.
Neben ihr liegt eine Tasche mit Rollen. «Diese aufgerollten Lochstreifen spanne ich in die Orgel ein. Bis zu vier Lieder befinden auf einer Rolle. Wenn ich die Kurbel drehe, bewegt sich die Rolle und die Melodie ertönt», erklärt Weggler. Bis zu 100 Rollen hat sie zu Hause.
Die Melodien wecken Kindheitserinnerungen
Polka, Schlager und christliche Lieder spielt ihre Orgel ab. «Vor allem zur Weihnachtszeit läuft das Geschäft gut», erzählt sie und kurbelt ohne Pause weiter. Eine solche macht sie nur, um kurz etwas zu essen oder um auf die Toilette zu gehen.
Wieder hat sie ein paar Franken eingespielt. «Die Musik weckt alte Kindheitserinnerungen. Früher als Kind stand ich immer gerne vor den Drehorgelspielern auf der Strasse. Seither gebe ich immer ein paar Franken, wenn ich jemand beim Spielen mit der Drehorgel sehe.»
