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Sie stöberte alte Geschichten rund um den Greifensee auf

Ein Kurbad in Mönchaltorf, eine Prophetin in Egg oder ein Absturz: Annette Schär erzählt alte Geschichten rund um den Greifensee neu.

Die ehemalige Chefredaktorin der «Maurmer Post» bringt ihr erstes Buch heraus.

Foto: Eleanor Rutman

Sie stöberte alte Geschichten rund um den Greifensee auf

Historisch erzählte Schätze

Annette Schär grub für ihr erstes Buch tief in den Archiven: vom Einsturz der Decke im Ustermer Hallenbad, einer Sektenführerin aus Egg und dem ersten Piloten über Dübendorf.

Annette Schär hat für ihr Buch «Greifensee Geschichten» alte Schätze geborgen – in Form von schillernden Figuren und Anekdoten, rund um den See. Dabei stöberte sie in Archiven und erzählt zum Beispiel von der Pest, die 1668 in Uster wütete, «denn viele Ustermer glaubten damals nicht, dass die Krankheit ansteckend sei», sagt die Autorin.

Auch erzählt die ehemalige Chefredaktorin der «Maurmer Post» von einem Kurbad in Mönchaltorf, das vor knapp zweihundert Jahren heilsames Wasser anpries – das im Volksmund «Mönchsprutz» genannt wurde –, oder einem amerikanischen Bomber, der gegen Ende des Zweiten Weltkriegs von Fällanden aus abgeschossen wurde und im Greifensee versank.

Mit Sensationsfund Geld kassieren

«Erst neun Jahre später konnte das Wrack geborgen werden», schreibt die Kommunikationsberaterin in ihrem Buch. Es konnte dann an der Maurmer Schifflände besichtigt werden. Der geborgene Bomber sei damals eine Attraktion gewesen, viele Menschen reisten von überallher nach Maur.

«Weil wir die Leute bis nahe ans Wrack heranliessen, mussten wir jedoch höllisch aufpassen, dass dabei keine Teile abgeschraubt wurden», zitiert Schär eine Bauerntochter, die damals half, das Eintrittsgeld von Fr. 1.10 zu kassieren.

«Für mich gestaltete sich die Entstehung meines Buchs wie eine Schatzsuche», erzählt Schär, die selber in Maur wohnt. Jedes Mal, wenn sie wieder einen neuen Hinweis oder eine Akte zum Thema gefunden hat, habe sie innerlich gejubelt wie ein kleines Kind.

Manchmal entdeckte sie neue, bislang unbekannte Zusammenhänge – so etwa, dass es der Ustermer Arzt Otto Werdmüller (1818–1886) war, der die Gründung des Kurbads Löwen in Mönchaltorf überhaupt angeregt hatte.

Eine Postkarte des Gasthofs Löwen.
So sah der «Löwen» damals aus. Die Postkarte diente als Werbemittel.

Die detektivische Arbeit bereitete ihr Freude. «Manchmal rief ich auch Leute an, die mich dann wiederum an andere Menschen verweisen konnte. So haben sich die Puzzleteile zueinander gefügt.»

Schär sprach mit Archivaren und Ortshistorikern, las alte Aufzeichnungen von Pfarrern und folgte den Spuren – oft bis in die Verästelungen. «Die Herausforderung war dabei immer, zu entscheiden, ob ich das Wesentliche schon herausgefunden hatte oder ob es sich lohnen würde, noch tiefer zu recherchieren.»

Eine kuriose Prophetin aus Egg

Sagenumwoben waren auch die Personen, die Schär für ihr Buch herausgefischt und porträtiert hat. Darunter eine Sektenführerin aus Egg (1895): Dorothea Boller sei von inneren Stimmen überzeugt worden, sie sei eine Auserwählte, mit direktem Draht zu Gott.

Gegenüber anderen Menschen habe sie von ihren Visionen berichtet. Mit Erfolg: Dadurch habe sie vor allem alleinstehende, wohlhabende Menschen in ihren Kult ziehen können. Bald hätten diese auch schon ihr gesamtes Geld an Boller vermacht.

«Einige der Geschichten sind bereits während meiner Zeit als Chefredaktorin der ‘Maurmer Post’ entstanden», sagt Schär. Sie habe sich sehr für die Gegend rund um den Greifensee interessiert, sei meist mit dem Fahrrad zu den Schauplätzen gefahren.

So ist Schär zum Beispiel auch auf die Biopionierin Mina Hofstetter gestossen, die sich für schonenden Ackerbau und Veganismus einsetze.

Die Recherche sei zum Teil aber auch beinharte Arbeit gewesen, die Schär in ihrer Freizeit geleistet hat. «Nur schon ein Ausflug in die Zentralbibliothek bedeutete, dass ein halber Tag draufging.» Schär hat über eine Zeitspanne von vier Jahren an dem Buch gearbeitet.

Annette Schaers in rotem Blazer im Stadtpark Uster.
Manchmal schrieb Annette Schär auch schon frühmorgens an dem Buch.

Einige Geschichten seien einfacher von der Hand gegangen als andere – wenngleich sie nicht minder emotional waren: «Diejenigen Ereignisse, die durch zeitgenössische Medienberichte gut dokumentiert waren, konnte ich schneller zu Papier bringen.» Damit meint Schär auch das düstere Kapitel der einstürzenden Decke im Hallenbad Uster 1985, wo zwölf Menschen ihr Leben lassen mussten.

Das Unglück im Hallenbad von Uster

Die Augenzeugenberichte erzeugen Betroffenheit – auch heute noch: «Plötzlich wurde es dunkel, und irgendwas war über mir. Ich bekam keine Luft mehr. Offenbar muss ich schnell an den Bassinrand geschwommen sein, und dort hatte es noch einen kleinen Spalt Luft.»

Für andere Geschichten musste Schär tief in den Archiven graben, im Staatsarchiv Originaldokumente studieren und versuchen, die altdeutsche Schrift zu entziffern.

Schärs erstes Buch bietet eine Sammlung an historischen Ereignissen rund um den Greifensee. «Deshalb der Name ‘Greifensee Geschichten’, weil ich sie alle rund um den Greifensee gefunden habe.» Die Gemeinden um den See gehören zwar zum selben Bezirk, sind aber keine «Region». «Sie verstehen sich nicht wirklich als zusammengehörig», sagt Annette Schär und schmunzelt.

Uster zählt sich zum Zürcher Oberland, Fällanden oder Schwerzenbach blicken Richtung Glattal und Maur und vor allem die Forch sind bereits Teil der Pfannenstiel-Region. «Der See in der Mitte könnte eigentlich stärker identitätsstiftend wirken.»

Der tollkühne Franzose über Uster

Eine weitere Erzählung aus der Schatzkiste von Schär ist diejenige des mutigen Piloten Legagneux. Bei der ersten Flugwoche 1910 in Dübendorf sei der Franzose zum Erstaunen aller Anwesender virtuos abgehoben. Am ersten Flugtag sei er der einzige von vier Piloten gewesen, der es mit seinem Blériot-Eindecker auch wirklich in die Luft geschafft habe.

Somit war er der erste Aviatiker, der an diesem Tag eine erste grössere Runde über die Stadt Zürich drehte – und um die Burg von Uster kreiste. Denn seine drei Kollegen seien noch damit beschäftigt gewesen, ihre Flugapparate überhaupt erst zusammenzubauen.

Fotos aus dem Buch Greifensee Geschichten.
Legagneux umkreiste als erster die Burg in Uster und wurde mit Blumen beschenkt.

Die Flugzeuge der vier Aviatiker seien nämlich in Einzelteile zerlegt per Bahn angeliefert worden. Damals hiessen die kleinen Ein- und Doppeldecker noch Flugapparate oder Aeroplane.

Was heute unvorstellbar anmutet: Der kleine Ort Dübendorf hat diesen ersten grossen Anlass mit nur drei Wochen Vorlauf organisiert. Sogar die SBB habe in dieser Zeit die kleine Bahnstation in Dübendorf in nur wenigen Tagen aufgerüstet, mit neuen Gleisen sowie elektrischer Beleuchtung ausgestattet.

Lesung und Apéro in Maur

Am Donnerstag, 24. Oktober, liest Annette Schär aus ihrem Buch «Greifensee Geschichten», um 19.30 Uhr im Loorensaal in Maur, moderiert von Barbara Benke. Im Anschluss offeriert die Kulturkommission einen kleinen Apéro.

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