Neue Küche im Café Sam in Wetzikon soll IV-Bezügern Chancen eröffnen
Spendensammlung von Ancora-Meilestei
Im Café Sam im Industriegebiet arbeiten Menschen, die eine IV-Rente erhalten. Damit sie für eine mögliche Rückkehr ins Berufsleben vorbereitet sind, träumt die Stiftung Ancora-Meilestei von einer grösseren Investition.
Mit geübten Handgriffen räumt Luisa (Name geändert) die Tassen und Gläser vom Tisch, bevor sie ihn mit einem Lappen reinigt. Auf den ersten Blick ein völlig normaler Vorgang in einem Café.
Doch Luisas Arbeitsort, das Café Sam im Wetziker Industriequartier, ist kein gewöhnliches Café. Betrieben wird es von der Stiftung Ancora-Meilestei. Diese setzt sich für Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen sowie mit psychischen, kognitiven oder sozial bedingten Beeinträchtigungen ein – und hat nun ein weiteres Projekt vor, von dem vor allem Personen wie Luisa profitieren sollen.
Seit Mai arbeitet sie im Café. «Ich bin erst im vergangenen Jahr ins Oberland gezogen», erzählt sie. Luisa bezieht seit vielen Jahren eine IV-Rente. Von einem Burn-out vor gut 20 Jahren hat sich die heute 39-Jährige nie ganz erholt.
Trotzdem will sie nicht untätig bleiben – und hat sich selber auf die Suche nach einer begleiteten Arbeitsstelle gemacht. Fündig geworden ist sie im Café Sam.
An drei Tagen pro Woche packt sie nun für jeweils fünf Stunden im Betrieb an. «Ich übernehme hier ganz viele Aufgaben.» Im Service wie in der Küche. «Am liebsten backe ich.»
Keine geschützte Werkstatt
Luisa ist eine von fünf Mitarbeitenden im Café, die in einer sogenannten begleiteten Arbeitsstelle tätig sind. Diese darf die Stiftung nach Genehmigung durch das kantonale Sozialamt seit Frühling anbieten, insgesamt 200 Stellenprozente für die Mitarbeit in Service und Küche. Betreut werden sie von einem Team von Sozialarbeitern und Arbeitsagogen – so nennt man Fachpersonen für die berufliche Integration.
«Uns ist es wichtig, den Mitarbeitenden eine sinnvolle Arbeit anzubieten», sagt Dave Siegenthaler. Er ist Bereichsleiter für berufliche Integration bei der Stiftung. Es gehe nicht darum, Aufgaben zu suchen, sondern die Mitarbeitenden gezielt zu fördern – ergebnisoffen.

Eine geschützte Werkstatt ist das Café Sam somit nicht – und soll es auch nicht sein. Denn beim ganzen Projekt gehe es auch um Inklusion. «Die Menschen, die hier arbeiten, sind ein Teil der Gesellschaft und sollen dazugehören», betont Leo Nissen, der die Fachstelle Sozialdienst bei Ancora-Meilestei leitet.
35 Portionen in einer normalen Küche
Das Café, das im Oktober 2021 eröffnet wurde, steht allen offen – es gibt Kaffee, Getränke, Snacks und auch Mittagsmenüs. Im Betrieb finden aber auch niederschwellige Beratungen statt, und es gibt die Lernstube, wo Erwachsene Hilfe bei Grundkompetenzen wie Lesen oder beim Umgang mit dem Computer oder dem Handy erhalten.
«Das alles unter einen Hut zu bringen, ist manchmal eine Herausforderung», sagt Nissen. Auch für die Mitarbeitenden, wenn es beispielsweise etwas hektisch wird im Mittagsservice.
Doch für ihn und Siegenthaler ist ein solches Angebot im Industriequartier genau richtig: «Und da gehört es auch dazu, ein preiswertes und gutes Mittagsmenü anzubieten.»

Bisher kocht das Team dafür in einer ganz normalen Haushaltsküche. Bei stets rund 35 Portionen und vier Herdplatten ist das eine Herausforderung. Das bestätigt auch Luisa: «Es ist nicht ganz einfach und manchmal auch sehr eng.»
Eine professionelle Gastroküche soll Abhilfe schaffen. Die Investition hat aber ihren Preis: gut 50’000 Franken. Diese versucht die Stiftung im Moment mit einer Spendensammlung aufzutreiben.
Zukunftschancen ermöglichen
Denn kostendeckend ist der Betrieb im Café Sam bei Weitem nicht. «Wir haben einen sozialen Zweck», betont Nissen. Und so sehen sie sich auch nicht als Konkurrenz für andere Gastrobetriebe.
Dass das Angebot immer beliebter wird und die Zahl der verkauften Menüportionen zunimmt, ist aber nur ein Grund für die geplante Investition. «Wir wollen unseren Mitarbeitenden auch einen angemessenen Arbeitsort bieten, damit sie Zukunftschancen in der Gastronomie haben», erklärt Siegenthaler.
Künftig will die Stiftung auch Ausbildungsplätze für Küchenangestellte anbieten. Das ist eine zweijährige Lehre. Auch die Mitarbeitenden der begleiteten Arbeitsstellen, wie beispielsweise Luisa, sollen vom neuen Equipment profitieren können.
«Wir arbeiten mit Personen, die IV beziehen, wir können sie nicht einfach pushen», stellt Siegenthaler klar. «Aber es ist wichtig, abzuklären, wo der Berufsweg hinführen soll.» Für manche ist die Arbeitsstelle im Café genau dieser Ort. Bei anderen ist auch eine Rückkehr in den regulären – den sogenannten ersten – Arbeitsmarkt möglich.
Auch Luisa denkt oft über diesen nächsten Schritt nach. «Es wäre schön», sagt sie. Doch auch wenn ihr die Gastronomie viel Freude bereitet, weiss sie: «In der freien Wirtschaft wäre ich dem Druck nicht gewachsen.»
Sie betont, dass sich die Arbeitstätigkeit hier nicht gross von einem normalen Gastrobetrieb unterscheidet – abgesehen von der Küchenausstattung. Möglichst schnell müssen die Bestellungen auf den Tischen sein. Vor allem während der Mittagszeit. «Aber hier nehmen sie Rücksicht auf mich, wenn es mir zu viel wird.»
Ob sie irgendwann wieder bereit für den «normalen» Arbeitsmarkt ist, weiss Luisa noch nicht. Sie will im Moment ihren Fokus auch auf die Arbeit im Café Sam legen. «Aber es ist immer im Hinterkopf.»
Informationen zu Spendenmöglichkeiten findet man auf der Website der Stiftung Ancora-Meilestei unter ancora-meilestei.ch/spenden. Die Stiftung ist Zewo-zertifiziert.
