Diese Waldbewohner in Wila warten auf einen Baumpaten
Verein deinbaum
Mit einer verrückten Idee gegen den Schwund der Artenvielfalt: Ein Verein aus Wetzikon bietet seit einigen Jahren Patenschaften für Bäume an. Angefangen im Oberland, gibt es das Angebot neu auch in Wila.
Elektra ist eine der Ältesten im Dorf. Sie versteckt sich im Dickicht oberhalb von Wila – so gut, dass man sich schwertut, wenn man nach ihr sucht. Gäbe sie doch bloss einen Ton von sich!
Doch Elektra ist nicht etwa eine Seniorin mit eigenwilligen Hobbys, sondern eine 107-jährige Rotbuche. Und einer von 15 Bäumen in Wila, die man seit diesem Jahr als Patin oder Pate «adoptieren» kann.
Hinter dem Konzept steckt der in Wetzikon beheimatete Verein deinbaum, der 2017 gegründet wurde. Dieser führte ein gleichnamiges Projekt des Forstreviers Hinwil-Wetzikon weiter und machte es schweizweit verfügbar. Die Idee dazu stammt ursprünglich von Revierförster Stefan Burch und dem Ökologen Dominik Scheibler.
«Die beiden haben bemerkt, dass es in unseren Wäldern nur wenige alte Bäume gibt, weil praktisch alle Bäume genutzt werden, bevor diese alt werden», erzählt Thabea Frasch, die gemeinsam mit Scheibler die Geschicke des Vereins lenkt. Genutzt will heissen: abgeholzt.
Vertragsdauer: 99 Jahre
Weniger «Senioren» im Wald, das bedeutet nämlich auch weniger Artenvielfalt. Denn alte Bäume speichern nicht nur wesentlich mehr CO2 aus der Luft, sie können noch etwas, das ihre jungen Pendants nur schwerlich hinbekommen.
Mit ihren grossen Kronen, Spalten, Höhlen sowie dem Moos- und Pilzbewuchs bieten sie einen Lebensraum für verschiedenste Lebewesen und sind dadurch regelrechte Biodiversitätswunder. «Bis ein junger Baum dieselbe Wirkung entfaltet, dauert es ewig», sagt Frasch.
Um dem stetigen Rückgang alter Bäume in den Wäldern Einhalt zu gebieten, entwickelte der Verein ein Modell, das Waldeigentümer davon abhalten soll, die ökologisch wertvollen Bäume zu fällen und das oft minderwertige Holz zu verkaufen.
Die Beträge zwischen 120 und 300 Franken, die ein Unterstützer für eine fünfjährige Baumpatenschaft bezahlt, fliessen zu 100 Prozent an die Waldeigentümer. Diese haben vorgängig mit dem Verein deinbaum einen Vertrag abgeschlossen. Darin verpflichten sie sich, den Baum während mindestens 99 Jahren unangetastet zu lassen, selbst wenn er abstirbt.
«Mit dem Patenschaftsbetrag schaffen wir einen finanziellen Anreiz für den Besitzer, den Baum nicht abzuholzen», erklärt Frasch. Die Preise sind so kalkuliert, dass sie eine Art Ausgleichszahlung für den Ertrag darstellen, der dem Eigentümer dadurch entgeht.

Wer die Waldeigentümer sind, mit denen der Verein Verträge eingeht, wollen die Verantwortlichen nicht preisgeben.
Erste Erfahrungen mit dem Konzept sammelten die Initianten ab 2014, als erste Bäume in Hinwil und Wetzikon mit dem Patenschaftsmodell vor dem Fällen verschont wurden. «Für sie hatten wir innert kürzester Zeit Paten gefunden.»
Mittlerweile gibt es schweizweit mehr als 1000 Bäume, für die Interessierte Pate stehen können – im Tösstal sind es inzwischen rund 240 Stück, darunter etwa Eichen, Linden, Ahorne sowie viele Buchen und Fichten.
Jeder davon trägt einen Namen, gewählt von der Person, die den Baum aussucht, vermisst und in die Datenbank aufnimmt. «Wir waren selber überrascht, wie emotional die Paten und wir selbst auf die Baumnamen angesprochen haben», sagt Frasch. «Mit der Namensgebung erhalten die Bäume eine Identität.»
Die Feldarbeit, die es braucht, um geeignete Bäume ausfindig zu machen, erledigen Fachleute im Auftrag des Vereins. Neben Alter und Dicke des jeweiligen Waldbewohners spielen dabei auch die Waldbewirtschaftung und Sicherheitsaspekte eine Rolle.
Paten aus nah und fern
Wichtig sind zudem die sogenannten Strukturen der Bäume. Also etwa Risse und Höhlen in der Baumrinde, Totholz in der Krone oder Efeubewuchs. «Je mehr solcher Strukturen ein Baum hat, desto mehr Leben zieht er an», sagt Frasch. «Im Grunde interessiert uns alles, was dem Förster normalerweise nicht so gefällt, weil es den Wert des Holzes schmälert.»
Bleibt noch die Frage: Wer schliesst eine solche Patenschaft ab? Frasch hat auch hierfür eine Antwort. «Wir haben Patinnen und Paten aus der Region, aber auch aus dem benachbarten Ausland und sogar jemanden aus den USA.»
Zusätzlich können Patinnen und Paten eine Spende an den Verein richten und so einen Teil des entstehenden Aufwands mittragen. Denn pro Baum, der neu aufgenommen wird, entstehen Kosten von rund 350 Franken – etwa für das Ausfindigmachen, Vermessen und Eintragen des Baums in die Online-Datenbank.
Übrigens: Wer zum Kreis der Baumpaten gehört, darf den Baum jederzeit besuchen – wenn er ihn denn findet. Eine Karte auf der Website und eine entsprechende Markierung auf dem Stamm sollen dabei helfen.
