Als das Gasthaus Guyer in Turbenthal den Strassen weichen musste
Tösstaler Häuser erzählen Geschichten
Um 1970 fuhren beim Restaurant Guyer die Abrissbagger auf, um der neuen Strassenführung Platz zu machen. Das «Guyer» war lange Stammlokal des Reitvereins Tösstal, der dieses Jahr jubiliert.
Bevor der Kanton Zürich den Verlauf der Tösstalstrasse um den Kirchenrank in Turbenthal neu gestaltete, stand gegenüber dem Gotteshaus das Gasthaus Guyer.
Im Gebäudekomplex integriert war zudem das Uhren-, Bijouterie- und Optikergeschäft gleichen Namens. Das Restaurant im ersten Stock am «scharfen Eck», wie die Chronik schreibt, hatte einen guten Ruf und war viel besucht.
Es erlebte eine besondere Premiere, als man 1881 zwecks Probe für die erste Telefonverbindung in Turbenthal vom «Guyer» zum Gasthof Bären einen Draht spannte, über den man zu bestimmten Zeiten fernsprechen konnte.
In der lose erscheinenden Serie «Tösstaler Häuser erzählen Geschichten» stellt Korrespondentin Renate Gutknecht markante Tösstaler Gebäude und deren bewegte Historie vor. (tth)
Eine andere amüsante Anekdote findet sich ebenfalls im Turbenthaler Nachschlagewerk. Es geht um das Kegelschieben, ein urwüchsiges Spiel, das sich Anfang der 1880er Jahre der besonderen Gunst der Tösstaler erfreute.
Auswüchse dieses Spiels führten dazu, dass der Lärm der Spieler auf Strassen und Plätzen die gebotene sonntägliche Stille störte und die jungen Leute vom Besuch des Gottesdiensts abhielt. Der Pfarrer erboste sich darüber, dass der Wirt Guyer einen Kegelplatz erstellte, der zu nahe am Kirchweg lag, und machte ihm Vorstellungen über sein unschickliches Vorgehen.
Eine beliebte Gaststätte
Gemäss dem von Heidy Dietiker verfassten Buch «150 Jahre Reitverein Tösstal» wurde am 27. Oktober 1889 das «Guyer» als Stammlokal des Vereins bestimmt. Eine gewisse Zeit lang war der 1853 im Turbenthaler Schloss geborene Erhard Wolf als Aktuar tätig.
Nicht immer zur Zufriedenheit aller, denn er selber schrieb im April 1875 ins Protokoll: «Der Actuar, dessen freie Zeit durch äuszerst wichtige Geschäftsangelegenheiten stark gedrängt ist, hatte leider vergessen, das Protokoll der letzten Sitzung abzufassen, einige ungeduldige Mitglieder sprachen deszhalb den Wunsch aus, man sollte doch einmal den jungen Mann zu etwas mehr Amtseifer antreiben.»
Auch durch den Reitverein verkehrte die gehobene Gesellschaft im Restaurant. So spürt man einen gewissen Stolz der Familie Gujer aus den 1993 festgehaltenen Zeilen in einer Zusammenfassung vom Nachfahren des Bijouterie-Geschäfts.
Die von Hugo Guyer zusammengefasste Familiengeschichte zeigt beide Schreibweisen für den Nachnamen auf. Hansjörg Guyer, 1942 geboren und in Turbenthal wohnhaft, lebt seit seiner Geburt mit beiden Versionen. Der Nachfahre von Emilie und Jakob Guyer sagt, dass amtliche Dokumente jeweils an «Gujer» geschickt werden, er selber aber schreibt sich mit «y». Seine beiden Söhne verwenden aber stets die Version «Gujer». (rg)
Die liebenswürdige Wirtsfrau habe zusammen mit ihrem tatkräftigen Ehemann die Arbeit in der Küche und der Wirtsstube bewältigt. Daneben wurde Landwirtschaft betrieben, unter Mithilfe weniger Knechte. Weiter kamen Personentransporte, eine Fuhrhalterei sowie die Fahrt mit der Post von Turbenthal bis Eschlikon hinzu.

Erbaut worden war der komplette Gebäudekomplex, zu dem auch noch eine Scheune gehörte, Anfang der 1830er Jahre. Auftraggeber war Jakob Gujer-Stahl, der Baumeister Hans-Jakob Bosshard, auch «Zimmermann Hanöggel» genannt.
Politik beim Frühschoppen
Vier Wirtegenerationen wirkten ab der Eröffnung im Jahr 1833 bis 1941 im Lokal, alle der Männer hiessen mit Vornamen Jakob. So ging es via Gujer-Stahl über Gujer-Kuhn zu Guyer-Spalinger und dann zu Guyer-Pfister.
Die Chronik ihrerseits ergänzt, dass das Gasthaus während langer Zeit im gesellschaftlichen Leben des Dorfs eine grosse Rolle gespielt und über eine eifrig benutzte Kegelbahn verfügt habe. Der Wirt hatte demnach auf den Pfarrer gehört und das urwüchsige Spiel ins Hausinnere verlegt.

Ergänzend erwähnt wird, dass sich die Handwerker in ihren Schürzen und Schirmmützen zum täglichen Frühschoppen trafen. Dabei sei viel getrunken und noch mehr politisiert worden. Die Familie löste Anfang der 1940er Jahre kein Wirtepatent mehr.
Dadurch erhielt das Bijouterie-Geschäft mehr Platz, konnte sich über viele Jahre halten und ist den alteingesessenen Dörflern noch bestens in Erinnerung. Die zum Restaurant gehörende Wohnung wurde nachfolgend von verschiedenen Familien bewohnt. So bis etwa 1950 von der Tochter des beliebten Wirtepaars Guyer-Spalinger, Ida Schellenberg-Guyer (1906–1975).
Als im Kirchenrank ein Laster stecken blieb
Keine Frage, der Kirchenrank war gefährlich, die Linienführung war eng, und es hatte keine Gehsteige. In der Erinnerung der im Ausserdorf aufgewachsenen Martha Thalmann-Kästli haftet das Bild der Langholztransporte, die mühsam um den Kirchenrank zirkulierten.
Zum schweren Traktor vorne gabs das lange Transportgefährt mit ebenjenem Langholz. An dessen Ende sass bei der lenkbaren Hinterachse seitwärts auf einem Sitz derjenige, der für die Lenkung zuständig war. Der Verkehr stand still, bis die Kurve bewältigt war.



Gerda Busslinger, ebenfalls im Ausserdorf gross geworden, hat diese kuriose Kindheitserinnerung: «Einmal, als Jahrmarkt war, fuhr zeitgleich das Militär durch Turbenthal. Im engen Kirchenrank blieb ein Lastwagen am Dach eines Marktstands hängen, und der ganze Stand krachte zusammen.»
Das auf dem Boden liegende Magenbrot und anderes mehr durften gratis danach zusammengelesen werden. (Anmerkung: Der Jahrmarkt fand viele Jahre lang vom Schloss abwärts zum jetzigen Parkplatz statt.)
Früher Gasthaus, heute Parkplatz
Man sieht: Die neue Strassenführung war nötig, wenn auch schmerzhaft für das Dorfbild. Die kantonale Denkmalpflege schrieb einst: «Sozusagen über Nacht wurden südlich der Kirche im Juni 1971 drei Häuser im Rahmen der Strassensanierung abgebrochen. Ein schöner Querflarz, das ehemalige Gasthaus Guyer, und ein Jahr später folgte das daran angebaute Haus.»
Es ging demnach auch dem gut gehenden Uhrengeschäft an den Kragen. Nach der Hausteilung 1867 war es fast durchwegs von der Familie geführt worden. Seit den 1970er Jahren gibt es also den Parkplatz gegenüber der Kirche.
Während der Arbeiten für den Strassenkreisel standen die nötigen Baugeräte auf dem Platz. Nun soll er neu gestaltet werden. Den Kredit für ein erstes Projekt schickte der Souverän an der Gemeindeversammlung im Juni 2024 jedoch bachab.
