Sie will mit ihrem Buch schüchternen Frauen helfen – und amüsieren
Weinratgeber mit Witz
Viele Frauen haben Hemmungen, einen Weinladen zu betreten, so das Fazit der ehemaligen Weinhändlerin Ruth Schürch. Nun hat die Bubikerin eine Art Ratgeber geschrieben.
«Riechen, Schluck nehmen, und wenn der Wein weder nach Essig, nassem Hund noch nach Nagellackentferner schmeckt, bestehen grosse Chancen, dass er korrekt ist.» Ruth Schürch plädiert dafür, dass Weinverkostungen keine komplizierte Sache sein müssen.
20 Jahre hatte sie die Weinhandlung Déjà Bu in Wetzikon geführt, bis sie 2019 in Pension ging. Nun hat sie die Anekdoten und Erkenntnisse aus dieser Zeit in einem Buch festgehalten, das im Juni erschienen ist. «Nachgeschenkt – Spätlese einer Weinhändlerin» schrieb sie zwar für alle Menschen, «die nie ein Weinbuch kaufen würden» – aber primär für verschüchterte Frauen.
«Oft hatte ich Kundinnen, die im Auftrag ihres Chefs oder Ehemanns zu mir geschickt wurden, um einen Wein als Geschenk zu kaufen. Aber ‹gfälligst e Rächte›! Ganz nach dem Motto: Wer kritisiert, wirkt kompetent.»
Zwischen Kasperlitheater und Geschmacksdiktatur
Solche Machtspielchen seien ein grosser Antrieb zum Buch gewesen. «Aus Angst, sich zu blamieren, flüchten Kunden beim Weineinkauf oft in eine seltsame Ehrfurcht vor dem Urteil fremder Menschen, statt den eigenen Geschmack ernst zu nehmen.»
Schürch findet klare Worte: «Die Weinwelt torkelt heute zwischen Kasperlitheater und Geschmacksdiktatur.» Oft seien es die ungeübten Weintrinker, die bei Degustationen eine unnötig aufgebauschte und laute Beurteilung eines guten Tropfens vorführen.
Es kommt eher darauf an, wer das Gegenüber hinter dem Weinglas, als was darin ist.
Ruth Schürch
Sie hat erlebt, dass die Meinungen über Wein in der Gesellschaft scheinbar kaum auseinandergehen dürfen. «Tatsächlich habe ich beobachtet, wie Frauen bei Degustationen ihren Mann fragten, ‹du han ich de gern›? Das darf doch einfach nicht sein!»
Sie plädiert für mehr Toleranz, für mehr Genuss. Denn: «Die Umstände sind viel wichtiger als der Wein. Es kommt eher darauf an, wer das Gegenüber hinter dem Weinglas, als was darin ist.»
Das Buch soll einen selbstbewussten Umgang mit Wein vermitteln, ohne den Anspruch, die Leserschaft zu Expertinnen und Experten auszubilden. Auch wenn sie grosse Hochachtung vor Sommeliers habe, die täglich 40 Weine testen: «Weinexperten sind alle und niemand.»
Anekdoten aus 20 Jahren
Der eine Teil des Buchs gibt unter anderem Tipps zum Weineinkauf, beantwortet im Laden oft gestellte Fragen und räumt mit Behauptungen und Vorurteilen auf. Darunter finden sich Weisheiten wie: «Keinen Wein zu mögen, ist längst salonfähig. Wenn sich Gastgeber darüber aufregen, empfehle ich neue Freunde.»
Der andere Teil widmet sich den Anekdoten aus 20 Jahren Déjà Bu. Diese hat Ruth Schürch fortlaufend notiert. «Am Anfang habe ich sie aufgeschrieben, um sie später erzählen zu können – ich stand ja immer allein im Laden und konnte erst nach Feierabend meine Erlebnisse mit anderen teilen.» Aber auch, um die teils besorgniserregenden Situationen aus dem Kopf zu bekommen.

«Als Frau im Weinbusiness hat man es schwer», sagt Schürch seufzend. Sätze wie «Was macht ihr Mann, damit Sie sich so ein Lädeli leisten können?» oder «Holen Sie den Chef» waren dabei noch harmlos. «Ein Kunde meinte: Sie müssen mir gar nichts über Wein erzählen! Ich habe schon Wein getrunken, als Sie noch in die Windeln machten!»
Crowdfunding für Buchdruck
Der Name der Weinhandlung sorgte hingegen einst für eine amüsante Verwirrung. «Der Herr am Telefon fragte, ob ich auch ins Hotel komme. Ich fragte, wie viele Personen denn da sein werden. Nach einer langen Pause meinte der Mann, er sei allein, was ich doch etwas komisch fand.» Es stellte sich heraus, dass er bei der Auskunft nach dem Begleitservice Déjà Vu gefragt hatte.
Aber auch im Laden kam es zu komischen Begegnungen. Eine Kundin stürmte einmal aufgebracht herein, da ihr Chef sie zur Weissglut getrieben hatte. Sie kaufte Wein mit den Worten: Jetzt geh ich nach Hause und trinke mich auf sein Niveau runter! «Diese Kundin hat das Buch bereits gelesen und sich selbst erfreut wiedererkannt», sagt Schürch.
Denn um das Buch finanzieren zu können, hatte sie rund 300 ehemalige Kundinnen und Kunden im Rahmen eines Crowdfundings angeschrieben. «Als Gegenleistung bot ich Exemplare des Buchs oder Nachtessen bei uns zu Hause an – ich war überrascht, wie schnell das Geld zusammenkam.»
Ruth Schürch hatte ihre Weinhandlung an der Wetziker Bahnhofstrasse im Sommer 2019 an den Bassersdorfer Weinhändler Archetti vini d’Italia übergeben. Aber auch dieses Geschäft gibt es mittlerweile nicht mehr, aktuell ist im Häuschen ein Schönheitssalon eingemietet.

Mit ihrem Partner hatte sie auch über dem Weinladen gewohnt. Sie zogen aber nach Geschäftsübergabe nach Bubikon. «Hier ist es viel ruhiger, und es grölen nachts nicht jedes Wochenende Betrunkene vor dem Haus herum.»
Der Entscheid, ihre über die Jahre gesammelten Notizen überhaupt zu einem Buch zusammenzufassen, fiel erst zwei Jahre nach ihrer Pensionierung. Es sei auf keinen Fall eine Abrechnung, sondern der definitive Abschied von ihrer Zeit in Wetzikon. «Ich hatte einen so schönen Lebensabschnitt dort, für den ich dankbar bin.»
«Nachgeschenkt – Spätlese einer Weinhändlerin» von Ruth Schürch erschien im Juni 2024 beim Verlag Books on Demand. Es umfasst rund 150 Seiten und ist für 35 Franken im Buchhandel erhältlich.
