Zwischen Wanderern, Piloten und Geburtstagsfeiern auf der Alp Scheidegg
Ab auf die Hütte
Wenn die Sonne scheint, wird die Alp Scheidegg in Wald zum Ausflugsziel. Während die einen von der Alp aus in die Lüfte steigen, erfreuen sich die anderen an ihrem Essen im Gasthaus.
Die Alp Scheidegg gehört zu einem der beliebten Ausflugsziele im Oberland. Gerade wenn die Sonne scheint, lockt der Ausblick vom Gasthaus auf den Zürichsee und die dahinter liegenden Berge Hunderte Menschen auf die Alp – zumal das Gasthaus mit seiner Lage auf 1200 Metern über Meer das höchstgelegene im Kanton ist.
An einem Mittwochmittag Mitte August sind kaum Wolken am Himmel zu sehen, ein leichter Wind sorgt für etwas Abkühlung. Aus der Distanz klingen die Glocken einer Kuhherde, die in Ruhe auf einer saftig grünen Wiese weiden. Zwei Vögel kreisen über den Hügeln und halten Ausschau nach Futter.
Während sich ein paar Dutzend Menschen im windgeschützten Bereich des Gasthauses verpflegen, kommen zwei kleinere, sportlich gekleidete Gruppen erschöpft am Ziel an. Sie haben den Weg bergaufwärts zu Fuss auf sich genommen. Nun wollen sie sich mit kühlen Getränken und Pommes frites stärken, bevor sie wieder talabwärts wandern.
Noch lange nicht fertig
Mit einem Lächeln im Gesicht kommt Aco Rastoder um die Ecke und begrüsst seine Gäste. Er liebt den Kontakt zu den Menschen: «Ich treffe hier auf Paare, Politiker, Büroangestellte. Da ist alles dabei.»
Der 44-Jährige führt den Gasthof seit dem Jahr 2015 mit seiner Frau Sanela – als dritte Pächterfamilie in der bald 100-jährigen Geschichte des Gasthauses, wie er voller Stolz erzählt. Ans Aufhören denkt er nicht: «Einen schöneren Ort mit Restaurant habe ich noch nicht gesehen», sagt Rastoder.

Die bisherigen neun Jahre sind für den Gastgeber wie im Flug vorbeigegangen. Er habe auch jetzt noch das Gefühl, dass er immer noch nicht alles ausgepackt habe. Denn im Gasthaus gebe es immer etwas zu tun.
Zu wenig Personal
Letztes Jahr wurde das Restaurant wieder in Schuss gebracht – das Gasthaus umfassend umgebaut. Seither erhält Rastoder viele positive Reaktionen von den Gästen: «Wir können nun mehr Leute ans Fenster setzen. Und auch auf der windgeschützten Terrasse schätzen die Menschen den grosszügigen Ausblick auf den Zürichsee.»
Damit Rastoder die Gäste täglich mit beliebten Gerichten wie Cordon bleu, Züri Gschnätzlets oder Rindstatar beglücken kann, ist er auf Personal angewiesen. Und genau das bereitet ihm zunehmend Sorgen. «Wir suchen Angestellte für den Service und die Küche. Doch seit Mai haben wir keine einzige Bewerbung als Koch erhalten.»
Die Not macht dafür erfinderisch. Der Gastronom versucht, mit einem Selbstbedienungskiosk dem Personalmangel entgegenzuwirken. «So können wir mit weniger Angestellten mehr Leute glücklich machen», meint der 44-Jährige.
Geburtstagsessen auf der Alp
Mit dem Service zufrieden war auch diese Seniorengruppe aus dem sankt-gallischen Wattwil. Sie besuchen den Gasthof schon das zweite Mal. Die beiden Männer tragen jeweils einen Hut und Brille. Die Frau, Anne Fritsche, hat sich ein Fernglas um die Schulter gehängt. Sie möchte unbedingt den Seedamm, der von Rapperswil nach Pfäffikon im Kanton Schwyz führt, mitsamt den Inseln Ufenau und Lützelau von oben betrachten.
«So einen schönen See haben wir im Kanton St. Gallen nicht», kommentiert Rudolf Fritsche. Der 74-Jährige ist im selben Alter wie seine Frau mit dem Fernglas. Mittlerweile sind die beiden seit 52 Jahren verheiratet.
Anlass für den Ausflug gab jedoch nicht ein Hochzeitstag, sondern der Geburtstag ihres Freundes. Denn am Samstag vor der Ausfahrt wurde Peter Baumann 82 Jahre alt.
Die Musik führte sie zusammen
Die Seniorengruppe teilt eine Leidenschaft: die Musik. In der Freizeit spielen die drei in einem Quartett namens «Kaffeekränzli». Öffentliche Auftritte machen sie keine; sie wollen einfach eine gute Zeit miteinander verbringen. «Das Musizieren steigert dafür die Hirnleistung», meint Anne Fritsche.
Ihr Mann hatte mit der Frau des Geburtstagskinds den Einfall, eine Musikgruppe für Menschen über 60 zu gründen. Mittlerweile sind aus der Idee sechs Ensembles entstanden. Die Musikanten kämen gar von Luzern in die Ostschweiz, um gemeinsam zu musizieren, erzählt Rudolf Fritsche stolz.
Zu Fuss, auf Rädern, in der Luft
Nun zieht auch die Seniorengruppe weiter. Wie die meisten Menschen am Mittwochmittag besuchen sie das Gasthaus auf der Alp Scheidegg per Auto. Die sportlich Ambitionierten finden den Weg mit dem Velo oder zu Fuss.
Für gespannte Blicke sorgen auf der Alp die Gleitschirmflieger. Sie dürfen hier einen eigenen Startplatz benutzen. Ein kurzer Sprint muss für die Flugbegeisterten reichen, bis sie mitsamt Gleitschirm in die Ferne dahingleiten.
Ein Pilot legt seinen Schirm auf der Wiese aus, die Seile kontrolliert er. Der Wind bläst dem Gleitschirmpiloten entgegen. Er läuft nach vorne, die Seile spannen sich, der Schirm stellt sich auf. Doch nach ein paar Metern bricht der Pilot den Start ab. So schnell geht es dann doch nicht in die Höhe.
Sommerserie «Ab auf die Hütte»
Im Sommer zieht es viele Menschen in die Höhe. Eine beliebte Destination sind die zahlreichen Hütten und Alpen im Oberland und im Tösstal. Was sind das für Menschen? Und wer sorgt dafür, dass der Betrieb immer reibungslos läuft? In einer mehrteiligen Serie zeigen wir Ihnen verschiedene Hütten in der Region – und die Menschen, die sie ausmachen.
Teil 1 – Poo-Alp ob Wald
Teil 2 – Hochwacht in Egg
Teil 3 – Farneralp ob Wald
Teil 4 – Hulftegg bei Steg
Teil 5 – Sennhütte auf der Strahlegg
Teil 6 – Alp Scheidegg ob Wald