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Gesellschaft

Aus Alltagssituationen machen sie Schulprojekte

Im Oberland gibt es viele Familien, die ihre Kinder zuhause unterrichten. Darf man das überhaupt? Wie funktioniert das im Alltag?

Im Homeschooling lassen sich Themen noch stärker in den Alltag integrieren.

Foto: Karin Sigg

Aus Alltagssituationen machen sie Schulprojekte

Homeschooling boomt im Oberland

«Back to school» hiess es am Montag für Oberländer Schulkinder. Anders als ihre Gspändli braucht Junia keinen Schulthek zu packen. Ihr Unterricht findet zu Hause statt.

In der letzten Woche der Sommerferien sassen Junia und ihre Mutter Jeanine Keller vor dem Haus und steckten ihre Nasen in ein Schulheft.

Obwohl die Schule noch nicht angefangen hat, hatte die Zehnjährige gerade Lust dazu, schon mal ins neue Mathe-Thema reinzuschnuppern. «Man muss die Phasen nutzen, wenn die Kinder lernbereit sind», erklärt Jeanine Keller, «ihr Lernfenster schliesst sich ebenso schnell wieder, wenn es nicht genutzt wird.»

Man sieht eine Mutter, die ihrer Tochter beim Lernen hilft.
Obwohl die Schule offiziell noch nicht angefangen hatte, wollte Junia etwas für die Schule machen.

Die zweifache Mutter weiss, wovon sie spricht. Seit 2015 unterrichtet sie ihre Kinder am heimischen Küchentisch. Zuerst nur die ältere Tochter Amy, die im Kindergarten so unglücklich war, dass sie immer häufiger krank wurde.

Nachdem sich in der Schule keine Lösung finden liess, entschieden sich die Eltern dazu, Amy vorübergehend zu Hause zu unterrichten. Im Selbststudium eignete sich Jeanine Keller ein breites Wissen über Homeschooling an.

In den Anfängen profitierte die gelernte Kinderkrankenschwester viel vom Hintergrundwissen ihres damaligen Mannes, der in Dürnten eine Privatschule leitet. «In unseren Gesprächen kristallisierte sich dann heraus, dass auch das gemeinsame Meistern diverser Alltagssituationen einen hohen Lerneffekt auf Kinder hat.»

Alltagssituationen werden zu Schulprojekten

So entwickelte die Familie das Konzept, nebst dem Bearbeiten von Schulstoff, «Leben mit Lernen» zu verbinden. «Über viele Projekte stolpern wir zufällig und machen etwas draus.» Sie nennt als Beispiel einen Tag, an dem sie zufällig an einer Baustelle vorbeispazierten.

«Unsere Mädchen verfolgten gebannt mit, wie ein Haus abgerissen wurde.» Die Familie verbrachte kurzerhand den ganzen Tag auf der Baustelle. «Als der Bauleiter auf uns aufmerksam wurde, kam er auf uns zu und beantwortete bereitwillig alle unsere Fragen.» Danach nahmen sie an einer Führung auf dem Recyclinghof teil, um zu lernen, wie beim fachgerechten Entsorgen der Baumaterialien der Kreislauf geschlossen wird.

Was als Übergangslösung angedacht war, wurde zum Dauerzustand. Die jüngere Tochter Junia wurde dann schon von Anfang an zu Hause beschult. «Aus der Notlösung wurde unsere Lieblingslösung», sagt Jeanine Keller. «Die Lernfreude, das Eigenengagement und die Neugierde zum Entdecken von Neuem bleibt bei Homeschoolern meistens erhalten.»

Weil man in kleinen Gruppen besser auf den Schüler eingehen könne, sei man schneller mit dem Stoff fertig und habe somit mehr Freizeit. Seit sich Keller von ihrem Mann getrennt hat, wird sie von Lehrpersonen unterstützt.

Schulbücher und Hefte bezieht die Familie hauptsächlich von einem Schulverlag. Vieles müssen sie selbst berappen, wie etwa Bastel-, Handarbeits- oder Zeichenmaterial. Für Turnunterricht würden sich oft verschiedene Homeschooling-Familien zusammenschliessen, um eine Turnhalle zu mieten. «Amy und Junia bewegen sich ausserdem gerne in ihrer Freizeit, sei es im Pferdestall, im Ballett oder draussen mit den Nachbarskindern.»

«Anfangs fühlten wir uns als ‹Exoten›, doch bald lernten wir immer mehr andere Homeschooler kennen.» Keller fing an, regelmässige Treffen unter Gleichgesinnten zu organisieren. «Bis zu 70 Personen tauschten dabei ihre Erfahrungen aus, und die Kinder konnten unter ihresgleichen spielen.» Corona stoppte diese Treffen.

Während der Pandemie erhielt Jeanine Keller dann viele Anfragen von Eltern – durch die Organisation der Treffen hatte sie sich einen Namen in der Zürcher Homeschooling-Community geschaffen.

Voraussetzungen fürs Homeschooling

Im Kanton Zürich gibt es für Schulkinder drei Möglichkeiten, die Schulpflicht zu erfüllen: durch die öffentliche Volksschule, durch eine private Schule oder durch Privatunterricht – auch als Homeschooling bekannt. Die Entscheidung, wie Kinder jene Pflicht erfüllen, liegt ganz bei den Eltern. Homeschooling ist nicht bewilligungspflichtig, sondern meldepflichtig. Dabei muss zwischen zwei Arten unterschieden werden:
– Privatunterricht, der kurzfristig, also unter einem Jahr, erfolgt. Unterrichtende Lehrpersonen haben keine Vorgaben bezüglich ihrer Ausbildung zu erfüllen.
– Privatunterricht, der ein Jahr oder länger erfolgt. Dafür müssen die unterrichtenden Lehrpersonen ein Lehrdiplom für die Volksschulstufen Kindergarten-, Primar- oder erste Sekundarstufe absolviert haben. Es dürfen nicht mehr als fünf Kinder am gleichen Ort unterrichtet werden, die Ziele des Lernplan 21 müssen eingehalten werden, und auch die wöchentliche Anzahl an Unterrichtsstunden muss eingehalten werden.

Aktuell werden im Kanton Zürich 545 von 184’000 schulpflichtigen Kindern und Jugendlichen zu Hause unterrichtet.

«Schülerinnen und Schüler, welche die Volksschule nicht besuchen, verpassen die Möglichkeit, in einer nicht selbst gewählten Umgebung soziale Kompetenzen zu erwerben», erläutert Myriam Ziegler, Amtsleiterin des Volksschulamts. Beim Homeschooling würden gesellschaftliche Überlegungen eine Rolle spielen, oder es seien die Eltern, die die Zeit mit ihren Kindern möglichst intensiv erleben möchten. Das Thema Sozialisation wird bei jedem Besuch mit Lehrpersonen und Eltern angesprochen: «Es ist den meisten bewusst, dass gute Sozialkontakte, wie beispielsweise in der Freizeit, eine Voraussetzung ist für den Privatunterricht», so Ziegler. Homeschooling muss aber jederzeit den Anschluss an die Volksschule gewährleisten können. (mgp)

Aus diesem Antrieb baute sie sukzessive eine Plattform auf, in der sie Tipps und den Erfahrungsaustausch bietet sowie Kontakte und Anlaufstellen vermittelt. Heute ist sie fast täglich mit der Betreuung dieses Netzwerks beschäftigt.

Homeschooling nicht für alle Kinder sinnvoll

Im Gespräch mit der 40-Jährigen wird klar: Sie ist eine engagierte Mutter, aber keine Verfechterin des Homeschoolings als absolutes Ideal. Sie ist der Meinung, dass der Unterricht zu Hause nicht für alle Kinder und Eltern funktioniert. «Man muss mehr Beziehungsarbeit leisten, weil man mehr Zeit zusammen verbringt und Bindung Lernfaktor Nummer eins ist. Ausserdem sollte das Kind die betreuende Person als ‹Alpha› akzeptieren.»

Nicht zuletzt brauche es als Eltern viel Engagement, sich mit dem Lehrplan, den geeigneten Lehrmitteln und dem Lernen auseinanderzusetzen. Dies sei sehr zeitintensiv.

Gemäss Keller gibt es zwar Eltern, die ihre Kinder aus Ideologie zu Hause unterrichten. «Meiner Erfahrung nach entscheiden sich die meisten Familien aber für Homeschooling, wenn es den Kindern nicht gut geht in der Schule.»

Das Schulsystem bezeichnet sie nicht per se als schlecht, «es passt einfach nicht für alle Kinder». Grosse Klassen, verschiedenes Leistungsniveau, lange Präsenzzeiten und dadurch zu kurze Erholungszeiten seien oftmals die Ursache für langfristig überforderte Schüler. «Gerade für sensible Kinder ist es wichtig, dass sie ihre persönlichen Grenzen kennen und nicht andauernd überschreiten müssen.»

Was müsste sich ihrer Meinung nach ändern in der öffentlichen Schule? «Selbstbestimmtes Lernen und darauf angepasste Lehrmittel sowie Themenzimmer würden die Kinder motivieren.» Damit meint sie, dass Schüler einerseits wählen können, an welchem Thema sie arbeiten und ihre Projekte alltagsnah umsetzen könnten. Auch eine Kombination aus Präsenzzeit und «Homeschooling-Zeit» würde sie begrüssen.

Dass Homeschooling-Kinder zu wenig sozialisiert sind, kann Keller nicht unterstreichen. Fast täglich würden Kinder aus der Nachbarschaft zum Spielen und Hausaufgaben machen vorbeikommen. «Da wir unsere Lernzeit selbst einteilen können, sind wir oft mit anderen Familien unterwegs.»

Lernen, sich zu behaupten

Und wie sieht es mit dem Überwinden von persönlichen Grenzen aus, sich zum Beispiel für einen Vortrag vor die Klasse zu stellen? «Wenn die Wurzeln unserer Kinder stark genug sind, bewältigen sie solche Herausforderungen wie von selbst.»

So würden ihre Töchter sich in Kursen regelmässig in neue Gruppen integrieren. «Amy hat schon Anlässe für die Homeschooling-Community geleitet und Junia mit ihren Gspändli vor der ganzen Nachbarschaft ein Theater aufgeführt.»

Hausbesuche von der Schulaufsicht bestätigen die Kellers auf ihrem eingeschlagenen Weg. Ebenso die Tatsache, dass die 14-jährige Tochter problemlos in der Sekundarschule mithalten kann. Da Amy später studieren möchte, besucht sie aktuell die private Sekundarschule ihres Vaters.

Die Eltern haben sich für diesen Schritt entschieden, um sicherzustellen, dass sie die Anforderungen erfüllt. «Wir merken jetzt, dass unsere Zweifel unbegründet waren», freut sich die stolze Mutter.

Ob Amy einst ein Ferngymnasium absolvieren oder die Kantonsschule besuchen wird, bleibt noch offen. Auch wie lange Junia noch zu Hause beschult wird. «Wir nehmen es vorneweg», sagt Keller, «es muss für uns alle passen.» Dann springt sie wieder in die Rolle der Lehrerin und kontrolliert, ob Junia alle Masseinheiten richtig zugeordnet hat.

Man sieht ein Mädchen, das mit Hohlmassen herumexperimentiert.
Junia experimentiert mit verschiedenen Hohlmassen.

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