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Neue Tagesschule in Riedikon: Kompetenzblumen statt Prüfungen

Gabriela Bosshard und Markus Steiner hinterfragen starre Stundenpläne für Kinder und präsentieren in Riedikon eine neue Alternative.

Markus Steiner und Gabriela Bosshard haben die neue Tagesschule in Riedikon ins Leben gerufen.

Foto: Mel Giese Pérez

Neue Tagesschule in Riedikon: Kompetenzblumen statt Prüfungen

Angelehnt an Montessori

Sollen Kinder wirklich an Stundenpläne gebunden sein? Das fragten sich auch Gabriela Bosshard und Markus Steiner und starteten dieses Schuljahr mit einer Alternative.

An der äussersten Ecke eines Spieltischs steht ein Blumensträusschen in einem bemalten, zerbrechlichen Töpfchen. Der Raum, in dem der Tisch steht, ähnelt eher einem Kreativatelier als einem öden Schulzimmer. Alles ist irgendwie bunt oder aus Holz. An den Wänden hängen Bilder von Frida Kahlo und Gustav Klimt.

Gabriela Bosshard zeigt auf das Blumentöpfchen. «Das sieht ‹gefährlich› aus, vor allem wenn man bedenkt, dass hier Kinder herumtollen», sagt sie. Tatsächlich sei es aber kein Zufall, dass es so platziert worden sei. «Kinder lernen dadurch, achtsam zu sein. Denn das Blumentöpfchen wird ganz bestimmt umfallen, wenn sie nicht aufpassen.»

Ein Blumentöpfchen steht auf der äussersten Ecke eines Tischs.
Ein Blumentöpfchen an der Tischkante: So sollen Kinder Achtsamkeit lernen.

Bisher war im kunterbunten Haus an der Turicaphonstrasse in Riedikon der Kindergarten Kidin.ch. Nun gehört auch die neue Tagesschule dazu, wo Primarschulkinder lesen und schreiben lernen – in Anlehnung an die Montessori-Pädagogik «Hilf mir, es selbst zu tun». Die Schülerinnen und Schüler sollen selbst entscheiden, was sie wann lernen, statt geregelte Zeitfenster dafür zu erhalten.

Weder Stundenpläne noch Prüfungen

Die Schulleitung setzt sich aus Gabriela Bosshard und Markus Steiner zusammen. Die beiden sind als Pädagogen und Filmschaffende im Rahmen der kantonalen Fachstelle Schule + Kultur – einer Institution, die Kunst und Kultur an Schulklassen vermittelt – viel in öffentlichen Schulen unterwegs gewesen.

«Dort herrschen oft Zustände, die nicht das sind, was wir uns unter einer motivierenden Lernumgebung vorstellen», sagt Steiner, der sich auf die klar definierten Strukturen der öffentlichen Schule bezieht.

«Wir kennen es alle», sagt Steiner und nennt gleich ein Beispiel: zwei Stunden Mathematik, zwei Stunden Deutsch, je eine Stunde Naturwissenschaften am Nachmittag. «Wieso soll ich einem Kind eine Mathematikstunde aufzwingen, wenn es gerade lieber lesen möchte?»

Neben den obligatorischen Lehrmitteln und der Implementierung des Lehrplans 21 sollen die Schülerinnen und Schüler auch mit den Lehrmitteln arbeiten, die auf der Pädagogik der italienischen Ärztin und Pädagogin Maria Montessori basieren. Diese sind hauptsächlich aus Holz statt aus Plastik und sollen feinmotorische Fähigkeiten und Koordination schärfen.

Das Auffallendste jedoch ist, dass die regulären Strukturen, wie die meisten es von der Schule kennen, wegfallen: Stundenpläne gibt es keine, Hausaufgaben auch nicht. Neu gelernte Kompetenzen werden in die Blume des «Kompetenzbüchleins» eingetragen, statt sie mit Prüfungen zu testen.

Der Unterricht wird sich nicht auf ein Klassenzimmer beschränken, sondern auch mal im Garten stattfinden. Oder im Wald.

Ein Heft, in welchem eine Blume gezeichnet ist.
Sind alle Blätter der Kompetenzblume ausgefüllt, ist das Kind bereit für die nächste Stufe.

Und auch die Fächer sind extravagant: Theater beispielsweise ist ein Hauptfach. «Das ist sehr wertvoll für die Entwicklung des Kinds», betont Gabriela Bosshard, die selbst als Kulturschaffende viel Erfahrung aus dem Theater, dem Film und der Musik mitbringt. Die Kinder würden nicht nur an ihrem Selbstvertrauen und ihrem Auftreten arbeiten, sondern sich gleichzeitig mit Literatur auseinandersetzen.

Die Tagesschule kostet 2100 Franken im Monat und ist an die Montessori-Pädagogik angelehnt. Das heisst, sie richtet sich nach dieser Methode, darf sich aber nicht Montessori-Schule nennen. Denn dafür bräuchten die Lehrpersonen ein Montessori-Diplom – den Abschluss eines dreijährigen Lehrgangs, der nach der Pädagogischen Hochschule zu absolvieren ist. Neben Gabriela Bosshard und Jennifer Höllein wird noch eine weitere Lehrperson unterrichten.

Biologie im Zirkuswagen

Die Pädagogik findet auch Lehrerin Jennifer Höllein spannend. Sie unterrichtete bisher Klassen der Sekundarschule in Naturwissenschaften. Jetzt unterrichtet sie zusätzlich die Kinder der Tagesschule. Ihre Fächer werden sich um Menschen, Natur, Religion und Ethik drehen – gemäss Lehrplan 21.

Doch sie hat die Freiheit, den Unterricht zu ergänzen: viel Zeit in der Natur, tiefere Einblicke in Naturphänomene und Experimente. «Wir haben auch die Möglichkeit, nach draussen zu gehen. Für den Unterricht können wir uns sogar in einen Zirkuswagen zurückziehen, und für Untersuchungen in der Natur steht uns ein grosses Aussenareal zur Verfügung», sagt Höllein.

Dass sie vorerst mit einer vierköpfigen Klasse arbeiten wird, findet Höllein gut: «So kann man den Kindern wirklich viel Zeit widmen. An einer öffentlichen Schule wäre das nie möglich gewesen.» Das bringe Vorteile für solche Schülerinnen und Schüler, die etwas länger bräuchten als andere. Ziel sei es, dass jedes Kind frei und selbständig arbeiten und sich dabei individuell entwickeln könne.

Wie andere Schulen auch unterliegt eine private Schule der Regulierung des Volksschulamts. Sind alle Kriterien für eine Anerkennung erfüllt, erteilt es die Bewilligung für eine Privatschule. In Einzelfällen werden unter gewissen Auflagen Bewilligungen befristet ausgesprochen.

«Private Schulen müssen eine gleichwertige Bildung zur Volksschule anbieten. Sie können aber zusätzliche Schwerpunkte setzen, insbesondere inhaltlicher, pädagogischer, weltanschaulicher, religiöser oder konfessioneller Art. Diese müssen aber klar deklariert werden», erklärt Myriam Ziegler, Amtsleiterin des Volksschulamts.

Montessori als Qualitätsmerkmal

In letzter Zeit hat Maria Montessori einiges an Kritik einstecken müssen. Ihr wurde unter anderem vorgeworfen, ein rassistisches, diskriminierendes Weltbild zu vermitteln und eng mit Faschisten, wie etwa Benito Mussolini, verknüpft gewesen zu sein. Erst kürzlich wurden ihre anthropologischen Bücher ins Deutsche übersetzt, was die Kritik auslöste.

«Wir mussten uns natürlich mit diesen Vorwürfen auseinandersetzen», gesteht Steiner. Doch diese müssten kontextualisiert werden – ihre erste Schule habe sie um 1907 gegründet.

«Maria Montessori hatte eine Vision, Bildungsinstitutionen zu gründen. Dafür brauchte sie eine Finanzierung und musste einfach mit Politikern und Faschisten auskommen. Vor allem hatte sie es als Frau viel schwieriger», ergänzt Bosshard. Montessori habe sich dem System schlicht fügen müssen. «Es war eine andere Zeit. So etwas können wir uns heute eben nicht mehr vorstellen», ergänzt Steiner.

Einen anderen Namen für die Tagesschule zu nehmen, kam für die beiden aber nicht infrage. «Montessori ist ein Qualitätssiegel. Wieso sollten wir dann etwas anderes nehmen?», fragt Bosshard. Für die Eltern sei es so viel einfacher einzuschätzen, wie die Schule arbeite. Die Tagesschule werde sich zwar nach der Pädagogik Montessoris richten, aber die eigene Ethik vertreten und sich von den kritischen Aspekten Montessoris distanzieren.

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