Konkurs, Sanierung, Neuausrichtung – die Szenarien für das Spital Wetzikon
GZO in der Krise
Aktuell ist es ruhig um das GZO. Doch die Ruhe trügt. Das Spital Wetzikon braucht Geld, um eine 170-Millionen-Franken-Anleihe zu refinanzieren. Eine Rettung aus der Krise ist vielschichtig und kompliziert.
Das Spital Wetzikon hat ein Problem. Vor zehn Jahren hat die Betreiberin GZO AG sich 170 Millionen Franken geliehen, um ein neues Spital zu bauen. Jetzt wollen die Gläubiger ihr Geld zurück – doch dieses Geld hat das Gesundheitszentrum Oberland (GZO) nicht. Die Arbeiten am Neubau sind gestoppt. Das GZO steht vor einem Debakel.
Wie konnte es so weit kommen?
Das GZO hatte im Mai noch gehofft, der Kanton würde in die Bresche springen. Aber der Regierungsrat hat entschieden, dem Spital keine finanzielle Unterstützung zu gewähren, da es für die Gesundheitsversorgung der Region «nicht unverzichtbar» sei. Auch in Uster und in Männedorf gibt es ein Spital.
> > Lesen Sie hier die gesamte Übersicht, was bisher alles in der Wetziker Spitalkrise passiert ist.
Wie hat das Spital reagiert?
Für das GZO und ihren Verwaltungsratspräsidenten, den FDP-Kantonsrat Jürg Kündig, war das eine grosse Schlappe. Sie hat darauf mit einem Antrag auf eine provisorische Nachlassstundung reagiert. Diese verschafft dem GZO vor allem eines: mehr Zeit. Während vier Monaten, bis Ende August, ist das Spital Wetzikon damit von den Forderungen der Gläubiger geschützt und kann nicht betrieben werden.
Schafft es das Spital Wetzikon mit der Hilfe von zwei vom Gericht eingesetzten Sachwaltern in diesen vier Monaten, aufzuzeigen, dass es auf eine gute Lösung zusteuert, kann der Zahlungsaufschub weitere vier Monate und schliesslich nochmals 24 Monate verlängert werden.
Wie wahrscheinlich ist ein Konkurs des Spitals?
Jürg Girschweiler, Experte für Konkurse und Nachlassstundungen, gibt Entwarnung, ohne die Details von Wetzikon zu kennen: «Das Konkursrisiko für die nächsten Jahre für das Spital Wetzikon ist praktisch inexistent.» Der Grund: Der operative Betrieb des Spitals Wetzikon ist finanziert. Das Spital ist liquide.
Es brauche also lediglich eine Lösung für die Schulden, sagt Girschweiler, die während der Nachlassstundung gefunden werden muss. Dass die Nachlassstundung verlängert wird, ist für den Experten aber «reine Formsache, solange das Spital positiv wirtschaftet».
Worum geht es bei diesen Schulden?
Das GZO hat für den Neubau des Spitals 170 Millionen Franken Schulden gemacht. Konkret hat sie eine Obligationenanleihe herausgegeben. Wer dem GZO Geld gegeben hat, also Anteilsscheine besitzt, ist öffentlich nicht bekannt. Es gibt aber neben den Obligationären zahlreiche weitere Gläubiger, die Geld zurückfordern: Private, Banken, Investoren oder auch das für den Neubau zuständige Totalunternehmen, die Steiner AG.
Was passiert nun mit diesen Schulden?
Laut Patrick Hasenböhler, Analyst bei der ZKB, müssten die Gläubiger auf einen Teil ihres Geldes verzichten, damit eine Sanierung gelingen kann. Das nennt man Schuldenschnitt. Allerdings müssen die Gläubiger einem solchen Schuldenschnitt zustimmen. Danach sieht es im Moment allerdings nicht aus. Zumindest ein Teil der Gläubiger ist nicht bereit, auf Geld zu verzichten. Eine Gruppe von vier Gläubigern trat vor einigen Wochen unter dem Namen «GZO Creditor Group» an die Öffentlichkeit. Sie will an einer Gläubigerversammlung der Obligationäre darüber abstimmen lassen, die Laufzeit für die Rückzahlung der Anleihe um drei Jahre zu verschieben. Und die Zinsen im Halbjahrestempo markant anzuheben. Die Versammlung findet Ende Oktober statt.
Hat das Spital andere Möglichkeiten, an Geld zu kommen?
Das Spital Wetzikon gehört einer Aktiengesellschaft, Aktionäre sind zwölf Gemeinden im Zürcher Oberland. Grundsätzlich könnten diese Gemeinden – respektive ihre Steuerzahlenden – mehr Geld in die Aktiengesellschaft einschiessen. Allerdings hält der Wetziker Stadtpräsident, Pascal Bassu (SP), in seiner Rolle als Sprecher eines Ausschusses der Gemeinden fest: «Die 170 Millionen Franken können wir nicht finanzieren.» Würden die Gemeinden Geld einschiessen, also das Aktienkapital erhöhen wollen, bräuchte es Abstimmungen an der Urne und Gemeindeversammlungen – und das dauert. In Uster, wo das Spital ebenfalls mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, verging rund ein Jahr, bis das Volk eine gesamthafte Aktienkapitalerhöhung von gut 33 Millionen Franken genehmigte. Das tat es aber mit hohen Ja-Stimmen-Anteilen von 77,5 bis 87,5 Prozent.
Was passiert mit dem Neubau des Spitals Wetzikon?

Seit Anfang Mai herrscht auf der Baustelle für das neue – zu 70 Prozent fertiggestellte Spital – ein Baustopp. Das zuständige Totalunternehmen befindet sich ebenfalls in einer provisorischen Nachlassstundung. Es hatte zuvor die Verträge mit dem Spital gekündigt.
Könnte eine Spitalgruppe den Neubau kaufen?
Von dem GZO wurde anfangs die Idee eingebracht, bei einem Verkauf wieder selber zu mieten – sale-and-lease-back im Fachjargon genannt. Doch einen Käufer oder eine Käuferin zu finden, könnte schwierig werden. Die Hirslandengruppe erklärte bereits, kein Interesse zu haben. Zu hoch wäre ihr das Risiko, dass das Spital in Zukunft seinen Listenplatz verlieren könnte und als Vertragsspital nicht überlebt. Auch die Kliniken Valens sehen zurzeit keine Übernahme eines zusätzlichen Standorts vor, wie sie auf Anfrage mitteilen.
Eine Umnutzung des Baus könnte ebenfalls schwierig werden, befindet sich doch das Grundstück des Spitals in der Zone für öffentliche Bauten. Gemäss kantonalem Planungs- und Baugesetz (PBG) müssen Eigentümer hier öffentliche Aufgaben erfüllen. Der Bau von Alterswohnungen könnte dies sein. Für die Umnutzung in Wohnraum müsste hingegen eine Umzonung erfolgen, welche wiederum vom Kanton genehmigt werden müsste.
Könnte der Neubau gerettet werden und als Mitgift für eine Kooperation dienen?
Im Interview mit dieser Redaktion sagt Spitaldirektor Hansjörg Herren, momentan werde die Baustelle gesichert, damit zu einem späteren Zeitpunkt vom aktuellen Stand aus weitergearbeitet werden könne. Je nach Lösung käme es zu einer schnelleren oder weniger schnellen Fertigstellung des Baus. Jörg Kündig ergänzt, dass für die bauliche Fertigstellung ausserdem entscheidend sei, ob und welche Partnerschaften im Oberland entstehen würden.

Wie könnte das Spital Wetzikon weiterexistieren?
In Wetzikon signalisiert der Verwaltungsrat schon seit Beginn der Krise, dass man für Partnerschaften und Kooperationen offen ist. Am naheliegendsten wäre das Spital Uster, mit dem das GZO noch vor vier Jahren eine Fusion ablehnte. Damals war Uster in der schwächeren Position. Jetzt, unter umgekehrten Vorzeichen, erteilt Uster dem GZO einen Korb. So sagte die Ustermer Verwaltungsratspräsidentin Sacha Geier: «Eine Fusion mit der GZO AG steht nicht auf der Agenda, da sie für die äusserst herausfordernde finanzielle Situation der GZO AG keine Lösung darstellt.
Eine Zusammenarbeit wäre aber auf anderem Weg möglich. Vital Schreiber, CEO ad interim beim Spital Uster, sagt, dass die Spitäler in der Region sich zu einem Verbund zusammenschliessen müssten. Und meinte damit Uster, Wetzikon, Zollikerberg, Männedorf. Alle Spitäler zeigen sich grundsätzlich offen für eine engere Zusammenarbeit. Die SVP des Bezirks Hinwil schlug kürzlich sogar einen überkantonalen Spitalverbund vor, wie es ihn bereits in den Kantonen Waadt und Wallis gibt. Auch die Gesundheitsdirektion konstatierte, dass Spitalverbunde eine Überlegung wert sein könnten.
Was ist im Moment das wahrscheinlichste Szenario?
Unter diesen Voraussetzungen könnte eine wahrscheinliche Lösung für das GZO Spital Wetzikon so aussehen, dass sie in einer abgespeckten Form, mit einem spezifischen Leistungsangebot, als Teil in einem Verbund weiter Bestand haben könnte – wenn die Besitzergemeinden das Aktienkapital erhöhen und die Gläubiger auf einen Teil ihrer Schulden verzichten.
Was, wenn Gemeinden das Aktienkapital nicht erhöhen wollen und die Gläubiger dem Schuldenschnitt nicht zustimmen?
Dann braucht es eine andere Lösung, um die Schulden zurückzubezahlen. Welche, ist noch ungewiss. Käme es aller Unwahrscheinlichkeit nach doch zu einem Konkurs, müssten viele Gläubiger damit rechnen, einen Grossteil ihres Geldes nicht mehr zurückzubekommen. Stand heute möchte somit niemand die GZO Konkurs gehen lassen.