Wetzikon verliert seinen Gitarrendoktor
Zum Tod von Andy Margharitis
Der Wetziker Gitarrenbauer Andy Margharitis ist im Alter von 60 Jahren verstorben. Eine Geschichte über einen Mann, den das Schicksal plagte – und der seine Träume dennoch realisierte.
Am 31. Juli hat sich Andy Margharitis (60) ein letztes Mal mit seinem Schicksal arrangiert.
Nur Stunden bevor er seinem Krebsleiden erliegt, kann er noch vom Spital in die eigenen vier Wände überführt werden. Erst hier, im Haus, das er noch in den Monaten zuvor selbst renoviert und umgebaut hat, findet er seinen letzten Frieden – und lässt los.
Die traurige Meldung verbreitet sich schnell, die Anteilnahme ist riesig. Denn Andy Margharitis war nicht irgendwer. Der Robenhauser gehörte zu den versiertesten Gitarrenbauern des Landes. Er führte seit 36 Jahren den Ark Guitars & Music Shop, sein eigenes Musikgeschäft in Wetzikon. Und er war – natürlich – auch Musiker, zuletzt als Gitarrist der Band Al Terego & the HiQ’s.
«Jeder kannte meinen Vater. Damals als Teenager war mir das manchmal unangenehm», erinnert sich seine Tochter Jascha.
Die heute 33-Jährige hat sich bereit erklärt, über ihren Vater zu sprechen. Ihr gegenüber sitzt die andere Frau, die das Leben des Verstorbenen geprägt hat: seine langjährige Partnerin Corinne Girod. Gemeinsam erzählen sie die Geschichte hinter dem Etikett.
Der Drang zur Perfektion
Aus ihren Beschreibungen wird schnell klar, dass Andy Margharitis kein extrovertierter Showman war. Er wirkte eher scheu, hatte ein sehr soziales Wesen und konnte sich in Gespräche vertiefen. Seine Äusserungen waren bedacht, manchmal schwang ein Schuss Sarkasmus mit.
In seiner Arbeit als Gitarrenbauer liess er sich derweil von der Perfektion treiben, der er oft auch das vernünftige Aufwand-Ertrag-Verhältnis opferte. Sie brachte ihm den Spitznamen Gitarrendoktor ein.

Es waren menschliche Qualitäten, die gut ankamen – bei seinen Freundinnen und Freunden, den Menschen in Wetzikon, bei seinen Kundinnen und Kunden von nah und fern.
Viele dürften Andy Margharitis auch bewundert haben. Für einen bemerkenswerten Lebensmut, den er trotz vielen harten Schicksalsschlägen nie verlor. Und für die Selbstverständlichkeit, mit der er seine Träume realisierte.
«Nie hat er sich in die Opferrolle eingefügt», sagt Corinne Girod. «Die Losung lautete immer: Wir schaffen das.»
Als das Idyll abbrannte
So weiss Andy Margharitis bereits im Kindesalter, was er dereinst werden will. Weil es den Beruf als Gitarrenbauer aber nicht zur Lehre gibt, jobbt er zuerst am Flughafen und auf Baustellen. Bei einer Schreinerei lernt er den Umgang mit Holz und seinen bis zum Schluss engen Wegbegleiter und besten Freund kennen – den lokalen Musikproduzenten Felix Müller.
Gemeinsam gründen die beiden 1988 Ark Guitars, damals noch an der Usterstrasse 2b im Wetziker Zentrum. Sie beginnen mit einfachen Gitarrenreparaturen in der Werkstatt, bauen kontinuierlich ihre Fertigkeiten und das Musikgeschäft mit dem Handel von Instrumenten aus. In dieser Zeit wird Andy Margharitis auch Vater, 1988 kommt Sohn Ramon zur Welt, 1990 Tochter Jascha.
Auf dem grossen Areal, das zahlreiche kleingewerbliche Betriebe und Ateliers beheimatet, gibt es auch mehrere Wohneinheiten. In einer von diesen leben Margharitis und seine Familie. Es wird gemeinsam gespielt, gefeiert und musiziert. «Ein wunderbarer Ort», sagt Jascha heute.
Dieses Idyll findet Ende 2003 ein jähes Ende. In der Nacht auf den 6. Dezember zerstört ein Grossbrand die Liegenschaften. Die Ursache für das Feuer wird nie geklärt, bis heute steht der Verdacht der Brandstiftung im Raum. Andy Margharitis kann seine Kinder auf dramatische Weise durchs Fenster retten, verliert aber all seinen materiellen Besitz. Seine Werkstatt, seinen Laden – seine Lebensgrundlage.
Ark wird zum Familienbetrieb
Weil Aufgeben keine Option ist, öffnet sich ihm ziemlich unmittelbar eine neue Tür. Genauer gesagt jene an der Bertschikerstrasse 2 auf dem ehemaligen Idewe-Areal. An diesem Standort eröffnet er seinen Laden neu, vorderhand provisorisch, dann fix. Den Innenausbau übernimmt er komplett selbst.
Im Lauf der Jahre erstellt er auf zwei Stöcken eine grosse Werkstatt, einen Musikladen, später auch noch die Ark Music School, in der sich Musiklehrer einmieten können. Sein Sohn Ramon, der bei ihm die Lehre Detailhandel Musik absolviert, wird zum integralen Bestandteil des Betriebs, den die beiden gemeinsam gestalten. Auch Tochter Jascha ist an Bord, sie nimmt sich des Administrativen an.
Weil Andy Margharitis sich einen exzellenten Ruf als Produzent von hochwertigen und exklusiven Gitarren und Bässen macht – zu seinen Kunden zählt er beispielsweise den Gotthard-Gitarristen Leo Leoni –, verkehren hier Leute mit profundem Fachwissen und einer tiefen Leidenschaft für die Musik.
Ramon Margharitis, seines Zeichens selbst Gitarrist und Leader der bekannten Indie-Rock-Band Manolo Panic, initiiert 2014 den Verein Live@ARK. Damit wird Musikerinnen und Musikern eine Plattform geboten, um im Gebäude Konzerte abzuhalten.
So wird der Ort zu einer Begegnungsstätte für die lokale und überregionale Szene. «Andy war wie ein Barkeeper, der auf den Menschen persönlich einging und jedem ein Ohr lieh», sagt Corinne Girod.
Schicksalsschläge pflastern seinen Weg
Doch so wundersam schön sich diese Reise liest, so gross sind die Schlaglöcher, die Andy Margharitis überwinden muss. Zu Beginn der 2000er Jahre erkrankt er an akuter Leukämie. Sie bringt ihn bedrohlich nahe an den Abgrund, doch er vermag sie zu besiegen. Gesundheitliche Probleme werden ihn von da an aber immer wieder begleiten.
Ende der 2010er Jahre gerät seine Welt aus den Fugen: Sohn Ramon erkrankt schwer. Der Vater kümmert sich mit aller Kraft um ihn, bis er im Januar 2021 an den Folgen einer Operation verstirbt. Dass nur drei Wochen später seine Enkelin Aliya May zur Welt kommt, gibt ihm Kraft.
«Obschon er von aussen betrachtet auch diesen Schlag einstecken konnte – den Tod von Ramon hat er innerlich nicht überwunden», sagt seine Partnerin Corinne Girod.
Gleichzeitig stapeln sich die Probleme. In der Welt grassiert die Pandemie, das bringt das Geschäft unter Druck und alle sozial-musikalischen Aktivitäten zum Erliegen.
Ein weiteres Generationenprojekt
Im Sommer 2023 ereilen ihn kurz nacheinander zwei weitere Hiobsbotschaften. Zuerst erfährt er, dass er wegen eines Neubaus seine Wohnung in Robenhausen verlassen muss. Dann teilen ihm die Ärzte mit, dass sie bei ihm Leberkrebs entdeckt haben.
Seinem Naturell entsprechend stemmt er sich dem Schicksal entgegen – schliesslich hat er den Krebs ja schon einmal besiegt. Bei einer Operation im Juli kann der Tumor erfolgreich entfernt werden. Und kurz darauf findet er ein grosses, altes Haus in unmittelbarer Nähe seines Geschäfts.

«Er war immer gut dem Leben gegenüber. Darum hat ihm das Leben auch immer mal wieder etwas zurückgegeben», sagt Corinne Girod.
Den gesundheitlichen Strapazen zum Trotz beginnt er sogleich mit dem Umbau – eigenhändig selbstverständlich. Wieder ein Generationenprojekt: für ihn, seine Freundin, seine Tochter und seine Enkelin.
Andy Margharitis bringt die Arbeiten gut voran, rackert mit vollem Elan. Im Eifer fällt er dabei die Treppe hinunter. Ein kleiner Unfall, bei dem er sich eine Rippe bricht. Den Schmerzen misst er keine weitere Bedeutung bei.
Mit seinem Tod verschwindet das Geschäft
Als die Beschwerden im Bauchraum auch nach mehreren Wochen nicht verschwinden wollen, lässt er sich im Mai noch einmal bei einer Spezialistin untersuchen – und erfährt, dass der Krebs sich ausgebreitet hat.
Was ihm bleibt, ist eine Immunisierungstherapie zur Verlangsamung der Krankheit, die er sofort in Angriff nimmt. Doch diesen letzten Kampf wird er nicht mehr gewinnen.
«Mit nur 60 Jahren», sagt seine Partnerin mit gebrochener Stimme. «Wir hatten noch so viele Träume. Auf dem Land seines Vaters in Griechenland wollte er später noch ein Tiny House bauen, für unsere Pension.»
Zurück bleiben die Träume, die er realisiert hat. Den Ark Guitars & Music Shop, den seine Tochter per Ende August schliessen muss. Und das Haus, an dem er fast bis zum Schluss gearbeitet hat.
Jascha Margharitis sagt, dass sie in der Wohnung bleiben wird, die der Vater für sie und die Enkelin gebaut hat. Corinne Girod dagegen will ohne ihren Mann nicht einziehen – es ist für sie zu schmerzhaft.
