Rollende Lebensmittelretter von Foodchat halten neu in Wila
Novum in der Region
Lebensmittel, die die Kriterien von Migros und Co. nicht erfüllen, gehen zurück an den Absender. Dort landen sie meist im Müll. Foodchat kämpft mit einem Gruppenchat und Freiwilligenarbeit dagegen an – jetzt auch im Tösstal.
Fünf Minuten vor Beginn des Verkaufsfensters rollt er an, der weisse Lieferwagen der Lebensmittelretter von Foodchat. Er wird bereits sehnsüchtig erwartet. Auf dem Werkhof Huebwis in Wila haben sich an diesem Mittwochmorgen gut 25 Personen in Stellung gebracht, um Gemüse und Früchte vor der Tonne zu retten.
Das Konzept ist simpel: Lebensmittel, die von den Detailhändlern abgelehnt werden – zum Beispiel, weil sie unförmig oder zu gross sind –, können direkt vom Laster aus erstanden werden, anstatt dass sie zurück zum Grosshändler und dort vermutlich in den Abfall wandern.
Seit einer Woche gibt es das Angebot auch in Wila. Es ist bereits der 21. Standort und der erste in der Region, den die Lebensmittelretter aus der Ostschweiz anfahren. «Mittlerweile sind wir von Montag bis Freitag unterwegs und halten pro Tag an drei oder vier Standorten», erklärt Leiterin Nicole Stadler.
Entsprechend eingespielt geht die Aktion über die Bühne – kaum ist der Motor des Wagens verstummt, reichen die freiwilligen Helfer – darunter die Ukrainerin Katya Myndra – bereits erste Früchte und Gemüse über den improvisierten Ladentisch.
Zustand bestimmt den Preis
Was es zu kaufen gibt, kündigen die Verantwortlichen jeweils am Vortag in einer Whatsapp-Gruppe, eben dem Foodchat, an. Heute zu haben: unter anderem Brokkoli, Fenchel, Zucchini und Rucola. «Das Angebot schwankt stark», sagt Stadler. «Meist erfahren wir von den Grosshändlern sehr kurzfristig, was wir erhalten.»
Die Preisliste passt sie jeden Abend aufs Neue an. Eine Rolle spielt dabei auch, wie gut der Zustand der Produkte ist. Denn nicht alle Artikel haben offensichtliche Schönheitsfehler. Manche Früchte haben etwa nicht die richtige Grösse oder den falschen Reifegrad und passen deshalb nicht ins Sortiment der Grossverteiler.
Je weniger offensichtlich die Mängel sind, desto höher ist der Preis. «So können wir etwas mehr Geld an die Grosshändler und Lieferanten weitergeben.» Preislich verortet sich der Foodchat irgendwo zwischen Lidl und Migros. Stadler betont aber, dass es dabei nicht ums grosse Geld, sondern ums Vermeiden von Food-Waste geht.
Die Lebensmittelrettung hat sie letztes Jahr von Initiant Ivo Streiff übernommen. Entstanden war die Idee aus einer Not heraus: Stadlers Schwager war auf zwei Tonnen Trauben sitzen geblieben, weil der Detailhandel sie nicht verkaufen konnte und deshalb auch nicht bezahlte.
Ukraine-Chat als Ausgangspunkt
Ins Tösstal kam die Aktion, hinter der die Firma Lebensmittelrettung.ch GmbH aus dem thurgauischen Dozwil steckt, auf die Initiative von Philemon Roth und seiner Schwägerin hin.
Die beiden hatten nach dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs einen Gruppenchat ins Leben gerufen, um die Hilfsaktionen in Wila zu koordinieren. So begannen sie etwa, nicht verkauftes Brot aus einer Bäckerei an Geflüchtete zu verteilen – bald kamen Gemüse und Früchte von Foodchat dazu.
«Anfangs holten wir diese in Elsau und Matzingen ab, bis uns irgendwann die Idee kam, dass wir auch gleich das ganze Angebot nach Wila holen könnten», erinnert sich Philemon Roth.

Dabei hatte Stadler eigentlich gar nicht geplant, noch grösser zu werden. «Weil mir die beiden aber auch gleich einen Standort vermittelten, verlief alles reibungslos.» Eine weitere Expansion plant sie aber vorerst nicht.
Die Verkaufsaktion hat im Dorf einen regelrechten Senkrechtstart hingelegt. Bereits über 200 Mitglieder zählt der Foodchat für den Standort Wila, und praktisch jeden Tag werden es mehr. Eine kurze Umfrage zeigt: Die Mund-zu-Mund-Werbung fruchtet.
Zu den Kundinnen und Kunden zählt Simone Meier aus dem Weiler Manzenhub. Sie hat über eine Freundin vom Angebot erfahren. «Ich dachte mir, wenn ich sowieso schon im Tal bin, kann ich auch gleich hier vorbeischauen.» Erst habe sie sich sogar etwas geniert, bei einem günstigen Angebot direkt zuzuschlagen.
«Aber meine Freundin hat mir die Zweifel ausgeredet. Schliesslich mache ich alles ein und kann so auch grosse Mengen verwerten», sagt Meier. Und tatsächlich: Mit vier Kilo Zwetschgen und zwei Kilo Nektarinen macht sie sich auf den Heimweg.
Lehrstunde für den Nachwuchs
Manche Kunden nutzen den etwas anderen Einkauf dagegen für eine Lebenslektion an den Nachwuchs. Zum Beispiel Barbara Schmuki aus Zell, die lange auf dem Gemüsemarkt in Zollikon gearbeitet hat. «Ich möchte meinen Kindern mitgeben, dass auch weniger Perfektes noch gut essbar ist», erzählt sie.
«Es ist mir wichtig, das weiterzugeben, gerade wenn ich daran denke, wie arm meine Mutter aufwachsen musste und wie verschwenderisch unsere Gesellschaft heute ist.»
Und während in der allmählich kürzer werdenden Schlange gewartet wird, scheinen bei den Kindern gleich Freundschaften geschlossen zu werden. «Du, wie heissisch du eigentlich?», hört man aus dem Gewusel des Werkhof-Vorplatzes. Für die Crew von Foodchat heisst es derweil zusammenpacken und weiterfahren. Nächster Halt: Winterthur-Wülflingen.
Foodchat hält jeden Mittwoch von 10.30 bis 11.30 Uhr in Wila. Bis Mitte September aufgrund einer Baustelle beim Werkhof Huebwis, danach auf dem Parkplatz an der Tablatstrasse 3. Weitere Infos gibt es hier.