Neuer Pfarrer in Effretikon: «Die Kirche muss mit der Zeit gehen»
Nachfolger in der katholischen Kirche
Felix Hunger heisst er und tritt in die grossen Fussstapfen seiner Vorgängerin Monika Schmid. Das ist aber kein Problem für ihn. Denn auch er sieht die Dinge irgendwie anders.
Felix Hunger ist seit dem 1. August Pfarrer in der Katholischen Pfarrei St. Martin. Er ist in Winterthur aufgewachsen und hat Theologie und Soziologie in Luzern und Rom studiert. Zuvor arbeitete er als Drogist und im Marketing als Product Manager.
Herr Hunger, Sie scheinen noch sehr jung, um Pfarrer zu sein.
Felix Hunger: Das höre ich oft, aber eigentlich bin ich 45. In anderen Berufsfeldern wäre ich schon zu alt.
Fussballer werden Sie wohl nicht mehr.
(Lacht.) Zum Beispiel. Die Menschen verbinden einen Pfarrer aber immer mit einem sehr alten Mann. Darum steche ich bestimmt etwas heraus.
Wieso wollten Sie Pfarrer werden?
Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht. Seit ich mich erinnern kann, bin ich in der Kirche als Freiwilliger engagiert gewesen. Egal, ob als Jugendlicher oder Erwachsener. Ich habe mich stets wohlgefühlt und interessante Menschen kennengelernt. Die Entscheidung habe ich über viele Jahre getroffen.
Als Nachfolger von Monika Schmid treten Sie in grosse Fussstapfen. Sind Sie auch so kritisch wie Frau Schmid?
Definitiv. Ich bin nicht Pfarrer geworden, weil ich stromlinienförmig bin, sondern, weil ich etwas bewegen will. Mir liegt viel an der Tradition der Kirche, haben wir doch eine 2000-jährige Tradition. Diese hat sich aber laufend weiterentwickelt, weil sich eben auch die Umstände immer wieder geändert haben. Das passiert leider nicht immer so schnell, wie viele Menschen – darunter auch ich – sich wünschen würden. Aber vielleicht hat die Kirche auch darum so lange überlebt. Neben den starren hierarchischen Strukturen bietet die Katholische Kirche auch viel Gestaltungsfreiraum, den man nutzen muss.
Effretikon ist also ein Match für Sie?
Auf jeden Fall. Von Monika Schmid wie auch von ihrem Vorgänger Jakob Rohner wurde gute Vorarbeit geleistet. Jetzt geht es darum, diese zu bewahren, aber auch weiterzuentwickeln.
Ich nehme an, Sie wollen neue Mitglieder gewinnen?
Jede Organisation würde wahrscheinlich sagen, wir brauchen mehr Mitglieder. Da würde man aber etwas gegen den Strom schwimmen, weil Kirchenaustritte wegen kritischer Haltungen, des gesellschaftlichen Umbruchs oder durch Todesfälle Realität sind. Es wäre ein Kampf gegen Windmühlen, wenn man sich vornehmen würde, eine Wachstumsstrategie auszuarbeiten. Mir ist durchaus bewusst, dass wir weniger werden. Dieser Trend ist aber kaum aufzuhalten.
Was ist wichtiger als mehr Menschen in der Kirche?
Ich will die Menschen nicht dazu drängen, jeden Sonntag in den Gottesdienst zu gehen. Vielmehr ist es wichtig, dass bei ihnen selbst das Bedürfnis geweckt wird, wieder zu kommen. Religion soll nicht einfach satt machen, sondern hungrig. Das soll auch für junge Menschen gelten. Man muss sie irgendwie einbinden können, das heisst, dass eine Kirchgemeinde mit der Bevölkerung mitwachsen muss. In meinem Alltag stelle ich oft fest, dass die Fragen und Nöte der Menschen oft andere sind als bei älteren Generationen oder noch stärker beim kirchlichen Lehramt. Hier gilt es anzusetzen.
Die Missbrauchsfälle der letzten Jahre haben viele Abgänge generiert. Doch es gibt zwei verschiedene Aspekte: Der eine ist die Konfession auf der Steuererklärung, der andere ist der Glaube. Was würden Sie einer Person sagen, die zwar noch gläubig ist, aber wegen der Skandale ausgetreten ist?
Ich würde zu verstehen geben, dass ich das nachvollziehen kann. Ich finde es abscheulich, was passiert ist. Solche Grausamkeiten torpedieren natürlich den christlichen Glauben und nehmen ihm die Glaubwürdigkeit.
Kann man das Vertrauen der Gläubigen überhaupt wiedergewinnen?
Wenn man aktiv etwas dafür tut, ja. Die Kirche soll ein Ort sein, wo junge, alte, arme, reiche, hoffnungsvolle und trauernde Menschen zusammenkommen, die sich gemeinsam auf die Suche nach dem Sinn im Leben machen und sich für ein Leben in Fülle von allen Menschen einsetzen. Sie funktioniert dann als stabilisierende Institution für die Gesellschaft weit über die Kirchenmauern hinaus.
Wieso braucht es die Kirche?
Weil sie eine Stimme ist, die sich über gesellschaftliche Tendenzen äussern kann. Zum Beispiel zur Ökonomisierung des Menschen. Wenn nur noch die wirtschaftliche Leistung des Menschen zählt, bietet die Kirche eine Heimat für viele, die sich nicht in die durchstrukturierte Gesellschaftsform zwängen lassen. Gerade wenn man an ältere Menschen denkt oder an solche, die keine durchschnittliche Leistungsfähigkeit oder ein Burn-out haben. Natürlich nimmt sie auch andere Aufgaben wahr, wie die Betreuung für Menschen in jeglicher Krise oder Not. Ohne die Kirche würde also ganz bestimmt etwas fehlen.
Wo bleibt aber da der Glaube?
Die christliche Botschaft hat etwas zu bieten. Sie besagt nämlich, dass du so, wie du bist, gut bist. Mit all deinen Ecken und Kanten. Der Mensch hat die Ebenbildlichkeit Gottes. Gott hat sich also etwas überlegt, als er uns erschaffen hat.
Das klingt fast zu romantisch, gerade wenn man die Kirche und die Verurteilung von Homosexualität anschaut.
Oftmals wird ja so argumentiert, es sei biblisch begründet, dass Homosexualität schlecht sei. Das würde ich als Theologe so nicht sagen, denn es kommt immer darauf an, dass und wie man die Bibel auslegt, mit einer offenen Theologie oder einer konservativen. Die Auslegung eines biblischen Texts, als Fachbegriff Exegese, fragt nicht einfach, was in der Bibel steht, das wäre zu einfach. Vielmehr fragt sie danach, was damit gemeint ist. Dabei werden also die jeweilige Zeit, der Kontext und die Übersetzung berücksichtigt, und in der Folge kommt es zu unterschiedlichen Auslegungen und Schlüssen. Das darf so sein.
Wie wären solche Stellen in einer offenen Theologie zu verstehen?
Sie beziehen sich meines Erachtens nicht auf die Homosexualität, die wir heute kennen: Zwei Menschen begegnen sich auf Augenhöhe und lieben einander. Die Stellen in der Bibel, die etwas über Homosexualität aussagen, beziehen sich auf ein Machtverhältnis, wo jemand nicht in seiner Würde oder eben auf Augenhöhe dem anderen begegnet.
Das klingt nach einer sehr offenen Haltung gegenüber der alten Schrift.
Mit Bibelzitaten um sich zu werfen, ist zu einfach, und es wird der Bibel, die wir als «Heilige Schrift» bezeichnen, nicht gerecht – hat aber folgenschwere Auswirkungen für Menschen. Ich bin überzeugt, dass die Position der Katholischen Kirche zu Menschenrechten, Gleichstellung, Umgang mit Sexualität, Klimawandel und dem Einstehen dafür für die Kirche eine existenzielle Frage ist. Zumindest in unseren Breitengraden. Gerade junge Menschen sagen mir beispielsweise, dass sie mit einer Institution, die sich gegen Gleichberechtigung in den eigenen Reihen wehrt, nichts anfangen können.
Sie sprechen davon, dass Frauen nicht Pfarrerinnen sein dürfen, oder?
Ja. Oder beispielsweise, dass Pfarrer nicht heiraten dürfen. Ich verstehe, dass junge Menschen einer solchen Institution kritisch gegenüberstehen, auch wenn sie spirituell offen wären.
Das klingt ja wie ein Ultimatum.
Ist es auch. Es heisst natürlich auch oft, dass die Menschen nichts mehr mit der Kirche zu tun haben wollten, weil es ihnen zu gut gehe und sie die Religion nicht mehr bräuchten. Aber Menschen sind spirituell selten gesättigt. Vielmehr stören sie sich an deren Art und Weise wie auch an der Kommunikation. Die Kirche muss mit der Zeit der Menschen gehen. Dabei muss sie nicht alles neu erfinden, sondern kann auf eine lebendige Tradition christlicher Spiritualität, die über Jahrhunderte gewachsen ist, zurückgreifen. Sie muss jedoch immer wieder «ins Hier und Heute» übersetzt werden.
Sie ecken wohl oft an mit Ihren Meinungen.
Mal so, mal so. Es gibt solche, die sagen: «Ja, das ist halt Felix. Wir haben ihn trotzdem gerne.» Denn es gibt Leute, die traditionellere Werte unterstützen. Aber in unserer Pfarrei sind wir tolerant, auch wenn die meisten Menschen denken wie ich. Sonst wäre ich nicht hier.