So soll die Natur in Effretikon ins Quartier zurückfinden
Biodiversität im Tann-Quartier
Um die Artenvielfalt zu fördern, will Marc Weiss Gärten im Siedlungsgebiet besser vernetzen. Auf einem Rundgang zeigt der Leiter Naturschutz, wo es noch hapert.
«Da oben nisten Mehlschwalben.» Marc Weiss deutet zum Giebel des vierstöckigen Hauses an der Bahnhofstrasse 27 in Effretikon. Im Coiffeursalon im Parterre wird fleissig frisiert, hinter dem Kebab-Egge schräg gegenüber rauscht gerade ein Schnellzug gen Winterthur durch. «Die Natur findet überall ein Plätzchen, so man sie lässt», sagt er.
Als Leiter Naturschutz setzt sich Weiss für mehr Biodiversität und damit für einheimische Tiere und Pflanzen in Illnau-Effretikon ein. Sein Ziel: eine ökologische Vernetzung innerhalb der Siedlungsgebiete.

Was das heisst und wo es hapert, will er auf einem Rundgang durchs verkehrsberuhigte Tann-Quartier in Effretikon zeigen. Dieses erstreckt sich östlich der Bahnhofstrasse. Gepflegte Giebeldachhäuser aus den 1920er und 1930er Jahren wechseln sich mit modernen Flachdachbauten ab.
Ökologisches Bijou direkt neben der Strasse
Doch zurück zur Bahnhofstrasse. Neben dem Eingang zum Coiffeurgeschäft haben die Besitzer alte Betonplatten aufgestapelt als Rückzugsort für Kleinlebewesen. Zwischen der Hauswand und dem Trottoir geklemmt findet sich eine Ruderalfläche – offener und steiniger Boden, besetzt von heimischen Wildpflanzen.
«Karde, Färberkamille, Königskerze», zählt Marc Weiss auf. «Und das da mit den violetten Blüten ist Blutweiderich.» Das Beet sei trotz der exponierten Lage ökologisch wie optisch ein Bijou. «Es sieht ordentlich aus, was vielen Menschen wichtig ist, ist gleichzeitig aber wertvoll für die Tiere.» Unter einer Treppe ist Holz gestapelt. «Da kann sich der Igel gleich ein Nest suchen.»

Ein paar Schritte weiter, neben der städtischen Musikschule, blüht eine Blumenwiese. Hier gibt das leuchtende Blau der Wegwarte den Farbton an. «Ihre Wurzeln dienten in Kriegszeiten als Kafi-Ersatz», weiss der Umweltwissenschaftler.
«Solange es blüht, finden die Leute es toll.» Sei dann aber alles braun und platt gedrückt, müssten sich die Werkhofmitarbeiter oftmals erklären, warum man die Wiese nicht endlich mähe. Und warum nicht? «Die Pflanzen müssen sich erst versamen, und in den dürren Stängeln haben verschiedene Arten ihre Eier abgelegt.»
Auf dem benachbarten Grundstück steigt das Gelände leicht an. Der Hang ist flächendeckend mit Walderdbeeren, Fünffingerkraut, Storchschnabel und Efeu bewachsen – alles heimische Bodendecker. «Auch wenn man das auf den ersten Blick nicht sieht, unter dem Grün tobt das Leben», sagt Weiss. «Mäuse und andere Tiere nutzen das Bord sozusagen als Autobahn.»

Bis vor ein paar Jahren seien für solche Böschungen oftmals exotische Cotoneaster-Arten verwendet worden – auch von der Stadt. Diese hätten aber nicht nur keinen ökologischen Wert. «Cotoneaster wird durch Vögel in die freie Natur verschleppt, indem sie die Beeren fressen.» Besonders gut sichtbar sei das im benachbarten Schlimperg-Wald. «Dort verdrängt er die heimische Vegetation.»
Marc Weiss bleibt vor einer Garage stehen. Diese ist mit einer Gewöhnlichen Jungfernrebe bewachsen – «eine Problempflanze», wie er sagt. Die nordamerikanische Kletterpflanze verwildere leicht. «Ich kenne Fälle, wo die Schlingpflanzen ganze Bäume runtergerissen haben.»

Viele der Grundstücke im Tann-Quartier sind mit einem Mäuerchen und einem Metall- oder Lattenzaun eingefasst, wie der Augenschein zeigt. Beides sei ein Hindernis für Igel, sagt Weiss. «Diese haben so kaum eine Chance, von der Strasse in die Gärten reinzukommen.»
Nur schon ein Lättli etwas einkürzen könne hilfreich sein. «Ich sage den Leuten immer: Nehmt die Sicht eines Igels oder Laufkäfers ein, dann erkennt Ihr das Problem sofort.»

«Sind sie nicht hübsch?» Neben einem älteren Haus leuchten die weinroten Fruchtstände eines grossen Laubbaums. «Ein Essigbaum», weiss Marc Weiss. «Und nicht nur einer, da hinten auf dem Grundstück steht ein zweiter und dort in der Hecke ein dritter und vierter.»
Ursprünglich im östlichen Nordamerika beheimatet, sei der Essigbaum in den 1960er und 1970er Jahren ein beliebtes Ziergehölz gewesen. Inzwischen verbreite er sich nicht nur oftmals unkontrolliert, er sei sogar baurechtlich relevant. «Der Boden gilt als belastet und muss bei einem Neubau je nachdem sogar ausgebaggert und abgeführt werden.»

«Viele invasive Pflanzen, die uns heute zu schaffen machen, stehen schon seit Jahrzehnten in den Gärten, sind vielleicht von den Eltern oder sogar den Grosseltern gepflanzt worden», sagt Weiss und deutet auf eine Schneebeere, die über den Zaun lugt.
«Ihre weissen Beeri knallen, wenn man sie zerdrückt – eine klassische Kindheitserinnerung.» Oder die Kanadische Goldrute, einst in jedem Bauerngarten zu Hause. «Schauen Sie beim Zugfahren mal die Bahnborte an – alles voll.»
Bei Neubau-, Umbau- und Sanierungsprojekten ab sechs Wohneinheiten sind in Illnau-Effretikon seit dem 1. Juli 2022 mindestens 20 Prozent der Umgebungsfläche als ökologische Ausgleichsfläche zu gestalten. Zwei Drittel der Gehölze haben einheimisch zu sein. Von Infoflora – einer auf Pflanzen spezialisierten gemeinnützigen Stiftung – als invasive, gebietsfremde Pflanzen gelistete Arten sind verboten.
Kirschlorbeer und Sommerflieder omnipräsent
Dazu gehören ab dem 1. September auf Weisung des Bundesrats auch Kirschlorbeer, Sommerflieder und Tessinerpalme. «Endlich», sagt Weiss. «Leider gilt das Verbot aber nur für Neupflanzungen.»
Gerade der Kirschlorbeer ist im Tann-Quartier überall auszumachen. «Als Immergrün dient er als pflegeleichter Sichtschutz.» Momentan werde überall als Ersatz Portugiesischer Kirschlorbeer gepflanzt. Er zuckt mit der Schulter. «Es ist zwar ein wenig Kristallkugellesen, aber ich befürchte, dass dieser schon bald ebenfalls zum Problem werden könnte.»

Omnipräsent ist auch der Sommerflieder. Ein Exemplar hat sich sogar in einer Ritze zwischen Trottoir und Tannstrasse angesiedelt. Obwohl er auch Schmetterlingsflieder genannt werde, sei er für diese Insekten schädlich, sagt Weiss. Er spendet zwar Nektar, die Pollen und Blätter enthalten jedoch Giftstoffe.
«Legen die Schmetterlinge dort ihre Eier ab, verhungern die geschlüpften Raupen.» Bienen wiederum brächten den giftigen Pollen ins Bienenhaus und damit in den Honig.

Marschhalt vor einem neuen Mehrfamilienhaus. Zwischen Steinen und Kies spriessen Thymian, Wilde Möhren, Kamille, Malven und diverse Distelarten. «Das sind ökologische Ausgleichsflächen», sagt Marc Weiss. Er hat das Bauprojekt vonseiten der Stadt begleitet.
Steingärten sind keine Schottergärten
«Hier wurde kürzlich eine Blauflügelige Sandschrecke entdeckt», sagt er fast schon ein bisschen stolz. Eine Heugümperart, die auf der Roten Liste als «verletzlich» eingestuft ist. «Solche Sichtungen zeigen, dass selbst kleine ökologisch aufgewertete Flächen etwas bringen.»

Naturnahe Steingärten oder auch Ruderalflächen sind im Gegensatz zu Schottergärten ökologisch wertvoll. Bei Letzteren wird der Boden durch eine Folie oder ein Vlies versiegelt, um so das Wachstum von Unkraut zu verhindern.
In der Regel spriesse dieses trotzdem, weil sich zwischen den Steinen Laub und anderes pflanzliches Material ansammelten, sagt Weiss. «Kann man machen. Wenn ich aber jemanden erwische, wie er statt zum Häckerli zu Gift greift, wird diese Person angezeigt.» Im Grossen und Ganzen habe sich das Bewusstsein jedoch stark verbessert.
Oftmals sei es auch nicht Böswilligkeit, sondern Unwissen darüber, was gewisse Entscheide für die Biodiversität bedeuteten. So sei er kürzlich von einem Gartenbesitzer gefragt worden, was das für komische Nädeli auf dem Rasen seien. «Die Familie hatte einen Rasenroboter in Betrieb – es waren die Stacheln der überfahrenen Igelbabys.»

