SBB-Schalter-Schliessungen stossen auf gemischte Reaktionen
«Sauerei» oder Zeitgeist?
Die SBB schliessen an vier Standorten die Schalter: Pfäffikon, Bauma, Wald und Bubikon müssen auf diesen Service public verzichten. Der Bubiker Gemeinderat ist enttäuscht, Bauma nimmt es hin.
Kurz nach 11 Uhr an einem Vormittag in Bauma: Der Schalter beim Bahnhof wird gut besucht. Ein 60-Jähriger will fragen, ob ein 9-Uhr-Pass günstiger sei als ein normales Billett, wenn er nach Winterthur fahre und anschliessend noch den Bus in den Rosengarten nehme. «In Zukunft kann man solche Fragen nicht mehr direkt stellen», sagt er etwas bedauernd.
Vier SBB-Schalter im Zürcher Oberland werden per 1. Januar 2025 geschlossen. Das betrifft die Standorte Bauma, Pfäffikon, Wald und Bubikon.
Für die Bahnfahrer bedeuten diese nun wegfallenden Schalter, dass sie ihre Tickets am Automaten lösen müssen – oder online per App. Dieser Entscheid der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) stösst bei drei der vier betroffenen Gemeinden auf Ablehnung.
Bauma sieht kein grosses Problem
Die Gemeinden reagieren auf die Schliessungen sehr unterschiedlich. In Bauma steht man der angekündigten Schalterschliessung gelassen gegenüber. Wie Gemeindepräsident Andreas Sudler (parteilos) erklärt, haben die SBB die Gemeinden vorgängig über das Vorhaben informiert.
Er kann bestätigen, dass sich die Bedeutung des bedienten Schalters im Lauf der Jahre stark verändert hat. Das zeigen nicht nur die stark beschränkten Öffnungszeiten. Wer in Bauma ins Reisezentrum will, muss das wochentags zwischen 8.30 und 12 Uhr tun.
Auch die Bedürfnisse der Leute haben sich gewandelt. «Früher löste man am Schalter noch die Billette, heute ist alles digital», sagt Sudler. Und ein paar wenige würden noch den Automaten nutzen. Dort sieht er – auch heute noch – die Gefahr, dass nicht alle ihn bedienen können.
Um dem entgegenzuwirken, haben die SBB laut Sudler den Gemeinden versprochen, dass sie vor Ort entsprechende Schulungen durchführen werden – falls dieses Bedürfnis besteht. «Auf das werden wir sehr gerne zurückkommen», betont der Gemeindepräsident.
Er geht nicht davon aus, dass die Schliessung eine grosse Veränderung für Bauma bedeutet. Die SBB hätten ihnen im Gespräch bestätigt, dass nur noch wenige Besucher an die Schalter kämen. Deswegen rechnet Sudler mit keinem grossen Aufruhr. Ganz nach dem Motto: Wer den Schalter nicht braucht, wird nicht jammern, dass er schliesst.
«Es ist eine kleine Bevölkerungsgruppe, die ihn noch nutzt. Und für sie tut es mir leid, dass das Angebot verschwindet», meint er. «Aber das ist einfach der Lauf der Zeit.» Konkret denkt er dabei an die ältere Generation ab 70 aufwärts. Doch auch diese sei offen für Neues und sollte nicht unterschätzt werden. «Es gibt schon viele, die digital unterwegs sind.»
Im Tösstal keine Schalter mehr
Im Gegensatz zu Sudler ist der Präsident der IG Tösstallinie, Paul Stopper, von den Schalterschliessungen nicht begeistert. Die Interessengemeinschaft Tösstallinie setzt sich für das Bahnnetz im Tösstal, wie die Linie S26 zwischen Winterthur und Rüti, ein. Die SBB müssten umdenken und auch im Tösstal zwei Reisezentren betreiben, findet Stopper.
Denn entlang der Tösstallinie betrifft die Schliessung die zwei letzten bedienten Schalter: Wald und Bauma. Damit wird es im Tösstal kein solches Angebot mehr geben.
«Eine Bahn ohne bedienendes Stationspersonal ist eine unattraktive, seelenlose Bahn», schreibt Stopper in einer Medienmitteilung. Den Entscheid der SBB kritisiert er deutlich und spricht von einer «Entmenschlichung». Ohne Bahnschalter gebe es weniger direkten Kontakt und Service. Seiner Meinung nach müsse eine gewisse Anzahl an Bahnhöfen mit Bedienung gewährleistet sein.
Pfäffikon und Wald nicht erfreut
Die Gemeinden Pfäffikon und Wald äussern sich in eine ähnliche Richtung wie die IG Tösstallinie. Sie seien von den Schalterschliessungen nicht begeistert, bestätigen Marco Hirzel (parteilos), Gemeindepräsident von Pfäffikon, und Ernst Kocher (SVP), Gemeindepräsident von Wald.
«Vor allem jener Teil der Bevölkerung, der sich mit der Digitalisierung oder modernen technischen Geräten schwertut, wird die Leistung vermissen», sagt Hirzel. Kocher teilt die gleiche Meinung wie Hirzel und ergänzt: «Ich finde es schade, dass der physische Kontakt vor Ort abnimmt und verschwindet.»
Die SBB hätten ihnen jedoch versichert, dass der Service am Telefon und direkt am Billettautomaten mit der direkten Nummer und rund um die Uhr weiter verbessert und ausgebaut werde.
Nicht nur auf den Gewinn schielen
Auch Bubikon lehnt die Schliessung ab und schreibt in einer Mitteilung: «Der Gemeinderat ist enttäuscht über diesen Entscheid der SBB und des Zürcher Verkehrsverbunds (ZVV).» Er bedauere den weiteren Abbau des Service public. Schon vor zwei Jahren musste sich Bubikon von der Postfiliale verabschieden.
Für das Gebäude, in dem bis jetzt der Bahnschalter untergebracht ist, wünscht sich die Gemeinde Bubikon nun, dass durch eine künftige Nutzung nicht einfach ein möglichst hoher Ertrag generiert werden soll. Man wolle, dass das neue Angebot für alle nützlich sei, betont die Gemeinde.
Zum Beispiel ein Bistro oder Ähnliches stellten sie sich vor, erklärt Urs Tanner. «Wir wollen, dass der Bahnhof möglichst belebt bleibt», so der Gemeindeschreiber von Bubikon. Das Gebäude gehöre zwar den SBB, aber der Gemeinderat habe diesen Wunsch so geäussert.
Geteilte Meinungen
Zurück an den Schalter in Bauma. Verena Metlicka löst für ihre drei Enkel gerade einen Juniorenpass. Die wache 78-Jährige sagt: «Ich hätte das auch online erledigen können, aber die spezielle Aktion endete am 18. Juli.» Sie wolle erst einmal abwarten und sich zuerst schlaumachen, was sie mit dem Pass alles unternehmen könne.
«Früher konnte ich hier am Schalter sogar noch Koffer aufgeben, aber das geht schon länger nicht mehr.» Wie die Baumerin ihre Spezialtickets in Zukunft abholen wird? «Dann muss ich halt zum nächstgrösseren Bahnhof fahren», sagt sie etwas wehmütig.
Auch am Pfäffiker Bahnhof klingt es ähnlich. Rudolf Ottenburg schimpft: «Ich finde das eine Sauerei.» Pfäffikon habe fast 13’000 Einwohner. «Warum reicht es nicht mehr für einen Bahnschalter?» Der 67-Jährige löst jeweils eine Mehrfahrtenkarte zum Abstempeln am Automaten. «Was, wenn der Automat einmal nicht funktioniert?»

Neben Ottenburg steht Marianne Meier. Auch sie wartet auf den Zug, der kurz nach 12 Uhr in Richtung Zürich abfährt. Die 78-Jährige zeigt auf ihre frisch lackierten rosa Fingernägel. «Deswegen fahre ich oft nach Pfäffikon», sagt sie. Meier ist froh, wohnt sie in Oerlikon. «Oerlikon ist als siebtgrösster Bahnhof nicht einer, der den Schalter schliessen wird», hofft sie.
Meier besitzt seit 2019 ein Smartphone. Aber die SBB-App kann sie nicht bedienen. Dass man ab Januar 2025 mancherorts nur noch am Automaten Tickets beziehen kann, findet sie an sich nicht so schlimm. «Mir geht es um Hilfe, wenn ich kompliziertere Strecken buchen möchte.»
Service ist nicht gratis
Als positives Beispiel für einen kleineren Bahnhof, der durch Personal bedient wird, verweist die IG Tösstallinie in der Medienmitteilung auf die Forchbahn. «Diese Vorortsbahn hat auf der Forch ein Reisezentrum aufgebaut, das sehr erfolgreich ist.»
Wer die Website besucht, dem wird allerdings klar: Guter Service kostet auch hier. Seit diesem Februar berappt man dort für die Beratung 10 Franken pro angebrochene 15 Minuten.
Auch in den Bussen bald keine Tickets mehr
Ab dem anstehenden Fahrplanwechsel im Dezember werden laut den Verkehrsbetrieben Zürichsee und Oberland (VZO) auch in den Bussen keine Fahrkarten mehr verkauft. Im Notfall ist es aber möglich, ein Billett bis zum nächsten Bahnhof zu lösen. Dies allerdings nur noch mit Kreditkarte. Bargeld wird nicht mehr angenommen. (sal)