Fast die halbe Welt stürmt auf die Kyburg
Beliebtes Ausflugsziel in der Region
Sommerzeit ist Ferienzeit. Das zeigen auch die vielen Touristinnen und Ausflügler, die momentan im Oberland anzutreffen sind – beispielsweise auf Schloss Kyburg.
Die Luft ist noch frisch nach dem nächtlichen Regen, das Handy zeigt knapp 20 Grad: ideales Wetter für einen Museumsbesuch im Schloss Kyburg, könnte man meinen. Der öffentliche Parkplatz beim Dorfeingang ist mit rund 30 Autos auf jeden Fall schon einmal gut besetzt.
Und tatsächlich: Im Burghof ist an diesem frühen Nachmittag einiges los. An den Bistrotischen wird fleissig Kaffee getrunken, ein Trüppchen Besucher lehnt über den Ziehbrunnen und übt sich unter Anweisung eines Museumsmitarbeiters im Kurbeln. Im Schatten eines mächtigen Baums picknickt eine Familie, daneben sitzt ein Mann und tippt fleissig auf seinem Laptop – Homeoffice der etwas anderen Art, wie es scheint.
Hüetitag mit den Grosseltern
Neben der Tür zum Ritterhaus steht eine hölzerne Kegelbahn. Ob sich die Ritter und ihre Damen hier einst an einem ähnlichen Exemplar vergnügt haben? «Rums» – drei Kegel fallen. «Yippie!», ruft ein kleiner Bub und hüpft begeistert von einem Bein auf das andere.
Der vierjährige Tim wird von seinen Grosseltern begleitet. Maria und Franz Schwager sind in Wilen bei Wil zu Hause, der Enkel in Winterthur. Der Mittwoch sei jeweils ihr fixer Hüetitag, erklärt Maria Schwager. Nach den Sommerferien komme Tim in den Kindergarten – dann reduziere sich die gemeinsame Zeit. «Umso mehr geniessen wir jetzt noch unsere Ausflüge.»

«Rums!» Diesmal fallen alle Kegel. Tim kann sein Glück kaum fassen. Nur ungern lässt er sich unterbrechen. Ja, die Kyburg sei lässig, sagt er. «Vor allem die Klötzli, mit denen du im Spielzimmer eine Burg gebaut hast, gell», souffliert seine Grossmutter. Tim nickt. Aber nein, Ritter wolle er nicht werden, der Ritterhelm zum Verkleiden, der habe ihm gar nicht gefallen. «Und die Mönchskutte, die ich mir angezogen habe, fandest du sogar ein bisschen gfürchig», sagt sein Grossvater. Tim nickt und zerrt ihn an der Hand. «Chumm, Opa, spiele.»
Erfolg beim zweiten Anlauf
Im Palas, dem repräsentativen Wohnbau der Burg, beugen sich Ricarda und Ralf Otto über ein Modell der Kyburg. Ricarda Otto ist tags zuvor aus der Nähe von Dresden angereist. Ihr Mann lebt und arbeitet seit 16 Jahren in der Schweiz. «Aber nicht mehr lang», sagt der Dachdecker. «In ein paar Wochen ist Schluss mit der Pendlerei, dann gehts definitiv wieder heim.»

Im Februar seien sie schon einmal in Kyburg gewesen – und vor verschlossenem Burgtor gestanden. Heute hätten sie in der Nähe zu tun gehabt und das zum Anlass genommen, ihr Glück erneut zu versuchen. Rüstungen, Helme, Hellebarden, Kanonen – Geschichte habe ihn schon immer ein bisschen interessiert, sagt Ralf Otto. «Ein bisschen?» Seine Frau verdreht die Augen. «Am liebsten würdest du doch in der Kyburg einziehen.»
Auch das Ehepaar Judith und Bodo – «unser Familienname tut hier nichts zur Sache» – kommt aus Deutschland, und zwar aus Berlin. Die beiden besuchen Judiths Vater. Dieser lebe seit mehr als 20 Jahren in der Region und habe sie sozusagen genötigt, sich die Kyburg anzuschauen, erzählt Judith. Sie schmunzelt. «Nichts Neues eigentlich. Er hat mich schon als Kind immer durch alle Museen geschleppt.» Und wo ist ihr Vater jetzt? «Er sitzt im Burghof und arbeitet.» Der Herr mit dem Laptop? «Exakt der.»

Nach dem Museumsbesuch solls dann die 500 Stufen des «Waldlehrpfads» runter zum Bahnhof Sennhof gehen. Erst einmal will sich das Ehepaar aber noch die Kopie des Panzerhandschuhs aus dem 14. Jahrhundert anschauen. Anfang Jahr in einer Notgrabung vor dem Schloss entdeckt, hatte dieser auch ausserhalb der Schweiz für Furore gesorgt. Woher sie davon wüssten? Aus den Medien? Judith lacht: «Von meinem Vater natürlich.»
Kurzer Zwischenhalt an der Museumskasse. Das Namensschild weist die Mitarbeiterin hinter der Scheibe als Jelena Taylor Botacio aus. Gefühlt sei heute ein sehr guter Tag, sagt sie und konsultiert ihren Computer. «Wusste ichs doch: 301 verkaufte Tickets, und das bereits um 13.30 Uhr. Es läuft.»
Kann sie auch etwas zu den Nationalitäten der Besucher sagen? Momentan seien es vor allem Deutsche neben Tagesausflüglern aus der Region. Letzte Woche wiederum hätten überraschend viele Australier vorbeigeschaut. «Es sind immer so Wellen», sagt sie und wendet sich dem nächsten Gast zu.
Von der App empfohlen
«Klick, klick, klick.» Ein verschwitzter Radfahrer mit Klickschuhen an den Füssen und Velohelm auf dem Kopf kommt über den Burghof geeilt. Matic Zalaznik ist auf der Suche nach seinen Freunden Jakob und Domen. Sie seien heute Morgen gemeinsam in Kloten losgeradelt, erklärt er etwas atemlos. «Im Schloss haben wir uns dann aus den Augen verloren.»

Die drei Slowenen erkunden die Schweiz per Bike. Vor zwei Tagen hätten sie den Rheinfall besucht, gestern seien sie um den Zürichsee gefahren. Und wer hat ihnen die Kyburg empfohlen? Matic Zalaznik zückt sein Handy und öffnet die App Komoot. Ein Routenplaner für Radfahrer und Wanderer, der auch Sehenswürdigkeiten beinhaltet. «Wir entscheiden jeweils nach dem Zufallsprinzip, was wir uns anschauen wollen.» Die einzige Bedingung sei, dass sie es mit dem Velo bis am Abend wieder nach Kloten schaffen würden.
Und: Ist die Kyburg so sehenswert, wie Komoot sagt? «Abgesehen davon, dass man hier verloren gehen kann?» Zalaznik lacht. «Doch, die Tour hat sich gelohnt.» Ob die Fotografin ein Foto von ihm machen dürfe. «Ja klar – und von Jakob und Domen gleich mit.» Er greift erneut zum Handy. «Ich rufe sie rasch an, sonst dauert die Sucherei noch ewig.»
