Bevölkerung hat wenig Interesse an einem digitalen Dorfplatz
Vernetzung gescheitert
Die Gemeinde Wila hat ihre Kooperation mit der Plattform Crossiety bereits vor rund vier Jahren eingestellt. Auch in anderen Gemeinden war der digitale Dorfplatz ein Flop.
Schnell nachlesen, was an der Gemeindeversammlung besprochen wird. Schauen, wann der nächste Vereinstreff stattfindet. Die Rollschuhe, die im Keller verstauben, rasch online inserieren: Dies alles war in Elgg dank dem digitalen Dorfplatz Crossiety in den letzten Jahren unkompliziert möglich. Doch seit Ende Juni ist der digitale Dorfplatz Geschichte.
Die Gemeinde beendete die Zusammenarbeit mit dem Anbieter Crossiety nach drei Jahren. Der Beschluss wurde bereits im Dezember 2023 bekannt gegeben. «Wir haben den digitalen Dorfplatz während dreier Jahre aufgeschaltet gehabt. Leider haben wir unsere Ziele für die Plattform nicht erreicht», sagt Ruth Büchi-Vögeli (SVP), Gemeindepräsidentin von Elgg.
Die Idee von Crossiety ist, eine Plattform zu schaffen, auf der sich die Bevölkerung einer Gemeinde unkompliziert vernetzen kann. Anders als in bereits bestehenden sozialen Medien sei aber der Datenschutz gewährleistet, das Angebot werbefrei und nicht von einem Algorithmus, der dem Anbieter möglichst grosse finanzielle Erträge bescheren solle, gesteuert.
Doch in Elgg war der Erfolg der Plattform bescheiden. Die Gemeinde setzte sich das Ziel, dass sich mindestens 10 Prozent der Bevölkerung bei der Plattform anmelden. «Das wären rund 500 Personen gewesen. Wir hatten bis zum Ende der dreijährigen Testphase aber nur etwa 400 – zu wenig», sagt Büchi-Vögeli.
Kosten und Nutzen seien deshalb in keinem Verhältnis gestanden. «Wir bezahlten rund 10’000 Franken pro Jahr. 5000 pauschal und dann einen Franken pro Einwohner – egal, ob sie angemeldet sind oder nicht.» Die Gemeinde hat deshalb den entsprechenden Vertrag nach der dreijährigen Probezeit nicht verlängert.
Vereine und Bevölkerung vernetzen sich anderswo
Die Vereine und die Bevölkerung würden sich andernorts informieren und vernetzen, sagt Büchi-Vögeli weiter. «Die Aktivitäten auf dem digitalen Dorfplatz waren sehr gering, und auch die weiteren Möglichkeiten wie etwa der Marktplatz wurden von der Bevölkerung zu wenig genutzt.»
Eine Umfrage bei den Vereinen habe zudem gezeigt, dass andere Informationskanäle wie etwa gemeinsame Gruppen in Nachrichtendiensten wie Whatsapp bevorzugt würden und praktisch kein Interesse an Crossiety bestehe.
Auch für die Gemeinde hat sich mit der neuen Website die Nutzung der Plattform erübrigt. «Wir teilen auf der Website mehr Infos als vorher auf Crossiety und erreichen mit unseren News-Updates mehr Menschen.» Die Gemeinde nutze zur Kommunikation zudem analoge Kanäle etwa für die amtlichen Mitteilungen, die in der «Elgger/Aadorfer Zeitung» publiziert würden.
Auch in Wila und Henggart gescheitert
Elgg ist nicht die einzige Gemeinde in der Region, welche die Zusammenarbeit mit Crossiety beendet hat.
Auch in anderen Gemeinden ist der digitale Dorfplatz gefloppt. Wila hat den digitalen Dorfplatz 2019 aufgeschaltet, aber bereits Ende 2020 wieder abgestellt «Die Bevölkerung, die Vereine und das Gewerbe scheinen Crossiety offensichtlich nicht zu benötigen», hiess es damals in einer Mitteilung. Rund 7000 Franken habe die Gemeinde jährlich für das Angebot bezahlt.
Henggart hat ebenfalls mit Crossiety zusammengearbeitet, der digitale Dorfplatz wurde 2020 aufgeschaltet. Doch auch Henggart hat die Zusammenarbeit mittlerweile beendet, das Aus erfolgte im Dezember 2023.
Die Gemeinde gab an, dass das Angebot zu wenig genutzt worden sei und deshalb die Kosten nicht gerechtfertigt seien. Sie schreibt auf Anfrage: «Erreicht wurden etwa 80 Personen. Ziel waren natürlich mehr Prozent der Bevölkerung.» Als Alternative hat die Gemeinde seit Mitte Juli ein Marktplatz-Portal auf ihrer Website aufgeschaltet, wo die Bevölkerung Suchinserate und Angebote veröffentlichen kann.
Erst gestartet ist der digitale Dorfplatz in der Wyländer Gemeinde Dorf. Seit November 2023 ist die Plattform aufgeschaltet. Für ein erstes Fazit war von der Gemeinde niemand erreichbar.
Weitere Gemeinden im Kanton evaluieren Angebot
Auch in einigen weiteren Gemeinden des Kantons setzt man auf den digitalen Dorfplatz. Thalwil hat als Pilotgemeinde Crossiety bereits 2016 eingeführt.
Rubi Egloff, Fachfrau Kommunikation der Gemeinde, räumt allerdings ein, dass die Plattform aktuell nicht von der Gemeinde bespielt wird. «Die nachhaltige Bewirtschaftung von Social-Media-Kanälen braucht viel Zeit. Wir merken, dass die Bevölkerung vermehrt auf Plattformen wie Instagram oder Facebook unterwegs ist, auf welchen wir ebenfalls vertreten sind.»
Thalwil hat aktuell rund 1300 Crossiety-Nutzer, rund 8 Prozent der Bevölkerung. Es sei schwierig, sagt Egloff, die Bevölkerung für eine weitere Plattform zu begeistern. Die Gemeinde eruiert deshalb, wie mit den verschiedenen Social-Media-Kanälen weiterverfahren werden soll.
In Mönchaltorf hingegen ist bereits entschieden, dass man den Betrieb von Crossiety Ende 2024 nach vier Jahren wegen geringen Interesses einstellen wird, wie die Gemeinde mitteilt.
Besser läuft der digitale Dorfplatz hingegen in Eglisau. «Aktuell nutzen 23 Prozent der Eglisauer Bevölkerung die Plattform, das sind 1152 Nutzerinnen und Nutzer», sagt Christine Klingler von der Verwaltung. Die Gemeinde publiziert auf der Plattform amtliche Meldungen und News von nicht amtlichem Charakter, wie etwa Stelleninserate oder Verkehrseinschränkungen.
Die Gemeinde sei aber auch auf anderen Plattformen präsent, wie etwa Instagram oder Facebook. Klingler sagt: «Auf diesen Plattformen sind die User generell aktiver.» Crossiety werde von manchen Vereinen genutzt, um dort ihre Veranstaltungen und News zu publizieren. Auch gebe es ein paar Gruppen, in denen sich Eglisauer und Eglisauerinnen vernetzten, etwa zum Wochenmarkt.
Crossiety weist auf viele langjährige Kunden hin
Crossiety nimmt zur beendeten Zusammenarbeit mit den drei Gemeinden Elgg, Henggart und Wila keine Stellung und schreibt auf Anfrage: «Wir haben viele langjährige und zufriedene Kunden, die unsere Plattform erfolgreich einsetzen. Der Wunsch der Bevölkerung nach einer verbesserten Gemeindekommunikation nimmt stetig zu.»
Gemeinden, die sich für den digitalen Dorfplatz interessieren, rät das Unternehmen: «Es ist sinnvoll, Verantwortlichkeiten auf mehrere Personen zu verteilen und sicherzustellen, dass diese regelmässig die Plattform pflegen.»
