Wie Mina Hofstetter zur Biopionierin vom Greifensee wurde
Ein Nervenzusammenbruch brachte die Wende
Mina Hofstetter hat den Biolandbau in der Schweiz mitgeprägt. Sie wurde in den 1920er Jahren zur Veganerin und stellte ihren Hof in Ebmatingen auf viehlos um. Nun wird die Bäuerin und Frauenrechtlerin geehrt.
Es ist ein Ereignis, das die Maurmer Biopionierin Mina Hofstetter zeit ihres Lebens nie mehr vergessen wird.
«Ich war noch nicht drei Jahre alt. An einem Sonntag sollte ich zum Mittagessen Fleischsuppe essen. Ich kostete, legte den Löffel weg und weigerte mich. Mein Vater wollte mich zwingen, brachte es nicht fertig, und so erhielt ich die ersten Prügel in meinem Leben. Hätte ich nicht Angst vor noch mehr Prügeln gehabt, so hätte ich vielleicht nie Fleisch gegessen.»
Mina Hofstetter kommt 1883 im aargauischen Stilli auf die Welt als Mina Lehner. Sie hat wenige schöne Erinnerungen an ihre Kindheit. Hat Mühe mit ihren Eltern, ist oft krank. In ihren Schriften ist zu lesen, wie stark sie das Erlebnis beim Mittagessen prägt. In ihm wurzelt ihre Abscheu vor Fleischkonsum und rohen Machtverhältnissen.
Auf der anderen Seite gibt es aber auch die schönen Stunden mit der Grossmutter. Mina liebt es, ihr bei der Feldarbeit zu helfen, auf den kleinen Äckern, die der Familie gehören. Bei der Grossmutter darf sie auch ansäen. Die Mutter erlaubt ihr das nicht.
Mit der Arbeit überfordert
Mit 24 Jahren heiratet Mina einen Mann aus dem Dorf: Ernst Hofstetter, einen gelernten Schreiner. Wegen der schlechten Wirtschaftslage müssen die beiden eine neue Existenz suchen. Und so zieht es die Hofstetters auf den Hof im Ebmatinger Weiler Stuhlen.
«Alle haben ihnen abgeraten, den zu kaufen. Die beiden haben es trotzdem gemacht», erzählt Annette Schär. Die Buchautorin, Kommunikationsberaterin und vormalige Chefredaktorin der «Maurmer Post» hat Mina Hofstetters Geschichte recherchiert. «Mina war wohl die treibende Kraft. Sie hatte dieses idyllische Bild vor Augen von einem Hof, wo man säen und ernten konnte, wie es einem passte.»

Der Anfang ist alles andere als idyllisch: «Da stand ich nun mit fünf kleinen Kindern. Alle hatten den Keuchhusten. Im Stall brüllten zehn Stück Vieh. Es war Ende Oktober, auf dem Feld waren noch die Runkeln zu ernten.»
Es ist das Jahr 1915 mitten im Ersten Weltkrieg. Ernst Hofstetter muss – kaum ist das Hab und Gut auf den Hof gezügelt – wieder einrücken. Der Mann im Militär, im Stall die verhassten Kühe: Die Arbeit übersteigt Mina Hofstetters Kräfte. Dazu kommen gesundheitliche Probleme. Nach der Geburt des sechsten Kinds erleidet sie einen Nervenzusammenbruch.
Der Wendepunkt in Minas Leben
«In diesem Moment, wo sie fast am Ende ist, erfolgt plötzlich eine Art Offenbarung», sagt Annette Schär. «Mina entdeckt Texte von Lebensreformern und beginnt mit Rohkost zu experimentieren.»
Die Kur wirkt, wie Mina Hofstetter bildhaft beschreibt: «Das Wunder geschah: In drei Monaten war ich von einem geschlagenen, leidenden Krüppel zu einem gesunden Menschen geworden, und ein Lebensmut beseelte mich wie noch nie in meinem Leben.»
Mina Hofstetter stellt ihre Ernährung um und wird Veganerin. Sie beginnt, den Hof biologisch zu bewirtschaften, und verkauft in letzter Konsequenz die Milchkühe im Stall.
Ein Bauernhof ohne Vieh? Mina Hofstetter wird nicht ernst genommen. Sie und einige andere Frauen, die zu dieser Zeit im Biolandbau experimentieren, gelten als Exotinnen. Sie muss Überzeugungsarbeit leisten.
Für ihre Versuche bettelt sie ihrem Mann Acker um Acker ab. «Ihr Glück, dass der sie gewähren lässt», meint Annette Schär. «Es war nicht so, dass er all ihre Überzeugungen geteilt hätte. Wohl um des Ehefriedens willen haben sich die beiden darauf geeinigt, dass Mina sich um den Ackerbau kümmert und Ernst auf dem Hof eine Schreinerei aufbaut.»
Ein Begegnungsort für das naturnahe Leben
Und so geht die Biobäuerin ihren Weg. Probiert neue Ackerbaumethoden aus, entwickelt ihr eigenes Anbausystem.

Die schonende Bearbeitung des Bodens ist ihr wichtig. Auf diesen Boden kommt nur Kompost. Alles andere verabscheut sie: «Unser Boden ist ebenso krank wie der Mensch: übersäuert, übernährt, einseitig verhätschelt mit unvergorenen Fäkalien und Kunstdünger. Wir lehnen ihn ab! Aus Ekel und aus Gesundheitsrücksichten.»
Dasselbe gilt für den Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln, die in der herkömmlichen Landwirtschaft damals schon weit verbreitet sind. Schädlinge bekämpft Mina Hofstetter mit deren natürlichen Feinden.
Sie pflanzt artenreiche Hecken und Sträucher für die Vögel. Im Obstbau greift sie zu Lehmwasser als Spritzmittel. Und achtet beim Säen, Pflanzen und Ernten auf die Konstellation der Sterne und den Mondzyklus.
Ihr Wissen vermittelt die Biobäuerin auch weiter. Der Hof in der Stuhlen wird zum Treffpunkt für die Lebensreform-Bewegung. Für Menschen, welche die Industrialisierung ablehnen und das einfache Leben in der Natur suchen.
Hofstetter hält Vorträge und gibt Kurse. Es geht um ihre Anbaumethoden, um Ernährungsfragen, aber auch um Erziehung oder Tiefenpsychologie. Dazu gibt es Angebote wie Atemübungen, Brotbacken oder Tanzen. Und Wanderungen, Turn- und Badetage – mit Luft, Sonne und Wasser, also meistens nackt.
Kein Wunder, gibt dieses für damalige Verhältnisse seltsame Treiben im Dorf zu reden.
Mehr als eine Biobäuerin
Auf dem Hof gehen Gäste aus aller Welt ein und aus – auch bekannte Namen. Dazu gehören der Erfinder Konrad von Meyenburg oder der Arzt Max Bircher-Benner – der Vater des Birchermüesli. Bald sind die Kurse so erfolgreich, dass die Hofstetters im Weiler Stuhlen ein separates Kursgebäude bauen: das Haus Seeblick.

Derweil wächst Mina Hofstetters Ansehen auch im Ausland. Mit ihren Kursen, Vorträgen und Publikationen ist sie europaweit gefragt. Sie engagiert sich über den Biolandbau hinaus, setzt sich ein für eine gerechtere Wirtschaftsordnung, für Frauenrechte. Mina findet 1935 zur Women’s Organisation for World Order und knüpft dort Kontakte zu prominenten Feministinnen.
Sonst gehört sie keinem Verband, keiner landwirtschaftlichen Organisation an. Das sei vielleicht mit ein Grund, warum sie in Vergessenheit geraten sei, meint Annette Schär. Oder vielleicht auch einfach die Tatsache, dass sie eine Frau war.
Dabei ist vieles aus Mina Hofstetters Werk im Biolandbau auch heute noch – oder wieder – zentral. Und dafür soll sie geehrt werden. Diesen Herbst will die Gemeinde Maur einen Weg nach der Biopionierin benennen, ganz in der Nähe des Hofs in der Stuhlen.
Das Leben und Wirken von Biopionierin Mina Hofstetter gibt es auch zum Hören. Im Geschichtspodcast von SRF, der «Zeitblende», folgt die Autorin dieses Texts den Spuren dieser aussergewöhnlichen Frau, die mehr war als eine Wegbereiterin des biologischen Landbaus in der Schweiz: www.srf.ch/zeitblende.
Derweil hat sich auch der Leiter des Archivs für Agrargeschichte, der Historiker Peter Moser, intensiv mit Mina Hofstetter auseinandergesetzt. Unter dem Titel «Mina Hofstetter: Eine ökofeministische Pionierin des biologischen Landbaus» veröffentlicht er Ende Juli im Oekom-Verlag eine Sammlung von Texten und Korrespondenzen der einst berühmten Ebmatingerin. (mmu)
