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Sie lässt havarierte Fledermäuse in Grafstal wieder durchstarten

Nina Lobeto betreibt die einzige Pflegestation für Fledermäuse im Grossraum Winterthur. Ein Einblick in ihr Schaffen.

Die Zwergfledermaus hat sich am Flügel verletzt. Mit etwas Glück wird sie in zwei, drei Monaten wieder in die Freiheit entlassen werden können.

Foto: Enzo Lopardo

Sie lässt havarierte Fledermäuse in Grafstal wieder durchstarten

Tierschutz

Nina Lobeto betreibt die einzige Pflegestation für Fledermäuse im Grossraum Winterthur. Oftmals sind sie Opfer von Katzen. Noch mehr zu schaffen macht den Flugkünstlern der Verlust ihres Lebensraums.

«Für ein Katzenopfer ist die Fledermaus ungewöhnlich fit.» Nina Lobeto mustert das pelzige Tierchen, das sich an ihrem Lederhandschuh festkrallt. Die meisten Katzenopfer würden innert kurzer Zeit ihren inneren Verletzungen erliegen. «Sie muss grosses Glück gehabt haben, möglicherweise wurde sie nur am Flügel erwischt.»

Die Grafstalerin betreibt seit rund einem Jahr die einzige Pflegestation für Fledermäuse im Grossraum Winterthur. Rund 30 Fledermäuse hat sie in ihrer Wohnung bisher aufgepäppelt.

Nina Lobeto führt in Grafstal die einzige Pflegestation für Fledermäuse im Raum Winterthur. Foto: Enzo Lopardo.
Der kleine Patient verschläft den Tag jeweils in einer Kunststoffbox.

Oftmals würden diese von Katzen beim Einflug in ihre Quartiere abgefangen, erzählt sie. Oder aber sie verirren sich über ein schräg gestelltes Fenster in einen Innenraum, wo sie am nächsten Morgen erschöpft aufgefunden werden.

«Immer erst Nottelefon kontaktieren»

Ihr neuester Zugang – eine Zwergfledermaus – wurde an einem Strassenrand von Passanten entdeckt. «Sie hat Glück, die Verletzung sollte in zwei, drei Monaten ausgeheilt sein.» Drohten Langzeitschäden, wäre sie eingeschläfert worden. «Fledermäuse sind Wildtiere und gehören zwingend in die Freiheit.»

Die Pfleglinge werden über das Nottelefon der Stiftung Fledermaus nach Grafstal vermittelt. Die Stiftung betreibt die Fledermaus-Notpflegestation im Zoo Zürich. Dort hat Nina Lobeto auch den rund dreimonatigen Kurs absolviert, der ihr erlaubt, als Privatperson Fledermäuse zu betreuen.

«Schreiben Sie, dass man sich bei einem Fund immer erst beim Fledermausschutz-Nottelefon melden soll, bevor man ein Tier mit nach Hause nimmt», bittet sie. Gerade Babys würden gern mal aus ihrer Kinderstube auf den Boden fallen. «Fledermausmütter reagieren in der Regel auf das Rufen ihres Jungen. Mit etwas Glück holt sie es ab.»

Keine Entschädigung

Ihre erste verletzte Fledermaus hat Nina Lobeto als Primarschülerin aufgepäppelt. «Damals wusste ich noch nicht, dass das Laien nicht erlaubt ist.» Seither sei sie fasziniert von den Flattertieren.

Für ihr Engagement wird sie nicht entschädigt. Im Gegenteil: Sie zahlt selbst die Bewilligung des kantonalen Veterinäramts für eine Wildtierhaltung aus dem eigenen Sack. Die Tierfreundin zuckt mit den Schultern. «Eine Tierarztklinik in Töss unterstützt mich freundlicherweise mit rezeptfreien Medikamenten. Und die übrigen Kosten sind überschaubar.»

Nina Lobeto führt in Grafstal die einzige Pflegestation für Fledermäuse im Raum Winterthur. Foto: Enzo Lopardo.
Die Zwergfledermaus ist die meistverbreitete europäische Fledermausart.

Der Winzling auf dem Handschuh beginnt zu zittern. Vor Angst? Die Fachfrau schüttelt den Kopf. «Mit dem Zittern bringt er sich sozusagen auf Betriebstemperatur.» Die Tiere würden im Schlaf ihre Körpertemperatur absenken, um so Energie zu sparen. «Torpor» lautet der Fachbegriff.

«Gell, du hast Hunger.» Mit einer Pinzette fischt sie einen Mehlwurm aus einer Büchse. Tatsächlich: Der Wurm verschwindet umgehend zwischen den spitzen Zähnchen. Diese braucht die Fledermaus, um die harten Aussenpanzer der Insekten – ihre Hauptnahrung – zu knacken.

Fledermäuse bauen sich keine eigenen Unterschlüpfe, sie sind auf bestehende Ritzen, ruhige Keller, Dachstöcke und Baumhöhlen angewiesen. Bieten Sie ihnen künstliche Spaltenquartiere wie Fledermausbretter oder Flachkästen an Giebelwänden an oder hängen Sie einen Fledermauskasten an einen Baum.

Erhalten oder schaffen Sie bei Bau- und Umbaumassnahmen vor allem im Dachbereich Einflugöffnungen. Bei einer bestehenden Kolonie muss bei einem Umbau zwingend eine Fledermausschutz-Fachperson des Kantons zugezogen werden. Fledermäuse sind bedroht und daher bundesrechtlich geschützt.

Kühle und feuchte Keller oder andere unterirdische Hohlräume sind potenzielle Winterquartiere. Lassen Sie einen schmalen Einschlupf offen und schützen Sie den Raum vor Katzen und Mardern.

Fledermäuse ernähren sich hauptsächlich von Insekten, Spinnen und Tausendfüsslern. Gestalten Sie Ihren Garten insektenfreundlich, etwa mit einer artenreichen Wiese und heimischen Stauden und Gehölzen.

Nachtblühende, nektarreiche Blütenpflanzen wie die Gewöhnliche Nachtkerze, die Nachtviole oder die Wegwarte locken durch ihren intensiven Duft Nachtfalter an, Lieblingsspeise vieler Fledermausarten.

Legen Sie eine Wasserfläche an. Wasser zieht ebenfalls viele Insekten an.

Verzichten Sie auf den Einsatz synthetischer Pflanzen- und Insektenbekämpfungsmittel.

Vermeiden Sie unnötige Lichtemissionen. Von der nächtlichen Dunkelheit profitieren auch zahlreiche andere Tierarten.

Um die Tiere vor Infektionen zu schützen, trägt Lobeto jeweils eine Maske. Die Handschuhe hingegen sind ein Eigenschutz gegen Kratzer und Bisse und damit eine allfällige Tollwutübertragung. Die Gefahr sei zwar verschwindend klein – «aber besser ist besser».

Dieses Jahr erst wenige Jungtiere

Füttert sie Fledermausbabys, verzichtet sie auf die Handschuhe. «Meine Handwärme ersetzt die Wärme der säugenden Mutter, Handschuhe wären da kontraproduktiv.» Diese Saison hat sie erst drei Jungtiere angeliefert bekommen. Das sei dem kalten Frühling geschuldet.

«Fledermäuse können den Geburtstermin steuern, wenn es zu kalt ist, tragen sie länger.» Maximal einen Tag alt seien die Winzlinge gewesen. Überlebt hat keiner.

Nina Lobeto führt in Grafstal die einzige Pflegestation für Fledermäuse im Raum Winterthur. Foto: Enzo Lopardo.
Fledermäuse ernähren sich vor allem von Insekten. Mehlwürmer schmecken offensichtlich auch.

Verwaiste Babys müssen alle zwei, drei Stunden mit Katzenaufzuchtmilch «geschöppelet» werden. Ein Fulltime-Job. Nina Lobeto berät Unternehmen in der Pharma- und Medizintechnik-Industrie zu IT-Compliance und kann grösstenteils im Homeoffice arbeiten. «Und notfalls nehme ich ein Baby auch mal in einer Brusttasche mit zum Kunden.»

Fledermausschutzbeauftragte von Illnau-Effretikon und Lindau

Fledermäuse sind schweizweit geschützt. Trotzdem ist der Grossteil der 30 Arten gefährdet. Jagende Katzen seien ein Problem, sagt Lobeto. «Noch mehr zu schaffen machen ihnen aber der schwindende Lebensraum und der Insektenschwund.» Bis zu 2000 Kleininsekten pro Nacht verschlingt eine Zwergfledermaus.

Nina Lobeto führt in Grafstal die einzige Pflegestation für Fledermäuse im Raum Winterthur. Foto: Enzo Lopardo.
Fledermausbabys müssen alle zwei, drei Stunden gefüttert werden. Notfalls nimmt Nina Lobeto sie auch mal in einer speziellen Brusttasche zu einem Kunden mit.

Als lokale Fledermausschutzbeauftragte von Illnau-Effretikon und Lindau erfasst sie das Vorkommen der dortigen Flugkünstler. Dabei ist sie auf die Beobachtungen aus der Bevölkerung angewiesen. «Kleine schwarze Kegeli am Boden weisen auf Fledermausquartiere hin.»

Die Zwergfledermaus ist unterdessen zurück in ihrer Schlafkiste. Noch kann sie den verletzten Flügel nur beschränkt brauchen. Trotzdem steht am Abend ein erster Flugversuch auf dem Plan. «Das Flattertraining ist unabdingbar, damit die Flügel ihre Elastizität behalten.»

Sobald es ihr besser geht, wird Nina Lobeto sie in die Fledermausstation im Zoo Zürich bringen. «In der dortigen grossen Voliere kann sie sich dann richtig im Fliegen üben, bevor es zurück in die Freiheit geht.»

Eine verletzte oder erschöpfte Fledermaus gefunden? Das Fledermausschutz-Nottelefon 079 330 60 60 hilft weiter.

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