Bezirk Hinwil

Bezirk Pfäffikon

Bezirk Uster

Tösstal

Themen

Specials

Services

ZO Portale

Abo

Gesellschaft

Beim Bahnhof Kollbrunn stehen Bäume mit Vorbildfunktion

Mit Begrünung gegen Überhitzung: Was in so mancher Stadt diskutiert wird, ist in Kollbrunn bereits Realität. Ein Novum in der Region.

Der Bahnhofplatz Kollbrunn ist ein Vorzeigebeispiel für einen ökologisch begrünten Platz.

Foto: Noah Salvetti

Beim Bahnhof Kollbrunn stehen Bäume mit Vorbildfunktion

Aufgefallen im Tösstal

Der neu gestaltete Bahnhofplatz in Kollbrunn wurde nach dem Schwammstadt-Prinzip begrünt, um grosser Aufheizung vorzubeugen. Noch ist der begrünte Platz eine Ausnahmeerscheinung – doch er soll es nicht bleiben.

Wer über den 2022 eröffneten Bahnhofplatz in Kollbrunn schlendert, sieht auf den ersten Blick einen gewöhnlichen Platz mit einigen jungen Bäumen. Betrachtet man diese aber aus der Nähe, verraten Info-Tafeln: Das sind nicht einfach irgendwelche Bäume, die man zur Zierde hier aufgestellt hat.

Sie sollen nicht nur Schatten spenden, sondern auch Luftzirkulation und Biodiversität fördern und so der Entstehung sogenannter Hitzeinseln – versiegelter Flächen, die sich stärker aufheizen als das Umland – Einhalt gebieten.

«Hätte man den Bahnhofplatz in Kollbrunn gewöhnlich saniert, wäre hier im Sommer regelmässig mit Temperaturen von über 40 Grad zu rechnen gewesen», sagt Daniel Marti.

Der Kollbrunner ist Baumpfleger und hat einen Abschluss in «Urban Forestry», also Forstwirtschaft in urbanen Räumen. Mit seiner Firma Baumläufer GmbH mit Sitz in Bäretswil hat Marti die Begrünung des neuen Bahnhofplatzes konzipiert. Dabei war das ursprünglich gar nicht so geplant.

Angefangen hat alles an einer Mitwirkungsveranstaltung im Rahmen einer Gemeindeversammlung. Marti war aufgefallen, dass die angedachten Baumgruben – also die Räume, die dem Baum und seinen Wurzeln zur Verfügung stehen – viel zu klein geplant waren. «Damit Bäume ihre ökologischen Funktionen erfüllen können, brauchen die Wurzeln genügend Platz», erklärt er.

Das Geheimnis liegt unter dem Asphalt

Herrscht dort Platzmangel, sind die Bäume automatisch anfälliger für Trockenheit und Hitzeperioden. Nachdem sich Marti mit den beauftragten Planern ausgetauscht hatte, kristallisierte sich heraus, dass diese beim Thema fachmännische Hilfe gebrauchen könnten. Er erhielt den Auftrag, die Begrünung neu zu denken.

«Der Zeitplan und das Budget waren auf unserer Seite», erinnert sich Marti. 776’000 Franken kostete die Begegnungszone beim Bahnhof. Weil die Planungen noch nicht so weit fortgeschritten waren, konnte der Platz «baumfreundlich» gestaltet werden. «Wenn man die Interessen der Pflanzen nicht von Anfang an konsequent mitdenkt, kann man oft nur noch kleine Korrekturen machen.»

Das System der Begrünung fusst auf dem sogenannten Schwammstadt-Prinzip. Der Clou liegt unter dem Strassenbelag: Ein markanter Teil des Wurzelraums ist dort untergebracht. Eine spezielle Erde sorgt dafür, dass die Wurzeln auch dann noch «atmen» und Wasser aufnehmen können, wenn man eine Strasse darauf baut.

Das Schwammstadt-Prinzip ist ein Konzept zur nachhaltigen Stadtentwicklung. Die Idee dahinter ist, dass das Regenwasser im Boden versickert und von Bäumen über den Wasserkreislauf wieder abgegeben wird. Durch die Verdunstung entsteht ein Kühlungseffekt.

Dadurch sollen extreme Wetterereignisse wie Hitzeperioden oder Starkregen besser abgefangen werden. Weil das Regenwasser in durchlässigen Böden besser abfliessen kann, kann die Schwammstadt auch vor Hochwasser schützen. (nos)

Oberirdisch sieht man davon nur die kleinen, grünen Inseln, auf denen die Bäume stehen. Sie unterbrechen die versiegelten Asphaltflächen und ermöglichen so, dass das Regenwasser darin versickern kann. Das ist wichtig für die Kühlung – «durch die Luftzirkulation kann ein Baum die umliegenden Flächen um bis zu 15 Grad herunterkühlen», erläutert Marti.

Aber auch für die Biodiversität: «Die Inseln haben für bestimmte Insektenarten elementare Bedeutung.» Sie helfen ihnen, zwischen verschiedenen Lebensräumen hin- und herzupendeln.

Neben den Bäumen – unter anderem Blumeneschen und Linden – wachsen dort 22 verschiedene Pflanzenarten, darunter Salbei, Glockenblumen oder Walderdbeeren.

Um herauszufinden, welche Pflanzen und Bäume sich dafür am besten eignen, hat Marti beim Umweltdepartement der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ein sogenanntes Pflanzkonzept in Auftrag gegeben.

Sie mussten vor allem eines sein: widerstandsfähig. Denn im Alltag sind die Pflanzen Feinstaub, Stickoxiden und anderen giftigen Stoffen ausgesetzt.

Kollbrunn als Vorzeigeobjekt

Der Bahnhofplatz Kollbrunn ist im Tösstal und im Oberland bisher der einzige bekannte Platz, der nach dem Schwammstadt-Prinzip gestaltet wurde. In Illnau-Effretikon fand es in Form von speziellen Öko-Trottoirs Anwendung. Städte wie Winterthur oder Zürich erproben das Konzept seit einigen Jahren an Prototypen – doch das Bewusstsein für Hitzeinseln und die Massnahmen dagegen ist vor fünf bis zehn Jahren, als die meisten heute sanierten Strassen geplant wurden, noch bedeutend kleiner gewesen.

Bodenplatten mit Pflanzen, die aus den Fugen wachsen.
Die Bodenplatten der Parkplätze sind so gestaltet, dass das Wasser in den Fugen versickern kann – ähnlich wie bei den Öko-Trottoirs in Illnau-Effretikon.

«Gerade im ländlichen Raum unterschätzt man das Potenzial urbaner Begrünung oft.» Hinzu komme, dass die Überlegungen hinter dem Schwammstadt-Prinzip bisher nicht in die Richtlinien zur Strassengestaltung eingeflossen seien. «Bisher ging es vor allem darum, dass der Verkehr flüssig läuft, alles andere war zweitrangig.» Immerhin zeichne sich langsam ein Paradigmenwechsel ab.

Dazu will auch Daniel Marti beitragen. So hat er im vergangenen Jahr gemeinsam mit der ehemaligen Zeller Bauvorsteherin Patricia Heuberger (SP) das Projekt dem Zweckverband Regionalplanung Winterthur und Umgebung (RWU) vorgestellt.

Das Beispiel Kollbrunn solle andere Gemeinden für das Thema sensibilisieren, so Marti. Kein einfacher Job, denn: «Obwohl der Einfluss guter Grünräume reichlich belegt ist, kann man ihre positive Wirkung auf Mensch und Umwelt leider nicht in Franken und Rappen bemessen.»

Auf dieser Website findet man weitere Informationen zum Thema. Teile davon finden sich auch auf den Info-Tafeln am Bahnhofplatz Kollbrunn.

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.

Kontakt

Inserieren

Abo

Services

Über uns