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Gesellschaft

«Wenn sich so vieles ändert, verliert man manchmal die Kontrolle»

Der Sänger der Band Dabu Fantastic hat seine ganz eigene Midlife-Crisis durchgestanden. Seine Gedanken zur Kinderfrage und Ü-40-Liebe.

«In einer Welt, die nicht mehr so viele Menschen verträgt, muss es doch akzeptierter werden, auch keine Kinder zu haben», sagt Dabu Bucher.

Foto: Mina Monsef/Andrin Winteler

«Wenn sich so vieles ändert, verliert man manchmal die Kontrolle»

Mönchaltorfer Dabu Bucher im Interview

Der Sänger der Band Dabu Fantastic hat seine ganz eigene Version einer Midlife-Crisis durchgestanden. Ein paar Gedanken zur Kinderfrage, zur Ü-40-Liebe und zum Egoismus unter Bandkollegen.

Moritz Marthaler

Sie sind Sänger Ihrer Band Dabu Fantastic, bewegen sich seit 15 Jahren auf der Bühne. Rund um das neue Album stehen Sie aber auf eine neue Art im Mittelpunkt: Alles dreht sich um Veränderungen in Ihrem Liebesleben, Sie wurden von einem Filmteam bis ins Privateste begleitet. War Ihnen immer wohl dabei?

David «Dabu» Bucher: Es hat sich einiges in allen Bereichen meines Lebens verändert. Ich stehe ja gern im Mittelpunkt, aber in dieser Zeit gab es schon Momente, in denen so vieles um mich herum passierte, dass ich den Überblick verlor, in denen mein Handeln gegenüber der Gruppe in einem Mass überhandnahm, dass es egoistisch wirkte. Egoistisch will ich bei aller Kompromisslosigkeit, die meine Kunst von mir verlangt, nie sein, deshalb tut mir das extrem leid. Es gab Momente, in denen ich Angst hatte, dass mir alles um die Ohren fliegt und die Band auseinanderfällt. Aber ich bin froh, dass wir eine so gesunde Freundschaft pflegen und offen kommunizieren können.

Das alles vor einer Kamera für einen SRF-Dok-Film auszutragen, dürfte das Ganze kaum erleichtert haben.

Ich habe den Filmemacher Ivo Amarilli angerufen und ihn ermutigt, das alles filmisch festzuhalten.

Warum?

Wir wollten auch diesmal einen Film über die Albumproduktion drehen. Und als ich realisierte, was gerade passiert in meinem Leben, rief ich ihn an und sagte, ich glaube, da musst du wieder dabei sein.

Die selbst gewählte, totale Exposition.

Einerseits war das komplett naiv, ja. Andererseits habe ich in den letzten Jahren gemerkt, dass sich mir mit Ehrlichkeit und Offenheit beim Publikum Türen auftun, die mir früher verschlossen geblieben sind. Als Kind gab ich als Berufswunsch ja immer «Polo Hofer» an. Er war auch in dieser Hinsicht der grösste Schweizer Entertainer, weil er extrem nahe beim Publikum war. Das wollte ich auch. Und gleichzeitig verkaufen wir so mehr Tickets für unsere Konzerte. Das hat mich motiviert, die Coolness fallen zu lassen, Kontrolle abzugeben.

«Eine deutliche Krise, die sich nicht mehr ignorieren liess»: So schreibt Ihr Management über die Zeit, die hinter Ihnen liegt. Was ist denn passiert?

Andere würden von einer «Midlife-Crisis» reden. Ich halte es da im Sinne von Polo Hofer eher mit den «Midnight-Crises». Irgendwann während der Pandemie hat das bei mir angefangen, ein Album war fertig, es hat mich erst enorm befriedigt – dann fiel ich in ein kleines Loch. Ich schlief schlecht, nachts studierte ich an allem herum: an meiner Musik, meiner damaligen Beziehung, meinem Wohnort, den Zielen im Leben. Was muss man mit 40 erlebt haben? Und was kommt noch?

So soll es zur Mitte des Lebens vielen ergehen. Wie verfällt man nicht in Aktionismus, wenn man trotzdem etwas tun will?

Man kann dem Leben auch ein wenig die Führung überlassen. Wie die Veränderung im Detail aussieht, wird sich schon zeigen, aber man signalisiert sich selbst und seinem Umfeld: Ich bin jetzt offen für diese Veränderung. Die Sensorik ist eine andere.

Und wozu hat das bei Ihnen geführt?

Ich klopfte auch beruflich ab, ob für mich noch alles stimmt. Im Raum stand ein Soloprojekt, ich diskutierte das mit meinen Mitmusikern. Das führte aber nirgends hin, weil ich musikalisch mit der Band schon das hatte, was ich brauchte, um glücklich zu werden. Irgendwann habe ich mich in eine neue Frau verliebt. Und es wurde auch schnell klar, dass ich aus Zürich wegziehe nach Bern. Erst einmal war das chaotisch.

Warum?

Ich zog mich für ein halbes Jahr in die Berge zurück, ins Bündnerland, pendelte aber wegen meiner neuen Liebe nach Bern, gleichzeitig schrieb ich schon Songs fürs neue Album, dazu hatten wir noch Shows von der letzten Tour. Ich war überall und doch nirgends.

Können Sie nach dieser Zeit die Herausforderungen zur Mitte des Lebens besser benennen?

Eine Frage etwa, der in unserer Gesellschaft niemand ausweichen kann und die einem regelrecht aufgedrängt wird, ist die, ob man eine Familie gründen will. Für mich habe ich sie tendenziell immer eher mit Nein beantwortet. Nicht, weil ich mich nicht als Vater sehen würde, sondern, weil ich dachte, die Welt in unserem Zustand braucht meine Kinder nicht auch noch. Für eine Partnerschaft hat diese Frage etwas ungemein Absolutes: Es gibt in ihr keinen Kompromiss. Entweder man hat zusammen Kinder oder nicht. Damit sah ich mich auch in meiner vergangenen Beziehung konfrontiert.

Spüren Sie denn eine gesellschaftliche Erwartung, wie ein 43-jähriger Mann sein Leben zu gestalten hat?

Mir ist aufgefallen, wie wenige gesellschaftlich akzeptierte und geschätzte Vorbilder es gibt, die keine Kinder haben. Respektive wie selten damit entspannt umgegangen werden kann, wenn jemand keine Kinder hat. Es ist gesellschaftlich nicht implementiert, Menschen ohne Kinder finden weniger statt in Film, Funk und Fernsehen. Dabei ist das Thema doch wichtig.

Inwiefern?

Mit den sinkenden Geburtenraten wird es an Bedeutung gewinnen. Die kinderlose Paarbeziehung wird konformer, normaler werden, also sollte sie auch eine gesellschaftliche Abbildung finden. In einer Welt, die nicht mehr so viele Menschen verträgt, muss es doch akzeptierter werden, auch keine Kinder zu haben. Und Leute, die selber keine Kinder haben, übernehmen für Kinder andere Funktionen in der Gesellschaft: Gotte und Götti etwa oder Stiefeltern. Was, wenn man sich die heutige Scheidungsrate anschaut, zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Hätten Sie als Familienvater mit der Band in den letzten eineinhalb Jahren dieselbe Entwicklung durchgemacht?

Ich denke nicht. Ich habe mir das immer so zurechtgelegt: Ich möchte erst über Kinder nachdenken, wenn ich so viel mit der Musik verdiene, dass ich es mir auch leisten könnte. Ich möchte nicht nur deswegen wieder als Lehrer arbeiten gehen. Das war lange Zeit der Grund, warum ich keine Kinder wollte. Und jetzt scheint es sich ironischerweise eh erledigt zu haben.

Neues Album und ein Film auf SRF

Mit «Ciao Baby, Ciao» erscheint am Freitag ein neues Album von Dabu Fantastic. In den vergangenen zwei Jahren hatte die Band um Sänger Dabu Bucher und DJ Arts mit «So easy mitenand» Musizierende aus der ganzen Schweiz versammelt oder ihr Verhältnis zur ländlichen Herkunft und zum gemeinsamen Singen ergründet.

Jetzt liegen neue Lieder vor, die sich vor allem um Umwälzungen im Privatleben des Frontmanns Dabu drehen – und sich vielleicht gerade deshalb der grössten Stärke berauben, die die Musik der Zürcher für gewöhnlich auszeichnet. Traf Dabu mit seinen Texten stets einen kollektiven Nerv, so laufen die Songs auf dem aktuellen Album Gefahr, durch ihren nabelschauartigen Charakter an Identifikationspotenzial für die Masse einzubüssen.

Über die Entstehungsgeschichte des neuen Albums hat der Luzerner Musiker und Filmemacher Ivo Amarilli einen Dokumentarfilm gedreht, der am 13. Juni um 21.05 Uhr auf SRF 2 gezeigt wird. (mrm)

Warum?

Meine neue Partnerin hat zwei Töchter aus einer früheren Beziehung. Ich lebe bei ihnen in Bern, die Kinder sind die Hälfte der Zeit bei ihrem Vater, die andere Hälfte bei uns. Das ist für mich eine sehr schöne Rolle, die ich dort ausfüllen kann. Der finanzielle Druck ist nicht so gross, ich habe Tage mit Kindern und Tage ohne Kinder, in denen ich vielleicht mehr arbeiten kann.

Im Film ist zu sehen, wie Sie als Einziger der Band über Sex singen wollen, während andere die ersten Songentwürfe als zu einseitig kritisieren.

Es gibt zwei Songs auf unserem neuen Album, die sich relativ explizit um Sex drehen, die aber auch Spass machen, lebensfreudig und tanzbar sind. Für diese habe ich mich eingesetzt. Man hat mich nur dort korrigiert, wo ich überbordet bin.

Sie eckten also nicht nur mit Songtexten an?

Nein, auch mit meinem Verhalten in der Gruppe. Ich flog hoch in diesem Rausch einer frischen Ü-40-Liebe …

Man sieht zwei Männer.
«Diesen Unterschied zwischen künstlerischer Radikalität und Egoismus muss man unbedingt kennen.» Auf dem Weg zum neuen Album rumpelte es kräftig in der Band von DJ Arts (links) und Dabu Bucher.

… worin unterscheidet diese sich von der herkömmlichen Verliebtheit?

Mit 40 Jahren kennt man sich besser und weiss, was man sich vom Leben wünscht. Und man kann sich richtig fallen lassen, weil man spürt, dass es vielleicht doch zum letzten Mal ist, dass man sich neu verliebt.

Und in diesem Rausch haben Sie vergessen, sich um Ihre Bandkollegen zu kümmern?

Das war nie meine Absicht. Aber wenn sich so vieles im Leben ändert, verliert man manchmal die Kontrolle. Ich bin froh, dass wir in der Band eine ehrliche Kommunikation pflegen. Es gab Situationen, in denen mein ältester Bandkollege mich zur Seite nahm und mich spiegelte.

Wenigstens stehen Sie ja nun als kinderloser, frisch verliebter Bandleader nicht im Verdacht, zu verbürgerlichen.

Ich habe mit «Frei Sii» vielleicht meinen bünzligsten Song überhaupt geschrieben. Er dreht sich darum, dass man die Rastlosigkeit leid ist, das ständige Unterwegssein, das Sich-nicht-binden-Wollen. Die meisten Leute, die mit 43 noch ständig in den Ausgang gehen, sehen irgendwie verbraucht aus. Da sitze ich doch lieber in unserem Garten in Bern-Bümpliz und schaue auf den Stadtbach.

Sich so stark mit sich selbst zu beschäftigen, muss einem das Umfeld überhaupt erst ermöglichen. Wie viel Egoismus verträgt es in einem kollektiven Arbeitsumfeld wie dem einer Band?

Eigentlich keinen. Songschreiben ist für mich etwas sehr Persönliches, und dann ist es normal, dass meine Erfahrungen mehr in unsere Lieder fliessen. Diesen Unterschied zwischen künstlerischer Radikalität und Egoismus muss man unbedingt kennen. Es gibt Momente, in denen man innerhalb seiner Kunst radikal sein muss.

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