Metamorphose der einstigen Spinnerei in Kollbrunn auf der Zielgeraden
Grossbaustelle im Tösstal
Die alte Bühler-Spinnerei ist ein Schmelztiegel aus industriellem Erbe und modernen Ideen vom Reissbrett. Wie geht das zusammen? Ein Besuch vor Ort gibt Aufschluss.
Die Zeiten, in denen eine Wohnung einfach eine Wohnung war, sind vorbei. Das Wohnen ist heute so individuell geworden wie der Mensch selbst.
Ein Beispiel für diese Entwicklung findet sich am Dorfrand von Kollbrunn. In der alten Bühler-Spinnerei zwischen Tösstalstrasse und Bahnlinie durchläuft ein Industriedenkmal gerade eine Metamorphose und wird zum Wohnkomplex.
Darin plant die Immobilieninvestorin Swiss Property verschiedene Arten von Wohnungen. Sie will damit Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen nach Kollbrunn locken.
So gibt es neben klassischen Lofts in der ehemaligen Fabrik und Gartenwohnungen in den einstigen Waschhäusern auch sogenannte Townhouses. Dabei handelt es sich um vierstöckige Wohnungen im hinteren Teil des historischen Gebäudes, die in ihrer Art einem Reihenhaus ähneln.
Das Konzept mit den verschiedenen Wohnformen scheint zu funktionieren, wie CEO Ralf Staub verrät: «Die Käufer sind bunt gemischt, manche kommen aus der Region oder sogar aus dem Dorf, andere von noch weiter her.»
Komplex ist nur der Vorname
Seit rund zwei Jahren laufen die eigentlichen Ausbauarbeiten. Ein Augenschein vor Ort zeigt: Damit die Wohnungen im kommenden Herbst schlüsselfertig sind, muss an mehreren Baustellen gleichzeitig gearbeitet werden.
Entsprechend dröhnt, klopft und rüttelt es, wo immer man hinsieht und -hört. Der Innenausbau erfolgt, wie bereits der Rohbau, von unten nach oben. Während die Handwerker in den unteren Wohnungen bereits Küchen fixfertig montieren, muss im Dachgeschoss erst der Boden gegossen werden.










Ursprünglich hätten die Wohnungen bereits Ende 2023 fertig sein sollen. «Aber das war eine optimistische Schätzung», sagt Staub. «Es ist ein komplexes Projekt, und man weiss nie, was noch zum Vorschein kommt.»
Das Vorhaben nicht weniger knifflig macht die Tatsache, dass das Spinnerei-Ensemble ein Denkmalschutzobjekt von regionaler Bedeutung ist. Dazu gehört auch die Fabrikantenvilla mit Park, die separat renoviert wird. Dort entstehen exklusive Eigentumswohnungen.
Um sicherzustellen, dass alle Vorgaben eingehalten werden, stand die Bauherrschaft stets mit der Denkmalpflege des Kantons im Austausch. Dabei waren auch immer wieder Kompromisse nötig.

Reto Lüscher, zuständig für das Baumanagement, deutet beispielhaft auf die zahlreichen historischen Holzträger, die sich wie ein roter Faden durch das Gebäude ziehen. «Sie sind nicht tragend, sondern an einer Betondecke aufgehängt», erklärt er.
Weil sie zur ursprünglichen Bausubstanz gehören, müssen sie erhalten bleiben. Damit man sie später noch sieht, werden die Holzträger zu Deko-Zwecken wieder in die Wände eingelassen.
So entsteht der Eindruck einer Holzkonstruktion, obwohl das Gewicht des Gebäudes eigentlich auf den Schultern des Betontragwerks lastet. «Eine knifflige Lösung sowohl für den Baumeister als auch für den Schreiner, der dazu Schalungen auf Mass anfertigen musste», sagt Lüscher.
34 Meter Dekoration aus Backstein
Doch das ist bei Weitem nicht der einzige Teil der «Wohnfabrik», bei dem es Architektur, Sicherheit und die Interessen der Denkmalpflege unter einen Hut zu bringen galt.
Finden musste man sich auch bei der Dachkonstruktion, die neu von speziellen Aufbauten mit Fenstern durchzogen ist. Zwar gab es sie zwischenzeitlich auch im alten Gebäude, nicht aber im Originalbau aus dem 19. Jahrhundert, der für die Denkmalpflege relevant war. Doch ohne sie wäre das oberste Geschoss zu finster und somit nicht bewohnbar gewesen.
Bestehen bleiben musste nicht zuletzt der 34 Meter hohe, markante Industriekamin. «Er hatte nach einem Blitzeinschlag Schaden davongetragen», erzählt Lüscher, «deshalb mussten wir die obersten sechs Meter abtragen und neu aufbauen.»
Dafür waren die passenden Klinkersteine nötig. Fündig wurde man in Winterthur. Sie mussten ebenso nah am Original sein wie die Sandsteinelemente, die an mehreren Stellen des Baus vorkommen.


Einer Frischekur unterziehen will die Bauherrin zudem das ursprüngliche Heizhaus, das am Fusse des Kamins steht. Was daraus genau wird, ist noch nicht klar. Denkbar wären laut CEO Ralf Staub beispielsweise Atelierräume oder Wohnungen.
Absprachen mit den Behörden, Speziallösungen, Unvorhergesehenes – all das treibt auch die Baukosten in die Höhe. Wie viel die Zürcher Immobilienfirma investiert und wie viel teurer das Ganze dadurch wird, will sie nicht verraten. Klar ist aber, wie Staub sagt: «Es ist unter dem Strich teurer als angedacht.»
Wohnungskauf oder Selbstwahlbuffet?
Auch die Käufer konnten sich ihre Wohnung mehr kosten lassen – indem sie ihr Stück Spinnerei individuell konfigurierten. Wer sich früh genug an die Bauherren wandte, durfte viel mitbestimmen. Angefangen bei den Einrichtungslinien, die analog einem Autokauf variiert werden konnten, jedoch alle gleich viel kosteten.
Wie weit individuelle Wünsche möglich waren, zeigt Lüscher am Beispiel einer Grosswohnung, die aus zwei aneinandergehängten Wohneinheiten besteht. «Sie ist darauf ausgerichtet, dass daraus bei Bedarf zwei Einzelwohnungen werden können.» Aus statischen Gründen ist diese XXL-Wohnung aber ein Unikat.
Bis in der Spinnerei die Schlüssel übergeben werden, muss noch einiges an Arbeit geleistet werden. Neben dem Innenausbau fehlen etwa noch die Balkone und die Podeste, die wie eine Art Plattform über den Kanal ragen. Dann erst ist die Metamorphose abgeschlossen, und die einstige Spinnerei entpuppt sich als Wohnblock.
