Der Biber sorgt in Uster für Freude – aber nicht nur
Tiersichtungen in Uster
Die Meldungen zu Bibern in Uster nehmen zu. Die gern gesehenen Gäste zeigen sich entlang den Bächen. Und obwohl der Platz knapp wird, dürften sie sich noch weiter ausbreiten.
Es ist Morgen in Uster, der Himmel bewölkt. Paul Brändli macht einen Spaziergang und kommt beim Zellweger-Weiher zwischen dem Greifensee und dem Stadtzentrum vorbei. Plötzlich sieht er, wie zwei Biber miteinander schwimmen. Er beobachtet sie eine Weile.
Einen Tag später geht Brändli wieder an derselben Stelle vorbei. Dieses Mal hat er aber die Kamera dabei. Und tatsächlich hat er nochmals Glück. Die beiden Biber drehen gemütlich ihre Runden. «Ich habe gesehen, wie sie miteinander spielen. Einmal sind sie auch im Kreis geschwommen und haben sich umarmt», erzählt der Ustermer Tierfreund.
Er nimmt die Kamera und macht gleich ein paar Aufnahmen. Das Objektiv hat einen grossen Zoom, weshalb er die Biber bildfüllend filmen und fotografieren kann. Die Biber lassen sich davon nicht stören. Brändli lädt die Aufnahmen anschliessend auf Youtube.
«Leider habe ich die Biber seit den Aufnahmen nicht mehr gesehen.» Brändli ist pensioniert und geht zwei- oder dreimal in der Woche zum Zellweger-Weiher. Er beobachtet sonst gerne Vögel. Ab und an kommt es zu Begegnungen mit dem Biber. Über mehrere Wochen hat er zwei Bibern auch schon am Greifensee regelmässig zuschauen können.
Was suchen Biber im Zellweger-Weiher?
Wir zeigen die Aufnahmen Caroline Nienhuis, der Geschäftsführerin der Fornat AG – der Biberfachstelle des Kantons Zürich. «Das waren wahrscheinlich zwei erwachsene Biber», sagt sie. Junge Biber seien nie allein unterwegs. «Zudem sind die Jungen kleiner und haben ein anderes Fell.» Sehr wahrscheinlich handle es sich hier um ein Männchen und ein Weibchen. Allerdings könne man das auf den Aufnahmen nicht erkennen.
Biber seien entweder allein oder zu zweit als Paar unterwegs. Wenn sie Junge haben, bleiben diese für rund eineinhalb Jahre bei den Eltern. Danach müsse sich der Nachwuchs ein eigenes Revier suchen. Zu diesem Zeitpunkt sei er bereits relativ gross.
Der Biber breitet sich aus
Es ist nicht das erste Mal, dass Biber beim Zellweger-Weiher gesehen werden. Wie Nienhuis sagt, hat die Biberfachstelle bereits im Jahr 2016 eine Meldung erhalten, dass dort jemand einen Biber entdeckt hatte. Nach aktuellem Stand ist beim Weiher aber noch kein Biber ansässig geworden.
Vor zwei Jahren führte die Schweiz ein sogenanntes Bibermonitoring durch. Freiwillige liefen an Bächen, Flüssen und Seen entlang. Viviane Magistra Balz, stellvertretende Geschäftsführerin der Greifensee-Stiftung, leitete damals das Monitoring im Kanton Zürich und in drei weiteren Kantonen.
«Wir suchten nach Biberspuren wie angenagten Ästen und Bäumen.» Anhand dieser Spuren weiss man, wo sich die Biberreviere befinden.
Wie viele Biber leben in einem Revier?
In jedem Revier lebt mindestens ein Biber. In diesem Fall spricht man von einem Einzelrevier. In einem Paarrevier sind jeweils zwei erwachsene Biber. Haben sie jedoch Junge, wird es zum Familienrevier. Je nachdem, wie gross der Nachwuchs von einem Biberpaar ist, können in einem Revier bis zu sechs Biber leben.
Zurzeit gibt es sechs Biberreviere am und rund um den Greifensee; im Kanton Zürich sind es 133 Reviere und schätzungsweise 441 Biber. 62 Prozent der Biber leben in Flüssen und Bächen. Vom Greifensee aus verbreitet sich der Biber nun über die Gewässer in Richtung Pfäffikersee. Ein Biberrevier befindet sich bereits dort.
Im Kanton Zürich hat sich die Population der Biber seit dem Jahr 2008 verdreifacht. Die Zahl der Biber und ihrer Reviere blieb aber zwischen 2020 und 2022 stabil. Das liegt vor allem daran, dass die Gebiete im Norden des Kantons bereits stark besiedelt sind.
In Uster selbst gibt es zwei Reviere. Eines davon befindet sich beim Aabach, eines beim Tiefenbach, der auch Riedikerbach genannt wird. «Wir gehen davon aus, dass sich der Biber in dieser Region weiter ausbreitet», sagt Nienhuis von der kantonalen Biberfachstelle. Es sei gut möglich, dass die Biber weiter ins Stadtzentrum vorrückten.
Bereits Anfang März meldete sich ein Leser bei dieser Redaktion. Er hatte bei der s’ teckt Brüggli genannten Brücke, die über den Aabach führt, einen angenagten Baum entdeckt. Diese Stelle befindet sich unweit vom Zellweger-Weiher stadteinwärts.
«In den letzten drei Jahren haben die Meldungen zum Biber stark zugenommen», sagt Philipp Jucker, Leiter Natur, Land- und Forstwirtschaft der Stadt Uster. Teils melden die Einwohnerinnen und Einwohner, dass sie den Biber gesehen haben, teils gibt es Probleme, weil der Biber Schäden angerichtet hat.
Dämme und Überschwemmungen
«Biber bauen als Unterschlupf Höhlen. Der Eingang befindet sich jeweils unter Wasser. Er gräbt sich dann unterirdisch zum Ufer und nach oben», erklärt Magistra Balz von der Greifensee-Stiftung. Der Eingang der Höhle muss sich dafür unter Wasser befinden. Ist das nicht der Fall, bauen sie einen Damm. Der Wasserspiegel steigt.
Die Biber wählen für ihre Höhlen einen Ort, an dem sie genügend Fressen finden. «In der kalten Jahreszeit nagen die Biber vermehrt an Bäumen, denn die Rinde der Triebe und die Knospen stellen im Winter eine der wenigen Nahrungsquellen der Biber dar», sagt Magistra Balz. Im Sommer ernähren sich die Nager von Blättern und Kräutern. Magistra Balz zeigt auf eine Stelle beim Aabach, wo ein Haselbaum steht: «Hier sieht man immer wieder Biberspuren.»
Bauen Biber Dämme, kann es zu Überschwemmungen kommen. Das war beim Tiefenbach vor zwei Jahren der Fall. Boden, den Landwirte nutzten, wurde geflutet. Daraufhin trug die Biberfachstelle den Damm etwas ab und installierte einen Elektrozaun. Dadurch soll der Biber den Damm nicht mehr erhöhen können.
Wird es aber gefährlich, ergreift der Kanton Massnahmen. Will der Biber beispielsweise Bäume für seinen Damm in der Nähe von Spazierwegen umlegen, dürfen Zäune um die Stämme montiert werden. Grundsätzlich gilt aber: Der Biber zählt in der Schweiz zu den geschützten Tierarten. Dementsprechend darf man auch seinen Lebensraum nicht beschädigen.
Wenn ein Biber durch den Bau eines Damms Schäden verursacht, kann eine der folgenden Massnahmen getroffen werden:
- Damm absenken und Bäume mit einem Elektrozaun versehen.
- Drainage (Rohre werden durch den Damm gebaut, damit der Wasserpegelstand nicht weiter steigt).
- Damm entfernen.
Der Förster der Natur
Fällt der Biber Bäume, fällt das der Bevölkerung schnell auf. In Uster bemerkte die ehemalige Gemeinderätin Karin Niedermann Schneider (SP) bei einem Sonntagsspaziergang, dass Biber bereits viele Bäume am Greifensee abgeholzt hatten: «Nicht nur dünne Baumstämme, sondern auch gestandene Baumkaliber werden von ihnen bearbeitet und sind gefallen oder werden bald fallen.»
In einer Anfrage vom März dieses Jahrs an den Stadtrat stellt sie deshalb fünf Fragen. Sie interessiert es unter anderem, wie der Stadtrat zwischen dem Biber- und dem Landschaftsschutz abwägt. Die Antwort lautet: «In einem Naturschutzgebiet werden Bäume nicht vor dem Biber geschützt.» In Erholungszonen oder bei der Gefährdung von Menschen und der Infrastruktur darf der Kanton aber Bäume schützen.
Den Biber regulieren
Bundesrat Albert Rösti will die Verordnung im Jagdgesetz anpassen. Demnach sollen neu die Kantone den Biber zum Abschuss freigeben können, wenn er «erheblichen Schaden anrichtet oder Menschen gefährdet». Das Schiessen soll aber immer die letzte Option sein.
Wie Magistra Balz sagt, reguliert sich der Biber eigentlich von selbst: «Sind alle Biberreviere in einem Gebiet besetzt, kommt es zu Kämpfen unter den Tieren.» Das komme vor, wenn die zweijährigen Biber von ihren Eltern vertrieben würden und auf der Suche nach einem eigenen Revier bereits besetzte Biberreviere durchquerten. Die Tiere verletzen sich im Kampf und sterben teils daran. «Zudem haben die Weibchen weniger Junge, wenn es mehr Konflikte gibt.»
Rund um den Greifensee gibt es aber noch genügend Platz für weitere Biber. Aktuell dürfte der eine oder andere junge Biber auf der Suche nach einem neuen Revier sein. Dass Biber vermehrt in der Stadt zu sehen sein werden, ist realistisch. Weil die Tiere nachtaktiv sind, geht man am besten am frühen Morgen oder am späten Abend auf die Suche. Im Herbst sollten dann auch die frisch erwachsenen Biber ein Zuhause gefunden haben.