Ein Besucherspektakel: Kran hebt Betonkoloss über den Aabach
Bald wieder für alle befahrbar
Baukino in Uster: Ein riesiger Raupenkran hebt eine 230 Tonnen schwere Brückenplatte über den Aabach. Das lockte die Nachbarschaft aus ihren Häusern. Mit Popcorn verfolgte sie das Spektakel.
8.15 Uhr: Ein 30 Meter langer und 12 Meter breiter Stahl- und Betonkoloss steht auf dem Rasen neben der Seestrasse in Uster. Es ist die 230 Tonnen schwere Brückenplatte, die Niederuster und den Greifensee wieder verbinden soll. Daneben steht unübersehbar ein Raupenkran. Ganze 650 Tonnen wiegt der Riese. Er soll in wenigen Stunden die Brückenplatte anheben und über den Bach platzieren.
Die alte Brücke
Die Aabachbrücke wurde im Jahr 1964 gebaut. Mittlerweile liegt die letzte Instandsetzung 25 Jahre zurück. 2022 überprüfte der Kanton Zürich, in welchem Zustand die Verbindungsbrücke ist. Dabei entdeckten sie Mängel, die behoben werden mussten. Die Brücke war für schwere Autos nicht mehr sicher. Es gab nur noch eine befahrbare Spur für bis zu 7,5 Tonnen schwere Fahrzeuge. Deshalb musste eine neue Brücke her. Im April dieses Jahres starteten dafür die Bauarbeiten. Das Projekt kostet 3,9 Millionen Franken.


Ein paar Bauarbeiter stehen auf der Brückenplatte und montieren eine Vorrichtung: Ein blaues Gerät, das aus mehreren Seilen und einem Haken besteht. Dieses Gerät verbindet das Brückenelement mit den Seilen des Krans. «In den Seilen hat es Ausgleichspressen. Damit können wir einstellen, wie viel Kraft an welchem Seil hängt», sagt Severin Aschwanden, Geschäftsführer des Ingenieur-Büros Aschwanden & Partner, der die Brücke geplant hat. Wichtig sei, dass sich das Gewicht auf alle vier Seile verteilt.

Dass an diesem Tag gleich die Brückenplatte am Stück eingesetzt wird, ist untypisch. «Normalerweise baut man Brücken in zwei Schritten», erklärt Aschwanden. Dafür würde man eine Seite der Brücke sperren und den anderen Teil erneuern. Nach Fertigstellung wechseln die Seiten. «Das war hier aber nicht möglich, weil aus statischen Gründen bereits nur eine Spur in der Mitte befahren werden durfte.»
9 Uhr: Die ersten neugierigen Zuschauerinnen und Zuschauer haben sich zur Baustelle gesellt. Sie stehen nahe am Gitter und schauen gespannt den Bauarbeitern auf der Platte zu. Einige haben auch gleich ihren Campingstuhl mitgenommen – eine gute Idee, wie sich zeigen wird. Denn bis zum Anheben der Platte dauert es noch eine Weile.


9.30 Uhr: Gut zwanzig Leute haben sich bei der Baustelle versammelt. Die meisten wohnen in der Umgebung und wollten sich das Spektakel nicht entgehen lassen. Die Baustelle scheint wie stillgelegt, kein Kran bewegt sich, die Leute schauen aber immer noch gespannt zu.
Die alte Brücke ist bis auf den Unterbau zurückgebaut und hatte ein Gewicht von gut 700 Tonnen. Und obwohl die neue Brücke mit ihren 540 Tonnen um rund 160 Tonnen leichter ist, mag sie letztlich mehr Gewicht tragen. Auf beiden Spuren sollen alle auf den Strassen zugelassenen Fahrzeuge fahren können.
10.15 Uhr: Endlich geht es los. Die Zuschauenden mussten gut zwei Stunden auf das Spektakel waren. Der grosse Raupenkran zieht die Seile langsam nach oben. Zwei weitere Kräne heben zeitgleich die grossen blauen Haken, welche die Brückenplatte und die Seile des Krans verbinden. Der Kranführer hebt die Seile aber nur etappenweise. Auf der Platte stehen noch Bauarbeiter, die sich absprechen.

10.25 Uhr: Gut 90 Leute haben sich um die Baustelle versammelt. Rund um die Brücke werkeln gut 20 Bauarbeiter. Zwischen den Zuschauenden läuft alle paar Minuten jemand vorbei, der Popcorn und Wasser anbietet. Das Architektenbüro hat extra für diesen Tag eine Popcorn-Maschine organisiert.

10.45 Uhr: Die beiden kleineren Kräne schwenken weg; sie werden nicht mehr gebraucht. Der Fokus liegt nun ganz auf dem Raupenkran.
10.50 Uhr: Die Seile am Kran spannen sich langsam.
11 Uhr: Die Brückenplatte steht noch am Boden. Eine Handvoll Bauarbeiter beraten sich.
11.15 Uhr: Es geht los. 230 Tonnen heben vom Boden ab.
11.20 Uhr: Die letzten Bauarbeiter verlassen die Brückenplatte über eine Leiter.
11.25 Uhr: Der Kran zieht das Brückenelement weiter hoch. Rundherum beobachten mehrere Bauarbeiter, ob sich die Holzbalken, auf denen die Platte aufgebaut war, von alleine lösen. «Es hat sich der ganze Schalungs-Unterbau gelöst. Das hat wunderbar geklappt», sagt Aschwanden. Die Brücke hängt nun in gut 10 bis 15 Metern Höhe. Die Zuschauenden laufen zur anderen Bachseite, um das Einsetzen der Brückenplatte zu beobachten.

11.30 Uhr: Bauarbeiter stellen Gitter zwischen die Zuschauenden und den Aabach. Über 110 Personen blicken gespannt nach oben. Die meisten filmen den Kran mit ihrem Handy. Von unten sehen sie die Stahlträger, welche die Platte trägt. Zwei Seile sind an der Brücke befestigt. Zwei Bauarbeiter lehnen sich mit ihrem Körper in die Seile. Sie sorgen dafür, dass die Platte richtig ausgerichtet in die Grube heruntergelassen werden kann.
11.45 Uhr: Die Brücke berührt die Baumspitzen, über die sie gehoben wird.

11.50 Uhr: Die Platte nähert sich langsam den Pfeilern, auf denen sie abgesetzt werden soll. Immer wieder ist das Knacken von den Ästen hörbar, welche die Brücke beim Herunterlassen mitnimmt.
11.53 Uhr: 50 Zentimeter vor dem Boden ist vorerst Schluss. Die Brücke wippt leicht auf und ab. Zwei Bauarbeiter lehnen sich an den Betonkoloss; sie muss zuerst passgenau ausgerichtet werden. Ein Grossteil der Leute hat damit genug gesehen und geht.
Die Brückenplatte platzieren die Bauarbeiter über vier Widerlagern. Diese tragen das ganze Gewicht. Aschwanden: «Die Widerlager mussten wir instandsetzen, weil sie von Rost befallen waren.» Dieser entsteht durch das Salzen der Strassen im Winter. Spezialisten entfernten deshalb den befallenen Beton. Danach gossen sie wieder neuen Beton darüber.
12 Uhr: Erstes Hämmern ist zu hören. Dann ist es wieder ruhig.
«Die Brückenplatte müssen wir ganz genau einsetzen. Es geht hier um eine Genauigkeit von zwei bis drei Zentimetern», sagt Aschwanden. Die Platte immer wieder hoch- und herunterzufahren, würde die Brücke zu stark belasten.
12.36 Uhr: Die Brückenplatte liegt nun auf dem Unterbau – auf den Zentimeter genau. Die Zuschauenden, die bis dahin ausgeharrt sind, applaudieren. «Es hat alles genau so funktioniert, wie wir es uns vorgestellt haben», sagt Aschwanden stolz. Ein älterer Mann schüttelt ihm die Hand und gratuliert. In den nächsten sechs Wochen werden die Arbeiter eine weitere Schicht Beton auf die Brückenplatte giessen. Wenn alles klappt, ist der Bau Mitte Juli abgeschlossen.
