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Tösstaler Waschweiber durften den feinen Herren nicht zuschauen

Als der Reitverein Tösstal vor 150 Jahren gegründet wurde, tickten Uhren und Menschen noch anders. Ein Rückblick auf eine bewegte Zeit.

Die Tösstaler Reiter waren von den 1970er bis zu den 1990er Jahren erfolgreich an den OKV-Equipenprüfungen. (Archiv)

Foto: Werner Wüthrich

Tösstaler Waschweiber durften den feinen Herren nicht zuschauen

150 Jahre Reitverein Tösstal Teil 1

Einer der grössten Reitvereine der Region Ostschweiz feiert Geburtstag – und kann auf bewegte 150 Jahre zurückblicken. Einige Anekdoten zum Schmunzeln und Staunen.

«In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg unterhielt man einen Reitverein nicht aus reinem Spass an der Geselligkeit», sagt Heidy Dietiker. Sie ist seit über 40 Jahren Aktivmitglied im Reitverein Tösstal und wurde mit der Aufgabe betraut, in einer Chronik die 150-jährige Vereinsgeschichte aufzuarbeiten. Das fertige Werk wird sie an der Jubiläumsfeier vom 8. Juni der Öffentlichkeit präsentieren.

Im Jahr 1874 gründeten 15 Tösstaler den Reitverein Tösstal mit dem Zweck, sich regelmässig für militärisches Schulreiten zu treffen. Das weiss die ehemalige Wildbergerin aus Überlieferungen. Sprich: Die Kavalleristen mussten sich und ihre Pferde im Alltag fit halten, um für die Wehrpflicht und den Frontdienst vorbereitet zu sein. Es galt auch, Pflichtübungen zu absolvieren. Denn an der Front sollte jedes einzelne Reiterpaar als eingespieltes Team funktionieren.

Erinnerungen eines ehemaligen Dragoners

Dass die Wehrpflicht des berittenen Militärs sehr intensiv und kräftezehrend war, weiss der Turbenthaler Werner Wüthrich aus eigener Erfahrung. «Wenn wir ausrückten, verbrachten wir unzählige Stunden pro Tag im Sattel», plaudert er aus dem Nähkästchen. «Zwischendurch tränkten und fütterten wir unsere Pferde und biwakierten in den Wäldern.» In dieser Zeit sei eine sehr enge Bindung zum «Kamerad Pferd», aber auch unter den Kavalleristen entstanden.

«Man fühlte sich privilegiert, wenn man bei der Aushebung für die Kavallerie ausgewählt wurde», erinnert sich Wüthrich. Nach Abschluss der Rekrutenschule konnten die Kavalleristen das vom Militär zur Verfügung gestellte «Depotpferd» ersteigern.

Auch Werner Wüthrich erstand damals seinen «Eidgenossen», wie die Militärpferde damals genannt wurden. Nach der Abschaffung der Kavallerie 1972 bestritt er mit Kellogg, wie sein Pferd mittlerweile hiess, viele Dragonerwettkämpfe und bildete sich zum Parcoursbauer weiter. Das Parcoursbauen machte ihn bis über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Unter anderem war er auch mehrmals am internationalen Springturnier CSIO St. Gallen im Einsatz.

Seit 1973 ist Wüthrich Mitglied im Reitverein Tösstal. «Eine lange Zeit, in der ich viel erlebt habe», sagt er zu den stetigen Veränderungen im Reitsport. Denn auch hier gelte wie überall «immer höher, weiter, besser». Doch als unverändert bezeichnet er den Zusammenhalt im Reitverein Tösstal. «Diese gemeinsame Freude am Pferdesport verband damals wie heute die Mitglieder», schwärmt er.

In den Anfängen des Vereins war dies jedoch vorrangig Offizieren und einflussreichen Textilfabrikanten vorbehalten: «Der neu gegründete Reitverein hatte unter den Tösstalern damals den Ruf, nur für die feinen Herren zugänglich zu sein», erzählt Heidy Dietiker.

Aus handschriftlichen Sitzungsprotokollen geht hervor, dass der Bau eines Reitplatzes bereits an der zweiten Sitzung ein Thema war. Aus Kostengründen war eine geschlossene Reithalle keine Option. So habe man sich für eine offene Bahn mit schräger Brettereinwandung entschieden, «damit die neugierigen Tösstaler Waschweiber den Herren nicht beim Reiten zuschauen konnten», zitiert Dietiker lachend aus dem Protokoll.

Man sieht ein handgeschriebenes Protokoll einer Sitzung.
Historische Schriften: ein handgeschriebenes Protokoll von 1874. (Archiv)

Männer, die nicht der Kavallerie angehörten, durften dem Verein nur beitreten, wenn sie ein eigenes Pferd besassen. Zudem mussten sie an der Versammlung durch absolutes Stimmenmehr gewählt werden.

Obschon einer der ersten Reitvereine in der Region, kann der Tösstaler nicht als «Vorreiter» gezählt werden: Der Ostschweizer Kavallerie- und Reitverband (OKV) wurde bereits 1856 gegründet, führte schnell einmal die Forderung eines Jahresbeitrags ein und animierte Vereine, diesem Dachverband beizutreten. «Die Tösstaler sträubten sich zunächst vor diesem Schritt», sagt Dietiker. «Sie wollten sich nicht kontrollieren und dreinreden lassen.»

Das sollte sich ändern. Genauso wie die elitäre Auswahl der Mitglieder: 1888 war die Gemeinde Turbenthal dem Bankrott nahe. Auch der Reitverein war in Geldnöten. Entsprechend lockerte man die Aufnahmebedingungen. «Nun konnten neben Offizieren auch ‹gewöhnliche› Dragoner beitreten.»

Aufbruch in eine neue Ära

Die Schriften belegen, dass nach dem Ersten Weltkrieg ein regelrechter Trend zu spüren gewesen sein muss, das Interesse am Reitsport stieg schlagartig. «Viele wollten nun auch sportlich reiten lernen», erklärt Dietiker. «Damit veränderte sich der Springstil – von der extremen Rücklage ins pferdegerechte ‹Mitgehen› über einem Hindernis.»

Zwar verfügten die Tösstaler seit 1882 über eine geschlossene Reithalle – doch neugierige Waschweiber mussten sie damit nicht mehr fernhalten, denn 1957 wurden die ersten beiden Frauen im Reitverein aufgenommen.

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