Wenn drei Kindergärten und ein altes Schulhaus verkauft werden
Immobilien verschachern
Weisslingen baut einen neuen Kindergarten. Für die Finanzierung müssen dafür vier ältere Gebäude verkauft werden. Verscherbelt die Gemeinde damit wertvolle Liegenschaften?
Ende Februar feierte die Gemeinde Weisslingen den Spatenstich für den neuen Kindergarten Schmittenacher. Dieser liegt zentral und bietet Platz für alle Kinder in Weisslingen und den zwei Weilern Neschwil und Theilingen. Doch der Neubau hat seinen Preis: Um diesen zu finanzieren, will die Gemeinde drei weniger zentral gelegene Kindergärten und ein altes Schulhaus in Neschwil verkaufen.
«Um die Kindergärten und das Schulhaus weiterzubetreiben, wären die Unterhaltskosten zu hoch gewesen», sagt Pascal Martin (SVP), der Weisslinger Gemeindepräsident. Zudem hätte die Gemeinde alle Kindergärten in den nächsten Jahren sanieren müssen. So wurde das Geschäft den Wisligern damals für die Urnenabstimmung vorgeschlagen, und sie haben dem zugestimmt.
Die vier grosszügigen Liegenschaften sind nun seit Anfang März auf Homegate ausgeschrieben. Sie werden im Bieterverfahren an die Meistbietenden verkauft. Der Mindestverkaufspreis des Kindergartens an der Hintergasse beträgt zum Beispiel 1'850'000 Franken, das Haus in Theilingen ist für 1’550 000 Franken ausgeschrieben.
Doch verscherbelt die Gemeinde damit nicht wertvolle Immobilien der öffentlichen Hand? «Das ist so, als verschachere die Gemeinde ihr Tafelsilber», sagt eine Raumplanerin und Architektin, die sich die Bilder auf Homegate angeschaut hat und ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte.
Es sei schade, wenn eine Gemeinde ihre Häuser weggeben müsse. Man dürfe in alten Häusern nicht nur schnelle Einnahmen sehen, sondern durchaus auch den Wert, den diese Liegenschaften in ein paar Jahren aufweisen könnten, wenn man mit Bestand baute.
Gemeindepräsident Martin rechnet damit, dass die vier Gebäude 5 Millionen Franken in die Gemeindekasse spülen, das träfe sich gut, denn der neue Kindergarten kostet 4,5 Millionen Franken. «Dieses Geld haben wir schon ausgegeben», so Martin. Zurückkrebsen kann die Gemeinde also nicht. «Wir haben von Anfang an transparent gemacht, dass wir die Häuser verkaufen müssen, wenn wir den neuen Kindergarten Schmittenacher bauen.»
Nicht mehr zeitgemäss
Der Schulalltag habe sich sehr verändert. «Wir brauchen andere Aufteilungen der Räumlichkeiten, sie entsprechen schon lange nicht mehr dem aktuellen Lehrplan 21», so Martin. Oft reiche ein einziger Schulraum für eine Klasse zum Beispiel nicht mehr aus. Klassenassistenzen, Deutsch als Zweitsprache und die Logopädie müssten weitere Räume haben, um die schwächeren Kinder separat zu unterrichten.
Nur sieht das Vorgehen der Gemeinde momentan noch etwas nach einem Perpetuum mobile aus. Denn erst muss der neue Kindergarten gebaut werden, bis die drei Kindergärten Hintergasse, Burggasse und Theilingen umziehen können. Die Kindergärten sind jetzt alle noch bis Ende des Schuljahrs in Betrieb. Die Häuser möchte man jedoch jetzt schon verkaufen.
Das alte Schulhaus in Neschwil bildet da die Ausnahme. Dort hat sich im ehemaligen Schulraum nun eine Tierphysiotherapeutin eingemietet. In den Räumen oberhalb der Klassenzimmer befinden sich zusätzliche Mietwohnungen. «Die Mietverträge bleiben bestehen», sagt Katya Gallina, die Immobilienverwalterin der Gemeinde. «Die Käufer können dann selber entscheiden, was sie mit den Mietverträgen machen möchten.» Das bedeutet für die jetzigen Mieterinnen und Mieter noch eine gewisse Unsicherheit, was passieren wird.
Wer könnte so ein Bijou wollen?
Katya Gallina kann sich gut vorstellen, dass sich Käuferinnen oder Käufer finden, die zum Beispiel ein Yoga- oder Pilatesstudio betreiben möchten. Vor allem für die Standorte Hintergasse oder Burggasse. An der Burggasse gibt es eine grosse Terrasse, da wäre es auch denkbar, ein Café einzurichten.
Die Gemeinde will die Häuser jedoch nicht selber anderweitig umbauen und nutzen. «Uns fehlen ganz einfach die finanziellen Mittel», sagt der Gemeindepräsident und verweist auf die ungesunden Finanzen der Gemeinde Weisslingen. Die Sanierung des alten Sekundarschulhauses stehe zum Beispiel neben der Instandhaltung des 40-jährigen Hallenbads auch noch an.
Wer das alles bezahlen soll, steht also in den Sternen. Erst im Dezember 2022 hat die Stimmbevölkerung von Weisslingen ohne Murren einer satten Steuerfusserhöhung um zehn Prozentpunkte zugestimmt. Eine weitere Erhöhung der Steuern scheint damit ausgeschlossen.
Ein emotionales Geschäft mit schützenswerten Bauten
«Klar ist Wehmut da», sagt Martin beim Gedanken, dass sich die Gemeinde von den Häusern trennen will. Auch seine Frau habe noch den Kindergarten Hintergasse besucht. Ein kleiner Wermutstropfen sei jedoch, dass die Häuser von aussen nicht gross verändert werden dürfen. Sie sind nämlich im Inventar der schützenswerten kommunalen Bauten gelistet. Das heisst, an den Gebäuden darf nicht gross angebaut werden. «Aber ich bin überzeugt, dass sich Liebhaberinnen und Liebhaber von solchen Objekten finden lassen», sagt Martin.
Zum Beispiel bietet der Kindergarten in Theilingen Umschwung. Auch eine Landreserve von 600 Quadratmetern gehört dazu. Diese darf jedoch nicht bebaut werden. Nach einer Wohnungsbesichtigung ist ein Interessent mit seiner Familie vor Ort, er studiert den Grundriss des Hauses und fragt sich, wie hoch man hier bauen dürfte – und ob man überhaupt anbauen dürfte.
So genau hat das die Gemeinde Weisslingen aber vorgängig nicht prüfen lassen. «Die Planung ist Sache der Käuferinnen und Käufer», sagt Gallina. Auch hier wollte Weisslingen nicht investieren und jetzt schon Fachpersonen einbeziehen.
Bei der Ausschreibung auf Homegate zur Burggasse steht hingegen: «Das trapezförmige Grundstück mit unkomplizierter, leicht geneigter Topografie ist sehr gut bebaubar.» Da dieses Haus in der Zentrumszone stehe, dürfte hier mehr möglich sein, erklärt Katya Gallina.
Sind die Häuser also für Käuferinnen und Käufer lukrativ? Architekt Matthias Reifler beschäftigt sich mit Häusern aus dem Zürcher Oberland. Er schätzt alle vier Objekte als attraktiv ein: «Einige liegen am Rand der Bauzone, was sehr gesucht ist, andere liegen im Zentrum eines Weilers und haben dadurch fast schon repräsentativen Charakter.»
Jedoch fügt er an, dass der Wert einer Liegenschaft sich nach dem Potenzial und den Zustand des Gebäudes richte – auch nach den Erweiterungsmöglichkeiten. «Diese Potenziale schätze ich als eher gering ein.»
Siedlungsdruck auch in Weisslingen
Man müsste dabei auch die planerischen Visionen der Gemeinde anschauen. Wie soll Weisslingen in ein paar Jahren aussehen? Die Gemeinde ist geografisch im Einzugsgebiet von Winterthur und steht auch unter einem gewissen Siedlungsdruck.
Der Gemeindepräsident sieht das anders: «Wir werden nicht so schnell weiterwachsen, wie ein Dorf, das ans S-Bahn-Netz angeschlossen ist», sagt Martin. Momentan hat Weisslingen 3458 Einwohnerinnen und Einwohner. Das sind 250 mehr als noch vor zehn Jahren.
Nach der Wohnungsbesichtigung bei Theilingen kreuzt die Nachbarin Johanna Roos den Weg. Ihr jüngster Enkel geht in Theilingen noch in den Kindergarten. «Wir haben uns gegen die Zentralisierung gewehrt», sagt sie. Was ihr am meisten zu schaffen macht, ist der Spielplatz vor dem Kindergarten. «Das ist der letzte Dorfspielplatz, den wir in Theilingen haben.» Ob die neuen Käuferinnen und Käufer den Spielplatz in der Form beibehalten werden, ist eher unwahrscheinlich.
Falls die Verkäufe stattfinden, darf der Souverän an der Urne darüber abstimmen. Der Verkauf von gemeindeeigenen Liegenschaften ab 1,5 Millionen muss mit einer Volksabstimmung bewilligt werden. «Wir hoffen, dass wir dann alle vier Häuser direkt zusammennehmen können, was den Prozess vereinfachen und beschleunigen würde», sagt Martin.
Weitere Wohnungsbesichtigungen
Die Objekte sind bis Ende April ausgeschrieben, man wolle abwarten, wie es sich entwickle. «Wir warten jetzt mal die Offerten und Anfragen ab», sagt Martin. Sollte nicht für alle Objekte ein Angebot vorliegen, werde im Gemeinderat das weitere Vorgehen beraten. Sicher sei jedoch, dass die Gemeinde die Objekte nicht selber weiternutzen wolle.
