Bezirk Hinwil

Bezirk Pfäffikon

Bezirk Uster

Tösstal

Themen

Specials

Services

ZO Portale

Abo

Gesellschaft

In diesem Veloladen kauften bereits die Tösstaler Industriearbeiter ein

Vom Industriezeitalter zur Erfindung des Mountainbikes: Der Laden in Kollbrunn ist ein Generationen-Projekt. Ist Konstanz sein Erfolgsrezept?

Christian (links) und Walter Morof im Velogeschäft in Kollbrunn. Heute steht der Verkauf von E-Bikes im Vordergrund.

Foto: Dominik Landwehr

In diesem Veloladen kauften bereits die Tösstaler Industriearbeiter ein

Traditionsgeschäft in Kollbrunn

Seit drei Generationen betreibt die Familie Morof an der Dorfstrasse 9 in Kollbrunn ein Velogeschäft. Walter und Christian Morof nehmen uns mit auf eine Zeitreise in die Tösstaler Geschichte.

Dominik Landwehr

Das Gespräch mit Christian Morof war schon lange geplant – am besten einmal im Winter, wenn nicht viel los ist. Aber heute ist alles anders: «Die Leute fahren das ganze Jahr über Velo, teilweise sogar bei Schnee», sagt der Velohändler. Also gebe es diese ruhige Zeit gar nicht mehr.

Seit 2003 führt Morof den gleichnamigen Veloladen in Kollbrunn allein – in der dritten Generation. Bereits Vater Walter Morof, auch er ist beim Gespräch dabei, hatte das Geschäft von seinem Vater Paul Morof übernommen. Das war 1972.

Und von diesem Paul Morof reden wir zuerst. Er wurde 1902 geboren und starb 1975 im Alter von 73 Jahren. Bei seiner Beerdigung war die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt. «Alles war rot», schildert sein Sohn. Denn Paul Morof war überzeugter Sozialdemokrat.

Als Sohn eines Seidenwebers erlebte er zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Zürcher Oberland eine Jugend in bitterer Armut. Das hat ihn für das ganze Leben gezeichnet und ihm gleichzeitig auch eine Grosszügigkeit verliehen, die er weitergegeben hat. «Der Vater hat immer allen Geschenke gemacht», weiss der 1942 geborene Walter Morof zu berichten.

Er führte das Leben eines einfachen Mannes aus dem Tösstal, der zunächst in der Industrie seinen Lebensunterhalt verdiente und später sein Geschick für ein eigenes Geschäft entdeckte. Gleich nach der Schule arbeitete er am Stauwerk im Wägital, das zwischen 1922 und 1926 gebaut wurde. Später ging er zu Sigg nach Frauenfeld, 18 Jahre lang arbeitete er bei Sulzer in Winterthur und 1957 bis 1966 bei der Firma Berchtold in Kollbrunn.

Das Velo, des Arbeiters Freund

Schon während des Zweiten Weltkriegs betrieb Paul Morof eine kleine Werkstatt im Nebenberuf und reparierte Velos – im sogenannten Steinhäldeli, ganz in der Nähe des heutigen Ladens. 1946 zog er mit der Familie an die Dorfstrasse in ein Haus mit dem Namen Florhof.

Nach einem Umbau richtete er dort 1950 für seine Frau Meta einen kleinen Trödlerladen ein, wo man vom Faden bis zum Feuerwerk alles kaufen konnte. Paul Morof reparierte in der Werkstatt nebenan Velos und Mofas, manchmal tat er dies sogar gratis.

Altes Haus
In diesem Haus im Kollbrunner Steinhäldeli flickte Paul Morof die Velos aus der Gemeinde.

Mit der Zeit begann er auch mit dem Verkauf von Velos und Töffli. Das Velo war für die Industriearbeiter von Kollbrunn damals das wichtigste Verkehrsmittel, manchmal kaufte sich der eine oder andere auch ein Moped oder einen richtigen Töff. Daneben gehörte sein Herz der Politik: Seit 1934/1935 war er Mitglied im Kantonsrat, seit 1938 im Gemeinderat von Zell und ab 1946 auch Gemeindepräsident.

Die Geburtsstunde des Mountainbikes

Als Walter Morof das Geschäft 1972 übernehmen konnte, hatte die Hochkonjunktur in der Schweiz ihre Spuren hinterlassen. Schon 1973 kam aber der Ölschock, und plötzlich war das Benzin nicht mehr so günstig.

Eine Chance für das Velo, das in diesen Jahren von einer ganzen Generation neu entdeckt wurde. Velos zu verkaufen, das sei damals ein Massengeschäft gewesen, erinnert sich Walter Morof. Zwar wirkt der Laden von aussen winzig – aber in guten Zeiten waren in den Lagerräumen hinter dem Haus bis zu 130 Velos an Lager.

Das hatte sich damals auch herumgesprochen. Ende der 1970er Jahre nahm etwas seinen Anfang, das den Radsport bis heute prägen sollte: In Kalifornien entwickelten Tüftler spezielle Fahrräder, um damit im Gelände herumzufahren.

Es war die Geburtsstunde des Mountainbikes, des idealen Fahrzeugs für die Schweiz mit ihren Bergen und Hügeln. Der 1963 geborene Christian Morof begeisterte sich schnell für diesen Sport. 1989 stieg er ins Geschäft ein und konnte dort gewissermassen sein Hobby zum Beruf machen. 2003 übernahm er es von seinem Vater, der sich aus gesundheitlichen Gründen zurückziehen musste.

Auffallend an dieser Geschichte ist: Keiner der drei hat den Betrieb vergrössert, keiner hat einen grossen Showroom gebaut und mehr Leute angestellt. «Ich wollte immer allein arbeiten», sagen Vater und Sohn unisono. Geblieben ist auch der Standort.

Vom erschwinglichen Drahtesel zum teuren E-Bike

Verändert hat sich aber das Geschäft. «Heute verkaufen wir fast nur noch E-Bikes», sagt Christian Morof. Um sich von Warenhäusern abzuheben, hatte man sich zunächst auf den Premium-Bereich fokussiert. «Heute produzieren aber die meisten Hersteller auch Fahrräder im unteren Preissegment, und wir führen ebenfalls solche Räder.»

Trotzdem interessant: Fanden sich in den 1990er Jahren nur ganz wenige Käufer für ein Fahrrad in der Preisklasse von 5000 Franken, so ist das im Bereich der E-Bikes fast schon normal. Der Verkauf von E-Bikes ist für Christian Morof kein Massengeschäft mehr, zu kostspielig sind die Velos.

Aufwendiger und damit teurer sind auch die Reparaturen geworden: «Früher war der Ersatz eines Bremskabels eine kleine Sache, heute ist das anspruchsvoll, und manchmal muss man dafür auch ein Radlager auseinandernehmen.»

Eine spezielle Situation ergab sich für die Velohändler in der Zeit der Pandemie: Alle wollten ein E-Bike kaufen, und der Markt war ausgetrocknet, Wartezeiten von mehreren Monaten waren die Regel, Ersatzteile eine Rarität. «Heute ist wieder alles so wie vorher, der grosse Boom ist vorbei, aber E-Bike ist heute Standard.»

Und wie sieht die Zukunft aus? «Vorläufig bin ich noch fit», sagt Christian Morof, «und mache weiter, solange ich kann.»

Der katholische Radfahrerverein: Velotouren mit Sonntagsmesse

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gingen Katholiken und Protestanten im Kanton Zürich getrennte Wege. «Diaspora» nannte man protestantische Gegenden, wo die Katholiken eine Minderheit waren. Dazu gehörte auch der Kanton Zürich. Die Katholiken organisierten sich auch in der Freizeit in eigenen Vereinen.

Das war auch im Tösstal nicht anders: 1919 gründete der Pfarrer Federer den Katholischen Radfahrerverein Kollbrunn und Umgebung, mit dabei war Paul Morof, Katholik und Sozialdemokrat.  Der Verein wurde allerdings bereits 1926 – wohl mangels Interesse – wieder aufgelöst. In den Statuten hiess es: «Der Verein bezweckt Pflege des Radfahrens unter Hochachtung der Religionspflichten. Bei allen Tourenfahrten ist die Erfüllung der Sonntagspflicht (wenigstens frühe Heilige Messe) streng vorgeschrieben.»

Pannen gehörten zum Alltag

In den Aufzeichnungen des Vereins finden sich einige interessante Erinnerungen, die Touren waren sportlich: So ging es zum Beispiel das Tösstal hoch und dann via Rapperswil nach Weesen; gestartet wurde manchmal kurz nach Mitternacht, um die anspruchsvolle Strecke zu schaffen, etwa wenn man nach Wildhaus im Toggenburg unterwegs war. Meistens fuhr man auf Naturstrassen, und Pannen gehörten zum Alltag – meist in Serie. Fünf Minuten soll das Flicken einen Schlauchs damals in Anspruch genommen haben, da hat die Erinnerung wohl ein wenig übertrieben.

Einmal wird von einer Begegnung mit einem Streik berichtet: «Nach Bauma begegneten die Fahrer einem Stück Ortspolitik. In Bäretswil machten wir einen Halt im Gasthof Bahnhof. Ebendaselbst war eine Bürgerwehr versammelt, denn wie wir weiter oben gegen Ringwil sahen, strömten von Pfäffikon, Hinwil und Wald ganze Scharen sozialistischer Demonstranten mit roter Fahne heran, um die in Bäretswil streikenden Arbeiter der Firma Schaerer und Co. im Streik zu unterstützen und zu ermutigen.»

Eine abenteuerliche Nachtfahrt

Auch über die Nachtfahrt vom 28. August 1921 findet sich ein interessanter Bericht: «Am Samstag nachts um 12 Uhr unternahmen 8 Mitglieder und ein Mitfahrer eine Velotour über Fischingen, Bütschwil, Wattwil und Nesslau nach Wildhaus. In Rikon musste man den August Attiger noch wecken. Er hatte sich verschlafen und musste mit einem Zurückgebliebenen nachfahren. In Turbenthal musste der eine oder andere seine Laterne mit Wasser nachfüllen, damit das Licht nicht ausgehe. Gegen 7 Uhr in der Frühe war die Gruppe in Wildhaus angelangt. Um 9 Uhr besuchte sie das Hochamt. Auf dem Rückweg hatte die Gruppe noch Zeit, in Wald die Chilbi zu besuchen. Schliesslich kamen die Fahrer um 8 Uhr abends in Kollbrunn mit grossem Hunger und Durst an.»

Warum wurden die Lampen mit Wasser gefüllt? Die Velos hatten damals Karbidlampen: Man füllte Kalziumkarbid in einen Behälter, und sobald Wasser dazukam, entwickelte sich ein brennbares Gas. Das Prinzip wurde ab 1900 genutzt und war bei Velos und Motorfahrzeugen, aber auch bei der Eisenbahn verbreitet. (dl)

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.

Kontakt

Inserieren

Abo

Services

Über uns