Seid gegrüsst, hier spricht ein Bauernkind aus dem Mittelalter
Chatbot im Ritterhaus Bubikon
Die neue Sonderausstellung im Ritterhaus hat innovative Tricks auf Lager: ein Chatbot, der ein Kind aus dem mittelalterlichen Bubikon simuliert. Und es hat viel zu erzählen.
Es braucht weder eine Kristallkugel noch ein Medium, um mit der Vergangenheit in Kontakt zu treten. Sondern lediglich ein grünes Telefon. Im Museum Ritterhaus kann man jetzt mit dem Bubiker Bauernkind Kim Huber aus dem Mittelalter «plaudern» – wie es selbst höflich sagt.
Für die aktuelle Sonderausstellung «Reichtum und Armut – damals und heute» hat das Museum in Bubikon tief in die digitale Trickkiste gegriffen. Denn das Bauernkind wird von einem Chatbot simuliert, welches auf einer künstlichen Intelligenz (KI) basiert. Die mit spezifischen Daten gefütterte KI beantwortet Fragen rund um den Alltag eines Bauernkinds von damals.
Wenn ich nicht auf dem Feld arbeite, spiele ich mit meinen Freunden Ritter und Burgen.
Kim Huber, Bauernkind aus dem mittelalterlichen Bubikon
Nimmt man den grünen, schon selbst fast antiken Hörer ab, so setzt sich das «Past Phone», oder das Vergangenheitstelefon, gleich mit Kim Huber in Verbindung. Eine Stimme weist auf eine kürzere Wartezeit hin: Eine Zeitreise dauert eben.
Und dann kann man gleich mit der simpelsten Frage einsteigen: Kim, wie sieht dein Alltag im Mittelalter aus? Vogelgezwitscher, Stalltiere oder das Rauschen von Heu klingen aus dem Telefon. Es baut sich eine magische Spannung auf, bis dann das Kind erzählt, wie es auf dem Feld arbeitet. Zur Schule geht es nicht. Lesen und Schreiben kann es auch nicht.
Nicht verwunderlich, dass sich ein Kind, welches bis zum 15. Jahrhundert der untersten Schicht angehörte, keinen Zugang zur Bildung hatte. Diese war nur dem Klerus und allenfalls dem Adel gewährt. Die gute Nachricht: Kinder wussten schon damals, wie man sich die freie Zeit versüsst. «Mit meinen Freunden spiele ich Ritter und Burgen», sagt Kim.
Die Unterschicht schreibt keine Tagebücher
Ob das Spiel wörtlich «Ritter und Burgen» hiess, ist unsicher, erklärt Noemi Bearth, Historikerin und Museumsleiterin des Ritterhauses. Belegt ist aber, dass Ritterspiele inszeniert wurden. «Das einfache Volk war von den adligen Ritterturnieren ausgeschlossen, und so inszenierten die Kinder zum Spass – oder auch um sich etwas darüber lustig zu machen – eigene Ritterspiele.»
Kim Huber soll Wissen möglichst spielerisch vermitteln. Die KI wurde im Vorfeld mit Daten über das Mittelalter, Bubikon und der Region gefüttert – mit all dem, was man aus dieser Zeit nun mal kennt. So kann Kim beispielsweise Antworten zum Egelsee und der Fischerei von damals geben.
Und würde dies nicht ausreichen, so kann die KI auch aufs Internet zugreifen, so wie ChatGPT auch. Kim ist jedoch ein fiktives Kind. Denn Tagebücher oder gar gemalte Bilder eines Kinds aus der mittelalterlichen Unterschicht gibt es nicht.
Kinder wissen, was Kinder wollen
Entwickelt wurde «Past Phone», mit welchem man mit Kim kommunizieren kann, von Rahel Tonini und Tim Hochuli. Die Simulation entstand im Rahmen ihres Masterstudiums «Digital Ideation» an der Hochschule Luzern, das interdisziplinär Design und Informatik verbindet. Die beiden haben zuvor schon im Klangmaschinenmuseum (KMM) in Dürnten ein Projekt realisiert. Das Interesse an Kulturvermittlung liegt den beiden am Herzen. «Wir wollten mit Museen und künstlicher Intelligenz arbeiten», sagt Rahel Tonini. Und voilà, das Vergangenheitstelefon wurde erschaffen und mit ihm auch Kim.
Der Chatbot wurde grundsätzlich für Schulklassen entwickelt. Denn Museen sind wichtige ausserschulische Lernorte und die «Past Phones» sind ein interaktives Medium, um die Geschichte des Mittelalters und das mittelalterliche Leben spielerisch zu vermitteln. «Ein Kind erinnert sich eher an Dinge, wenn es mit Emotionen verbunden ist», erklärt Tim Hochuli. Die Chatbots wurden aber so gestaltet, dass sie allen Besuchenden zur Verfügung stehen.
Bei der Entwicklung haben Tonini und Hochuli Schulklassen involviert, denn wer weiss besser, was Kinder wissen wollen, als sie selbst. «Wir haben gemerkt, dass sie sehr kreative Fragen haben, also mussten wir die KI dementsprechend anpassen», erklärt Tonini. Wie etwa in was für einem Haus Kim wohnt, oder wann das Kind zu Bett gehen muss.
Der Bot hat Charakter
Die grösste Schwierigkeit am Projekt sei gewesen, den Chatbot zu programmieren. «Es gab genug technische Schwierigkeiten und viele Nachtschichten», sagt Tonini lachend. Wenn sie nicht mehr weiterwussten, holten sie einfach einen anderen Bot zur Hilfe: ChatGPT.
Kim ist aber nicht der einzige Chatbot, mit dem man im Ritterhaus sprechen kann. Auch Elisabeth von Wetzikon, die Äbtissin von Zürich, und Hiltbolt von Schwangau, Ritter und Minnesänger, erzählen aus ihrem Leben und repräsentieren zwei weitere Schichten: den Klerus und den Adel.
Die drei Chatbots unterscheiden sich nicht nur durch ihren Inhalt, sondern auch durch ihre Persönlichkeit. «Kim hat einen fröhlicheren Charakter und macht gerne lustige Sprüche», erläutert die Entwicklerin. Denn die Kinder sollen mit Kim den «Plausch» haben.
Jetzt stellt sich nur noch die Frage: Ist Kim Huber überhaupt ein legitimer Name für eine mittelalterliche Person? Huber durchaus. Aber Kim? «Wir haben uns für einen geschlechtsneutralen Vornamen entschieden. Gewisse Kinder werden in Kim ein Mädchen erkennen, andere einen Jungen. Andere einfach ein Kind. Es hat sich gezeigt, dass dies ein grosser Gewinn ist, da so ganz unterschiedliche Fragen an Kim gestellt werden. Ausserdem ist Geschlechterneutralität auch keine Erfindung der Neuzeit. Dafür gibt es genug Beweise», sagt die Museumsleiterin mit einem Augenzwinkern.
Ausstellungen in der Region zum Thema Reichtum
Die interaktive Sonderausstellung im Ritterhaus Bubikon «Reichtum und Armut – damals und heute» läuft noch bis zum 31. Oktober und gibt Antworten dazu, was On Sneakers mit Schnabelschuhe gemeinsam haben. Die Ausstellung ist Teil des Kooperationsprojekts «Facetten des Reichtums», wo sechs Museen und ein Kunstfestival verschiedene Ausstellungen zum Thema Reichtum präsentieren. Mit dabei sind neben dem Ritterhaus Bubikon das Museum Neuthal, Museum Wetzikon, Kulturzentrum Dürnten, Nähmaschinenmuseum, Ortsmuseum Meilen und das Kunstlokal.