Sicherheitsforum in Bubikon
Die Mojuga lud zu einem Vernetzungsanlass ein mit dem Ziel, dass sich die Vertreter von Gemeinden und Behörden austauschen und Lösungsansätze diskutieren konnten.
Das Thema Jugendkriminalität ist aktuell sehr präsent im Oberland. In Dübendorf ist die Jugendpolizei regelmässig auf Patrouille unterwegs, in Greifensee will die Gemeinde zusammen mit der Stadtpolizei Uster die Ressourcen erhöhen und den Jugenddienst ausbauen.
Das von der Stiftung Mobile Jugendarbeit (Mojuga) organisierte Sicherheitsforum in Bubikon zum Thema «Vandalismus und Littering» war deshalb für die Vertreter verschiedener Gemeinden und Behörden von höchstem Interesse.
Frauen und Männer unterschiedlichen Alters und Branchen sind an diesem Vormittag im Bubiker Mojuga-Raum versammelt und in angeregte Gespräche vertieft. «Ich bedaure, Sie unterbrechen zu müssen, schliesslich sind Gespräche an einem Vernetzungsanlass mehr als erwünscht», sagt Rémy Schleiniger. Er ist Geschäftsleiter der Stiftung Mojuga.
Mit der Unterbrechung kündigt er den ersten Referenten an: Philippe Zehnder ist Gemeindepräsident in Erlenbach, Sicherheitsvorsteher und in dieser Funktion auch Präsident der Anti-Vandalismus- und Littering-Kommission.
Er erzählt von den positiven Erfahrungen, welche die Gemeinde an der Goldküste mit dieser Kommission gesammelt hat. «In Erlenbach konnten wir den ‹selbst produzierten› Vandalismus mit diesem Lösungsansatz so gut wie ausrotten.» Mit «selbst produziert» meint er jene Fälle, die von Tätern aus der eigenen Wohngemeinde begangen werden.
Die Kommission bestünde aus ausgewiesenen Fachleuten, die sich mit ihrer Erfahrung einbringen würden. «Es findet jeweils ein reger Informationsaustausch am runden Tisch statt», so Zehnder.
Zwar gebe es auch in Erlenbach immer mal wieder problematische Schulklassen, in denen zwei bis drei Alphatiere andere Jugendliche anstecken würden. «Wenn man dies durch ein funktionierendes Netzwerk frühzeitig erkennt, kann man bereits in der Anfangsphase dagegen vorgehen.»
Unter «Vorgehen» falle auch, dass Delikte konsequent angezeigt würden. «Vandalismus ist kein Kavaliersdelikt in Erlenbach. In unserer Gemeindezeitung weisen wir immer mal wieder darauf hin, dass jede mutwillige Sachbeschädigung Folgen haben wird.»
Für eine erfolgreiche Vandalismusbekämpfung sei es entscheidend, dass im Gemeinderat ein starker politischer Wille für die Bekämpfung von Vandalismus bestehe. «Die Erfahrung hat gezeigt, dass jugendliche Verursacher aus allen sozialen Schichten kommen und gewisse Eltern versuchen, die Behörden unter Druck zu setzen.» Standhaftigkeit sei darum gefordert, um alle vor dem Gesetz gleichzustellen und auch gleich zu behandeln.
Das Fazit des Erlenbacher Gemeindepräsidenten: «Jugendliche merken, ob ein Dorf koordiniert gegen Vandalismus vorgeht.» Den Austausch und ein funktionierendes Netzwerk bezeichnet er als wichtige Instrumente im Kampf gegen Jugendkriminalität.
Verhindern und ahnden
«Wir sind etwas andere Polizisten», eröffnet Chris Shaw sein Referat. Er ist stellvertretender Dienstchef Jugendintervention der Kantonspolizei Zürich (Kapo). Er und seine Kollegen ahnden hauptsächlich Fälle, bei denen Jugendliche «auf die schiefe Bahn geraten sind».
Seinen Ausführungen und Empfehlungen schickt er eine Relativierung voraus: «80 Prozent der Jugendlichen sind solide unterwegs – sie kommen nicht mit dem Gesetz in Konflikt. Von den restlichen 10 Prozent wird ein grosser Teil nach einem ersten Delikt nicht mehr straffällig.» Über kriminelle Energie und damit das Potenzial, zu Intensiv- oder Wiederholungstätern zu werden, würden glücklicherweise die wenigsten Jugendlichen im Kanton Zürich verfügen.
Die oberste Motivation der Polizei sei grundsätzlich, auffällige Jugendliche von Straftaten wegzubringen. «Viele Vandalismus-Opfer scheuen sich davor, Anzeige zu erstatten. Sie denken, sie würden den jungen Tätern dadurch ihre Zukunft verbauen.»
Der Polizist erklärt, weshalb das Gegenteil der Fall sei: «Vielen jugendlichen Straftätern werden durch den Kontakt mit Polizei und Jugendanwaltschaft die Augen geöffnet.» Wenn ihnen erst richtig bewusst sei, dass sie ein Gesetz übertreten hätten, würden die meisten ihr Verhalten, oder gegebenenfalls ihren Freundeskreis, überdenken.
Zwischen dem 10. und 18. Lebensjahr werden Delinquenten nach Jugendstrafrecht beurteilt. Im Gegensatz zum Erwachsenenstrafrecht wird bei Jugendlichen die Einbettung, also die Lebens- und Familienverhältnisse sowie die Entwicklung der Persönlichkeit berücksichtigt. «Bei ihnen steht der Schutz und die Erziehung im Vordergrund, nicht primär die Bestrafung.»
Erziehungsmassnahmen würden vom «erhobenen Zeigefinger» über persönliche Arbeitsstunden bis zu Therapien reichen. «Bis zum vollendeten 18. Altersjahr werden solche Massnahmen nicht im Strafregister eingetragen», so Chris Shaw. «Wenn der künftige Lehrmeister einen Strafregisterauszug verlangt, hat der Jugendliche also keine Steine im Weg zu befürchten.»
Er relativiert, dass das Thema Vandalismus kein neues Phänomen sei, «eine gewaltfreie Jugend wird es nie geben». Das Wichtigste sei die Prävention durch Vernetzung, die Früherkennung und die Ahndung. «Wir sollten alle am selben Strang ziehen, um Jugendliche aus dem strafrechtlichen Bereich zu bekommen.»
Nachhaltige Jugendarbeit
Abschliessend stellt der Gastgeber, Geschäftsleiter Rémy Schleiniger, die Stiftung Mojuga und ihr Aufgabengebiet vor. «In vielen Dörfern und Städten ist kaum Platz für die Jugendlichen», stellt er provokativ in den Raum. «Gibt es in Ihrer Gemeinde noch für mehr Platz als für den Strassenverkehr?»
Es sei deshalb nicht verwunderlich, wenn es im öffentlichen Raum zu Interessenkonflikten zwischen den Generationen komme. Genau dort setze die Mojuga an, mit begleiteten Jugendräumen (Jugi) und Treffpunkten für Jugendliche. «Wir engagieren uns mit Räumen und Plätzen, aber auch mit ausserschulischer Bildung.» Nicht zuletzt hätten viele Teenager dadurch ihre Sozialkompetenz verbessern können.
Oftmals würden einfache Massnahmen helfen, Konflikte im öffentlichen Raum aus dem Weg zu räumen. In der Mojuga Bäretswil beispielsweise hätte es Unruhen gegeben, weil Jugendliche den Friedhof in Beschlag genommen hätten. «Es war der einzige überdachte Platz im Dorf», erklärt Jugendarbeiter Pasqual.
Seit der Platz vor dem Jugendtreff überdacht worden sei, habe sich der Treffpunkt dorthin verschoben. «Selbstverständlich halten wir sie dazu an, den Platz selbständig zu putzen», resümiert er mit einem Augenzwinkern.
Ein weiteres Beispiel ist das Littering-Problem in der Gemeinde Dürnten. Gemäss Jugendarbeiterin Tanja würden sie immer das direkte Gespräch mit jungen Abfallsündern suchen. «Wenn aber bei öffentlichen Sitzgelegenheiten schlichtweg Abfallkübel fehlen, wird die Umsetzung schwierig.»
Gemeindeübergreifende Diskussionen
In den Pausen zwischen den Referaten tauschen sich die Vertreter der Gemeinden und Behörden rege aus. «Grundsätzlich sind alle gegen Vandalismus, bis es das eigene Kind betrifft», resümiert Philippe Zehnder, Gemeindepräsident von Erlenbach. In seiner Gemeinde würde jede grössere Sachbeschädigung zur Anzeige gebracht.
In der Thurgauer 3000-Seelen-Gemeinde Fischingen ist das Thema Jugendgewalt gemäss Gemeinderat Markus Hirzel «noch» weniger brisant. «Die Schulen sind bei uns sehr stark eingebunden, wir begleiten sie, wenn auch in schwächerer Form als dies in Erlenbach gemacht wird.» Littering sei vor allem nach Dorfanlässen wie Grümpelturnieren ein Thema, «es sind also nicht immer die Jungen». Mit «Fötzelitagen» würden an den Schulen die Kinder auf dieses Thema sensibilisiert.
Marco Bezjak, Präsident der Stiftung Mojuga, bestätigt: «Littering ist nicht primär ein Jugendthema. Unsere Kinder wachsen damit auf. Sie sehen, wie Erwachsene an Anlässen ihren Müll auf den Boden werfen oder aus dem fahrenden Auto – und kopieren das später.»
Von Tags zu radikalen Fans
Marco Bezjak beschreibt eine weitere Form des Vandalismus: «Graffitis und Schriftzeichen, sogenannte Tags, werden oft auch von Erwachsenen an Wände gesprayt.» Häufig seien es (Fan-)Gruppierungen, die sich gegenseitig aufwiegeln würden. «Solche Konflikte spielen sich manchmal auch in den Jugendtreffs ab.» In einem Jugi sei schon mal extra eine Wand aufgestellt worden, die offiziell getagt werden durfte. «Wenn wir auf Rundgängen Tags entdecken und die Verursacher kennen, konfrontieren wir sie damit und besprechen mit ihnen ihre Beweggründe.»
Gemäss Chris Shaw von der Kantonspolizei sind die Übergänge von Tags bis zu perfekten Graffitis fliessend, wobei Letztere häufig auch von Erwachsenen ausgeführt würden. «Aber auch die kleinste Schmiererei ist eine Sachbeschädigung und wird genauso geahndet wie ein flächendeckendes Graffiti.»
Viele denken beim «Tagging» an die Schriftzeichen verfeindeter Fussballklubs. Tatsächlich gibt es bei der Kantonspolizei Zürich Spezialisten, welche sich explizit mit der Fan-Szene und ihrem Ausgehverhalten beschäftigen. «Leider nimmt der Anteil an jüngeren vandalierenden Fans zu», bestätigt Shaw. «Um eskalierende Ausschreitungen zu verhindern, ist die Vernetzung und Früherkennung enorm wichtig. Wir tauschen uns mit Vereinen und Stadien aus und setzen Massnahmen konsequent durch.» Dazu gehöre auch das «Mitgehangen/Mitgefangen»-Prinzip: «Wer aufpasst, ob die Polizei kommt, wird genauso bestraft wie der Straftäter selbst.» (ks)