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Gesellschaft

Ein Meilenstein für Fin

Es sind kleine, aber wichtige Schritte: Mit viel Mühe und Training lernt Fin, was für gesunde Kinder selbstverständlich ist. Ein Meilenstein.

Fin Grossenbacher ist ein Kind mit besonderen Bedürfnissen, der ständige Betreuung braucht. Doch der Achtjährige macht Fortschritte – unter anderem in der Schule, wo er in die zweite Klasse geht.

Foto: Marie Fredericq

Ein Meilenstein für Fin

Kleine Schritte, grosse Wünsche

Fin Grossenbacher aus Rüti ist achteinhalb Jahre alt – und bereits sein Leben lang mit einigen Herausforderungen konfrontiert. Seine Mutter erzählt von seinem Fortschritt und seinen Wünschen für die Zukunft.

Von den Wänden strahlt Fin von Dutzenden Bildern in die Wohnung, während die Sonne an diesem schönen Wintermittag in die Küche Tanja Grossenbachers scheint. Es sind grosse und kleine Fotos, allein und mit Familie – der achtjährige Junge ist in seinem Rütner Zuhause allgegenwärtig.

«Super Fin» steht an seiner Zimmertür, die einen Einblick in sein Leben gibt. Sein Reich ist bunt, gefüllt mit Kuscheltieren und Figuren – und einem grossen, verstellbaren Bett. Denn Fin ist ein Junge mit besonderen Bedürfnissen.

Im Alter von rund fünf Monaten zeigten sich bei Fin erste Anzeichen von gesundheitlichen Problemen. Es folgten endlose Arztbesuche, Diagnosen und schlaflose Nächte – denn Fin leidet unter dem West-Syndrom, einer seltenen Form der Epilepsie. Hinzu kommt eine Zelebralparese, Augenprobleme und Schwierigkeiten mit der Nahrungsaufnahme.

Zwei Schritte vor, einer zurück

Was die junge Familie damals aus der Bahn warf, ist heute Teil ihres Alltags. Mittels verschiedener Therapien, für welche die Familie selbst aufkommt, verbessert sich Fins Zustand stetig. Seit über zwei Jahren ist der Junge nicht mehr auf eine Magensonde angewiesen, sondern kann Nahrung oral aufnehmen. Auch Sitzen kann er von allein, laufen mit Unterstützung – wenn er gute Phasen hat.

«Aktuell haben wir wieder eine schwierige Zeit mit mehreren nächtlichen Epilepsie-Anfällen», erzählt Tanja Grossenbacher. Dann verschwinde Fins Fortschritt – vorübergehend. «Sobald es ihm wieder besser geht, kommt das aber wieder zurück – und dann kann er wieder von allein sitzen, es läuft mit dem Essen besser, und er spaziert mit Unterstützung durch die Gegend.»

Gerade die Bewegungsfreiheit von Fin ist Tanja Grossenbacher ein Anliegen. «Zu Hause benutzen wir den Rollstuhl nicht», erzählt sie. Denn um die Fortschritte zu erhalten, ist ständiges Trainieren an der Tagesordnung.

Um Fins Zustand weiter zu verbessern, setzen Tanja und Simon Grossenbacher vor allem auf Alternativmedizin, denn Medikamente sedieren den Jungen mehrheitlich – ausserdem brachten sie nicht wirklich eine Verbesserung von Fins Zustand, weshalb der Junge nun als «austherapiert» gilt. In der wöchentlichen Hippotherapie soll die Rumpfmuskulatur gestärkt werden. Ausserdem sind die drei gerade aus Florida zurück, wo Fin zur Delfintherapie ging – eine Therapie, die dem kleinen Jungen nachhaltig hilft.

Fin tanzt mit Oberstüflerin

Neben speziellen Therapieformen wie der Delfintherapie hat Fin auch wöchentliche Therapien wie Physio- und Ergotherapie sowie Logopädie, die in seinen Schulalltag integriert sind – denn der achtjährige Junge geht mittlerweile in die zweite Klasse der Ilgenhalde in Fehraltorf, einer Schule für Kinder mit speziellen geistigen und körperlichen Bedürfnissen.

Auf der Tagesordnung stehen aber nicht nur Therapien, sondern auch normaler Unterricht – denn auch Fins Schule folgt dem Lehrplan 21. Natürlich seien die Inhalte auf die Kinder angepasst. «Fin muss nicht das Einmaleins oder das Abc beherrschen. Da ist die individuelle Förderung wichtiger.»

Über einen Button kommunizieren Tanja Grossenbacher und die Klassenlehrerin miteinander – so kann Fin von seinem Schultag «erzählen» und am Montag in der Klasse von seinem Wochenende «berichten». Per Knopfdruck, der von Fin ausgelöst wird, spielt der Button die Sprachaufnahme der Lehrerin oder von Fins Mutter ab.

So erzählen die beiden in Fins Namen, was auf dem Programm stand, wie es ihm ging oder welche Highlights der Tag mit sich brachte. «Da Fin selbst nicht spricht, ist das ein schöner Weg, von seinem Alltag zu erfahren», erklärt Tanja Grossenbacher. So kommentiere die Lehrerin beispielsweise Fins Fortschritte in den Fächern oder Meilensteine bei den Therapiestunden. Oder, dass Fin mit einer Oberstüflerin tanzte – was ihm sehr gefallen habe.

Mehr Inklusion

Fin gefällt es in der Schule, denn der kleine Mann mag es, wenn viel läuft. Trotzdem wünscht sich Tanja Grossenbacher noch mehr Ansporn für ihren Sohn – indem er mehr Kontakt zu gesunden Kindern hat. «Das ist aber ein gesellschaftliches Thema», sagt sie.

«Kinder orientieren sich visuell. Wenn Fin vor allem um Kinder ist, die ebenfalls beeinträchtigt sind, hat das einen Einfluss.» Sie wünsche sich sowohl für Fins Fortschritt, aber auch für den Austausch zwischen beeinträchtigten und gesunden Personen mehr Berührungspunkte – ganz im Sinne der Inklusion.

Fin sei zwar oft um andere Kinder, das habe aber einen persönlichen Hintergrund. So sei er in der Familie ihres Partners, der vier eigene Kinder mitbringt, gut integriert. «Kinder haben im Normalfall keine Berührungsängste mit Fin, im Gegensatz zu Erwachsenen», erzählt sie.

Würden beeinträchtigte Personen schon im Kindesalter mehr integriert, würden sich diese Barrieren eher lösen. «Das wäre im Sinne des gesellschaftlichen Zusammenlebens wünschenswert.»

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