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«Mit Corona ist das Ganze explodiert»

Hexen, Reptilioiden, Staatsverweigerer: Der Rütner Georg Otto Schmid spricht über die obskuren Grenzregionen unserer Glaubenslandschaft.

Beschäftigt sich mit Religionen, Sekten und kruden Weltanschauungen: Georg Otto Schmid.

Foto: Simon Grässle

«Mit Corona ist das Ganze explodiert»

Rütner Sektenexperte

Seit zehn Jahren führt der Theologe Georg Otto Schmid die Evangelische Informationsstelle Relifno in Rüti. Zeit für eine Bestandesaufnahme – und eine Reise durch die obskuren Grenzregionen unserer Glaubenslandschaft.

Die Evangelische Informationsstelle überschaut gemäss ihrem Auftrag die Bereiche Kirche, Religion und Sekten. Ein riesiges Feld. Was macht Ihnen dieser Tage am meisten Arbeit?

Georg Otto Schmid: Das sind vor allem Gemeinschaften, die stark werben. Die müssen nicht zwingend problematisch sein, doch durch ihren missionarischen Eifer kommen sie mit vielen Menschen in Kontakt, was zu mehr Informationsbedarf führt. Unsere Statistik zeigt, dass ein Viertel aller Anfragen in den Bereich der Freikirchen und ein weiteres Viertel auf die Esoterik entfallen. Das ist insofern bemerkenswert, als dass in der Schweiz nur rund fünf Prozent ein esoterisches Weltbild und nur zwei bis drei Prozent einen freikirchlichen Hintergrund haben.

Also kleine Gruppen, die durch ihr Auftreten grosse Resonanz auslösen.

Genau. Nehmen wir das Beispiel Scientology: Die Gruppe steht in unserer Anfragenstatistik seit Jahren an der Spitze. Dabei ist die Zahl der Mitglieder seit Jahrzehnten rückläufig. Zählte sie hierzulande in den 1990er Jahren noch gut 3000 aktive Mitglieder, sind es heute geschätzt noch 500. Diese sind allerdings sehr engagiert, auch mittels vieler Frontorganisationen, bei denen Scientology gegen aussen bewusst nicht ins Zentrum gestellt wird.

Kommt es oft vor, dass Organisationen ihre wahre Identität verschleiern, um die Menschen anzulocken und zu manipulieren?

Nicht oft, aber immer wieder. In den 1970er und 1980er Jahren gab es diverse Jugendsekten, die so vorgingen, später aber vom Radar verschwanden. Besorgniserregend ist, dass seit rund acht Jahren mit der südkoreanischen Neuoffenbarungsgemeinschaft «Schincheonji» wieder eine Organisation in der Schweiz aktiv ist, die sich dieser Techniken stark bedient. Deren Führer, der 93-jährige Man-hee Lee, sieht sich als unsterblichen, verheissenen Boten der Endzeit und im exklusiven Besitz des Schlüssels zum Verständnis der Bibel. Dabei richtet sich «Schincheonji» an Menschen mit christlichen Wurzeln, mit denen sie das Paradies auf Erden errichten wollen. Junge Leute werden mit Manipulationsmethoden angelockt, indem beispielsweise eine Freundschaft vorgegaukelt und die Identität der Gemeinschaft lange verschleiert wird.

Das Zürcher Oberland ist für «Schincheonji» ein beliebtes Jagdrevier.

Georg Otto Schmid

Trifft man diese Gemeinschaft auch im Zürcher Oberland an?

Ja. Sie operiert vor allem von Zürich aus. Und weil sich im Zürcher Oberland traditionell viele Menschen mit freikirchlichem Hintergrund bewegen, ist die Region für sie ein beliebtes Jagdrevier. Auch deshalb legen wir hier, etwa wenn wir für einen Vortrag im Religionsunterricht eingeladen werden, derzeit einen Fokus auf «Schincheonji».

Erlauben Sie eine Zwischenfrage: Warum ist denn der christliche und freikirchliche Hintergrund im Oberland traditionell so weit verbreitet?

Als im 16. Jahrhundert in Zürich die Reformation Fuss fasste, wurde für die Kantonsbevölkerung der reformierte Glaube verbindlich. Während das in den Zentren strikt durchgesetzt wurde, duldete es die Regierung in den ländlichen Kantonsgebieten eher, wenn neben den regulären Gottesdiensten noch zusätzliche Versammlungen abgehalten wurden. Als wiederum im 19. Jahrhundert die Religionsfreiheit eingeführt wurde, formierten sich diese Versammlungen zu Freikirchen. Das führte dazu, dass aus den Randregionen der reformierten Stadtkantone eigentliche Freikirchen-Hotspots wurden. Ich denke da ans Emmental, den Berner Jura, das Berner Oberland, das Tösstal oder das Zürcher Oberland.

Ein Buddha-Statue im Beratungszimmer von Relinfo.
In der hiesigen Glaubenslandschaft findet sich nicht nur Buddha, sondern auch Hexen und Reptiloiden.

Haben Sie neben «Schincheonji» noch weitere Gruppen ausgemacht, die derzeit die jüngeren Menschen besonders ansprechen?

Aktuell sehen wir einen Trend hin zu Gruppen, die die Wahrheit in der eigenen Seele oder in Psychotechniken sehen – etwa im positiven Denken oder in bewusstseinserweiternden Drogen. Ausserdem ist der sogenannte Neopaganismus, auch Neuheidentum genannt, auf dem Vormarsch. Hier wird versucht, die vorchristlichen Religionen der keltischen, germanischen und slawischen Völker zu rekonstruieren oder sich auf eine fiktive Urreligion zu beziehen. Letzteres tut etwa die Hexenbewegung, die vor allem rituelle Bedürfnisse abdeckt und mit Magie arbeitet. Hier haben wir auch im Zürcher Oberland eine lebendige Szene, die aber sehr dezentral organisiert ist und sich in ihrer Zusammensetzung stets wandelt.

Hexen? Das klingt beängstigend.

Nicht zwingend. Die meisten Hexen wollen «weisse Hexen» sein und Gutes bewirken. Der Glaube an «weisse Magie» ist oft eine Phase, die dann unproblematisch verläuft, wenn irdische Lösungen nicht vernachlässigt werden, und wenn der Hexenglaube mit Augenzwinkern vertreten wird. Wer Magie hingegen für allmächtig hält, kann in Wahnvorstellungen abgleiten, und wer als sogenannte «schwarze Hexe» Rituale mit Satanismus kombiniert, gerät in gefährliche Gefilde.

Im Rodismus werden rassistische Ideen mit einem extrem konservativen Rollenbild verbunden.

Georg Otto Schmid

Die Hexenbewegung ist eine weibliche Domäne. Gibt es umgekehrt auch etwas, das besonders Männer anspricht?

Es gibt durchaus auch männliche Hexen, doch das Interesse an dieser Bewegung ist unter vielen Frauen schon viel grösser. Aber zu Ihrer Frage: Tatsächlich beobachten wir mit Besorgnis, wie sich unter jungen Männern etwas ausbreitet, das sich «Nordische Religion» nennt. Darin vereint sich der Glaube an Wikingergötter mit einer rechten Gesinnung. Diese propagiert unter anderem den Ethnopluralismus, der sich darauf beruft, dass alle Menschen dort leben sollten, wo sie schon vor 200 Jahren gelebt hatten. In der Öffentlichkeit ist dieses Konzept jüngst im Zusammenhang mit dem von der deutschen AfD und der Identitären Bewegung portierten Begriff der Remigration aufgetaucht.

Bezüglich Rassismus warnen Sie auf Ihrer Website auch vor dem sogenannten Rodismus. Worum handelt es sich dabei?

Es handelt sich hierbei um eine russische Richtung innerhalb des oben erwähnten Neopaganismus. Der Namensgeber Rod ist einer der Götter aus der vorchristlichen Zeit, an den früher im slawischen Raum geglaubt wurde. Da aus jener Epoche nur wenig überliefert ist, lassen sich beliebig Dinge hinzuerfinden. So werden rassistische Ideen mit einem extrem konservativen Rollenbild verbunden. Es wird behauptet, dass alle «weissen» Menschen, auch Nicht-Slawen, auf diesen Rodismus zurückgehen und ihn vertreten sollten. Dass eine prominente Vertreterin von einer Lokalsektion der Anti-Corona-Massnahmen-Gruppe «Urig» im März für einen Vortrag nach Luzern eingeladen wurde, ist ein Indiz dafür, dass er auch bei uns angekommen ist.

Womit wir bei Widerstandsgruppen aus der Corona-Zeit angekommen sind. Die Grenzen scheinen fliessend.

Oh ja. «Urig», das einst von Massnahmengegnern im Kanton Uri gegründet wurde, ist föderalistisch aufgebaut und gibt sich freiheitlich-national orientiert. Mit «Graswurzle» gibt es noch eine weitere grosse Bewegung, die zentralistisch organisiert ist und eher international denkt. Beide haben auch Vereine im Oberland. Problematisch wird es dort, wo Parallelgesellschaften angestrebt werden – ein eigenes Schulsystem, ein eigenes Gesundheitssystem und so weiter. Da gibt es dann auch Berührungen mit gefährlicheren Gruppen, etwa der wachsenden Szene der Staatsverweigernden.

Georg Otto Schmid im Interview mit dem ZO-Autor.
Georg Otto Schmid will festgehalten haben, dass sich nur ein kleiner Teil der Staatsverweigernden komplett verweigert.

Die Staatsverweigernden werden gegenwärtig in den Medien viel thematisiert, weil sie die Behörden stark auf Trab halten. Wo liegt deren gemeinsamer Nenner?

Neben der konsequenten Ablehnung des Staates ist das die Person-Mensch-Theorie. Staatsverweigernde glauben, dass sie als Mensch zur Welt kommen und dann vom Staat zur Person gemacht werden – also zu Personal des Staats. Da sie das nicht sein wollen, schreiben sie sich nach dem Schema «:vorname, :nachname», also mit Doppelpunkt und in Kleinbuchstaben. So bezeichne sie der Namen als Mensch, im Gegensatz zur normalen Schreibung, die nur auf die Person ziele.

Und wie legitimieren sie ihre Haltung?

Jetzt wird es bunt. Die einen behaupten, dass die Schweiz auf vatikanischem Recht basiere und deshalb illegitim sei. Andere stützen sich darauf, dass 1848 nicht alle Kantone der neuen Bundesverfassung zugestimmt haben. Wiederum andere glauben, dass die Schweiz heimlich von einem Staat in eine Firma umgewandelt wurde. Eine weitere, neuere Variante zeigt ein Fall aus dem Thurgau. Dort hat sich jemand darauf berufen, Teil eines indigenen Volkes namens «Germaniten» zu sein und unter dem Schutz der Uno-Deklaration über die Rechte indigener Völker zu stehen.

Die Staatsverweigernden gelten als mühsam. Aber sind sie auch wirklich gefährlich?

Es ist wichtig festzuhalten, dass sich nur ein kleiner Teil von ihnen letztlich komplett verweigert. Manchen genügt es bereits, wenn sie nach ihren Wünschen angeschrieben werden. Viele sind renitent, kommen ihren finanziellen Pflichten aber letztlich doch noch nach. Und dann gibt es einzelne, die sich wirklich komplett verweigern. Da kann es im Extremfall schon heikel werden, man denke nur an die Reichsbürger in Deutschland.

Da liegt die Vermutung nahe, dass ein guter Psychiater diese Entwicklung vielleicht hätte stoppen können.

Georg Otto Schmid

Rational ist das alles nur sehr schwierig nachvollziehbar.

Die Staatsverweigernden haben ihre ganze eigene Rationalität – aber eben auch eine sehr starke Emotionalität, die sich in extremem Zorn äussern kann. In den Biografien dieser, in der Regel Männer, findet sich oft ein Ereignis, das diese als extrem ungerecht empfinden. Die Pandemie hat mit der Impfkampagne, den Massnahmen und der Maskenpflicht manchem ein solches Moment geliefert. Fragt man aber dann in der Umgebung nach, hört man schnell einmal, dass der Betroffene schon zuvor rechthaberisch oder gar querulant gewesen sei. Da liegt dann auch die Vermutung nahe, dass ein guter Psychiater zur richtigen Zeit diese Entwicklung vielleicht hätte stoppen können.

Verschwörungstheorien hat es immer gegeben. Dennoch: War Corona ein Katalysator?

Ihre Verbreitung hat seither ganz klar zugenommen. Aber wir haben schon vor elf Jahren im esoterischen Bereich eine erste starke Zunahme festgestellt. Das wiederum hing mit dem Ende einer Epoche des Maya-Kalenders per 21. Dezember 2012 zusammen, auf den in manchen Kreisen die Umwandlung der Erde in ein spirituelles Paradies vorausgesagt worden ist. Um deren Ausbleiben zu erklären, wurde ab 2013 verbreitet, dass sie von Verschwörern verhindert wurde. Mit Corona ist das Ganze dann explodiert – auch, weil die Theorien nicht mehr nur im esoterischen Bereich, sondern auch vermehrt unter säkularen Menschen Anhänger fanden. Leute, die nicht religiös sind und angesichts dieses Ausnahmezustands nach einem Sinn suchten, haben darin eine Art Ersatzreligion gefunden.

Zwei Lesebrillen liegen auf ein paar Büchern.
Die Reptiloiden-Theorie mutet skurril an, ist gemäss Georg Otto Schmid aber extrem effektiv.

Welche religiösen Züge können denn solche Theorien haben?

Sie haben einen Erlösungscharakter. Die Menschen müssen nur aufgeweckt werden, dann werden die dunklen Mächte, die alles lenken, besiegt. Klassisch ist da die Reptiloiden-Theorie. Diese besagt, dass die Eliten eigentlich Reptilien sind, die von der Angstenergie der Bevölkerung leben. Sie erfinden deshalb Dinge wie Terrorismus oder eben die Corona-Pandemie, um möglichst viel Angst zu schüren. Jede Person, die das erkennt, verliert aber diese Angst – und entzieht so den Elite-Reptilien das Lebenselixier.

Skurril …

… aber extrem effektiv. Solche Theorien liefern nicht nur einfache und klare Antworten auf komplizierte Fragen – sie erklären auch persönliche Probleme. Eine Studierende, die die Prüfungen nicht bestanden hat, kann glauben, dass ihr Erfolg von den Reptiloiden bewusst torpediert wurde, weil sie kurz vor dem «Aufwachen» stand. Oder ein frisch Pensionierter erfährt, dass er als «Erwachter» zur Elite der Menschheit gehört und seine Bestimmung auf Erden noch vor ihm liegt. Das ergibt Lebenssinn und dank der Vernetzung im Internet auch ein Zusammengehörigkeitsgefühl.

Wenn zu viel über eine zu lange Zeit nicht stimmt, erhöht sich die Ausstiegswahrscheinlichkeit.

Georg Otto Schmid

Müssen wir angesichts der aktuellen Weltlage nun damit rechnen, dass sich solche Bewegungen ungebremst ausdehnen?

Nein, zumindest im Corona-Bereich glauben wir inzwischen wieder eine rückläufige Tendenz zu erkennen. So mancher Verschwörungsanhänger hat von seinen Theorien wieder Abstand genommen. Wenn zu viel über eine zu lange Zeit nicht stimmt, erhöht sich die Ausstiegswahrscheinlichkeit. So haben sich etwa viele Horrorszenarien im Zusammenhang mit der Covid-Impfung in den bald drei Jahren seit dem Beginn der Kampagne nicht bewahrheitet.

Was, wenn man jemandem im Umfeld hat, der trotzdem immer weiter abgleitet?

Steht die Person noch am Anfang, macht kritische Aufklärung Sinn, zum Beispiel mittels spezialisierter Faktencheck-Webseiten. Ist jemand schon tiefer drin, ist eine Konfrontation meist kontraproduktiv. Muss die Person ihre Theorie verteidigen, verstärkt sich ihr Glaube in sie. Das ist ein Muster, das wir auch bei religiösen Gemeinschaften sehen, die ihre Mitglieder von Tür zu Tür schicken, um zu missionieren. Dabei geht es nämlich nicht nur darum, Neumitglieder anzuwerben, sondern im Gespräch mit Aussenstehenden auch den eigenen Glauben zu festigen. Den Kontakt sollte man aber unbedingt aufrechterhalten, weil der Betroffene sich sonst nur noch in der eigenen Blase bewegt. Ist er dereinst nämlich tatsächlich ausstiegswillig, hat er so eine Brücke, über die er ins normale Leben zurückfinden kann.

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